Russische Revolution: 90. Jahrestag der Februarrevolution

Ronald Luther, CWI-Deutschland

Am 23. Februar (nach dem alten russischen Kalender, am 8. März mach unserem Kalender) 1917, also vor 90 Jahren, begann in Russland die Februarrevolution, die mit dem Sturz des monarchistischen Regimes von Zar Nikolaus II. endete. Sie setzte die unvollendet gebliebene Revolution von 1905 fort und mündete acht Monate später in die sozialistische Oktoberrevolution.

Zum Zeitpunkt der Revolution war Russland ein rückständiges, halbfeudales Land mit 150 Millionen EinwohnerInnen, von denen über 70 Prozent weder lesen noch schreiben konnten. Religiöse Vorurteile, Aberglauben und patriarchalische Familienstrukturen waren tief verwurzelt. Die Anbaumethoden in der russischen Landwirtschaft befanden sich auf dem Stand des 17. Jahrhunderts. Erst 1861 wurde die Leibeigenschaft abgeschafft und 1906 eine halbherzige Agrarreform durchgeführt. Noch 1917 besaßen 30.000 Großgrundbesitzer genauso viel Land wie 10 Millionen Bauernfamilien. Obwohl ab 1880 von der Herausbildung einer modernen Großindustrie gesprochen werden kann, lebte 1913 immer noch 80 Prozent der Bevölkerung auf dem Land, nur 10 Prozent arbeiteten in der Industrie. Die Industrieproduktion wuchs rasant: beispielsweise von 1893 bis 1900 um jährlich 9 Prozent. Im gleichen Zeitraum stieg die Zahl der IndustriearbeiterInnen von 1,4 auf 2,4 Millionen Die Bevölkerung blieb dabei bitterarm. So belief sich das durchschnittliche Einkommen je russischen Beschäftigten auf nur 80,9 Prozent des Standards, der für Großbritannien im Jahre 1688 galt. Armut, Hunger und Not wurden durch die brutale Unterdrückung seitens des despotischen Zarismus weiter verstärkt. Die brutale Niederschlagung diverser Bauernunruhen, Arbeiterstreiks und besonders der Revolution von 1905 waren ins Gedächtnis der ArbeiterInnen und BäuerInnen eingebrannt. Wer als Aufrührer galt wurde erschossen, in den Kerker geworfen oder nach Sibirien verbannt. Die vielen im großen russischen Reich lebenden Nationalitäten mussten eine noch viel grausamere Unterdrückung erleiden. Pogrome, hauptsächlich gegen die jüdische Bevölkerung, kamen immer wieder vor und wurden oft und gerne vom zaristischen Regime provoziert, um von den wahren Ursachen der Unterdrückung abzulenken. Die recht schwache russische Bourgeoisie (Bürgertum) besaß in den weit verstreut liegenden, bedeutungslosen Städten meist nur von der Landwirtschaft abhängige Gewerbe- und Handelsbetriebe. Obendrein war sie eng mit dem Landadel verbunden. Nach der gescheiterten Revolution 1905 wurde die Bourgeoisie infolge des starken Wachstums der Arbeiterklasse immer ängstlicher. Jeder erneute Versuch eines revolutionären Sturzes des feudalen Zarenregimes hätte stets die Gefahr der sozialistischen Revolution durch die russische Arbeiterklasse mit sich gebracht. Diese Angst sollte die Haltung der bürgerlichen Kräfte im Revolutionsjahr 1917 prägen.

Bolschewiki und Menschewiki

Im Jahre 1898 entstand die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands (SDAPR). Bereits auf dem 2. Parteitag 1903 spaltete sich die SDAPR in zwei Fraktionen: die Bolschewiki (Mehrheitler) und die Menschewiki (Minderheitler). Die Menschewiki stellten dabei den gemäßigten Teil der russischen Sozialdemokratie dar, der erst auf den Sturz des Zaren durch eine bürgerliche Revolution unter der Führung des Bürgertums setzte. Danach sollte in Russland erst mal eine bürgerlich-demokratische, kapitalistische Entwicklung anstehen, bis dann irgendwann in ferner Zukunft die sozialistische Revolution an der Reihe sei. Bis dahin sollte die Sozialdemokratie die linke Opposition sein. Die Bolschewiki hingegen - deren bekanntester Vertreter der russische Revolutionär W. I. Lenin war - gingen zwar auch davon aus, dass Russland vor einer Phase demokratisch-kapitalistischer Entwicklung stand. Sie erkannten aber, nicht das schwache Bürgertum, sondern nur die ArbeiterInnen und BäuerInnen eine Revolution durchführen konnten. Nur sie könnten daher die bürgerlichen Aufgaben (Sturz der Monarchie, Landverteilung, Lösung der nationalen Probleme, industrielle Entwicklung etc.) lösen. Die Folge dieser Revolution sei daher die Errichtung einer revolutionären Regierung der ArbeiterInnen und BäuerInnen und nicht die der Bourgeoisie. Dazu wäre es notwendig, eine straff organisierte revolutionäre Partei aufbauen. 1912 kam es zur endgültigen Spaltung der russischen Sozialdemokratie, wobei im Jahre 1917 in vielen Städten Menschewiki und Bolschewiki zu Beginn der revolutionären Ereignisse eng kooperierten.

1. Weltkrieg

Das Leid der russischen Bevölkerung sollte sich während des 1. Weltkrieges nochmals verstärken. Kurz vor Kriegsausbruch war die Stimmung in der Arbeiterklasse und Bauernschaft auf einem Siedepunkt angelangt. Die Zahl an politischen Streiks war mit 1.059 im ersten Halbjahr 1914 fast wieder auf dem Niveau der Revolution 1905 mit 1.843 Streiks angelangt. Der Ausbruch des 1. Weltkrieges schob der weiteren Entwicklung hin zur Revolution erst mal einen Riegel vor. Eine Welle der Kriegsbegeisterung und des Patriotismus zog durch das Land. Besonders patriotisch und kriegsbegeistert gaben sich die bürgerlichen Konstitutionellen Demokraten (Kadetten), die 1905 noch mit gegen den Zaren revoltiert hatten. In der Sitzung der Reichsduma (Parlament) bei Kriegsausbruch am 26. Juli 1914 verkündeten diese Führer der russischen Bourgeoisie: „Wir stellen keine Bedingungen und Forderungen, wir legen einfach auf die Waage den festen Willen, den Gegner zu überwinden.“ Zwar brachten auch die Abgeordneten der Bolschewiki zu Kriegsbeginn gemeinsam mit der menschewistischen Fraktion eine Resolution in die Duma ein, in der sie sich verpflichteten, „das kulturelle Wohl des Volkes gegen jeden Anschlag, woher er auch kommen möge, zu verteidigen“. Allerdings begannen die Bolschewiki bereits kurz danach mit der Arbeit gegen den Krieg. Ein wichtiger Grund für dieses Schwanken war auch, dass sich die erfahrene eigentliche Führung der Bolschewiki um Lenin in der Emigration befand. Während die anderen Parteien der Duma ihre Kriegsunterstützung weitgehend beibehielten, wurden die Bolschewiki wegen ihrer Anti-Kriegshaltung von Anfang an mit Repressalien überzogen. Bereits im November 1914 wurden die bolschewistischen Duma-Abgeordneten und damit de facto die Inlandsführung der Bolschewiki verhaftet. Damit wurden die an sich schon stark in der Defensive befindliche Partei noch härter getroffen. Durch das Fehlen einer zentralen Führung agierten sie, wenn sie überhaupt agierten, zersplittert und weitgehend ineffektiv. Erst mit Einsetzen der Anti-Kriegsstimmung in der Bevölkerung und erster Streiks sollte sich das wieder ändern. Welche Gefahr das zaristische Regime in den Bolschewiki und besonders in deren Führung sah zeigte die Aussage des Justizministers Chwostow vom 16. August 1915 angesichts erster Streiks: „Wenn jetzt keine bewaffneten Aktionen der Arbeiter stattfinden, so ausschließlich deshalb, weil sie keine Organisationen besitzen.“ Und: „Die Dumamitglieder (Bolschewiki) darf man nicht amnestieren, sie sind das organisierende Zentrum der Arbeiterbewegung in ihren gefährlichsten Äußerungen.“

Erste Anti-Kriegsproteste

Wegen Preissteigerungen kam es im Frühjahr 1915 zu Hungerunruhen von Frauen, RentnerInnen und Jugendlichen. Vereinzelt kam es auch zu reaktionären Exzessen, wie Deutschenpogromen. Aber die Hungerunruhen waren die ersten Anti-Kriegsproteste. Infolge dieser Unruhen kam es im Sommer 1915 zu einer Streikwelle im zentralen Textilgebiet, die sich auch auf andere Regionen des Reiches ausbreitete. Am 9. Januar 1916, dem Jahrestag des die Revolution von 1905 auslösenden „Blutsonntag“, kam es zum ersten umfangreicheren Streik. Wegen sprunghaft steigender Preise und Warenknappheit, die zu einer Halbierung des Verbrauchs der Bevölkerung führte, flammten über das Jahr immer mehr Streiks und öffentliche Straßendemonstrationen auf, die von berittener Polizei und Kosaken (Reitertruppen der zaristischen Armee) auseinander getrieben wurden. Der Gedanke nach der Notwendigkeit eines Generalstreiks griff mit jeder weiteren Verschlechterung der Lebens- und Arbeitsbedingungen um sich. Wie nervös die Stimmung unter den ArbeiterInnen damals war zeigt die Aussage des führenden Bolschewiken Schljapnikow: „Irgendein Pfiff oder ein Lärm genügte, die Arbeiter glauben zu machen, es sei das Signal zur Arbeitseinstellung.“ Die Streikbewegung konzentrierte sich immer mehr auf Petrograd (St. Petersburg) und die MetallarbeiterInnen. Am 9. Januar 1917 streikten 150.000 Petrograder ArbeiterInnen. Als am 16. Februar 1917 die Behörden die Einführung von Brotkarten in Petrograd beschlossen, brachen am 19. Februar Hungerunruhen hauptsächlich von Frauen aus. Einen Tag später wurden Bäckerläden geplündert. Die Stimmung in der russischen Arbeiterklasse ging immer mehr auf den Siedepunkt zu. Auch die Landbevölkerung litt unter den steigenden Kriegslasten. zehn Millionen Bauern befanden sich an der Front. Etwa zwei Millionen Pferde waren für den Krieg requiriert worden und fehlten in der so schon geschwächten Landwirtschaft. Von Monat zu Monat wurde die Haltung der Bauernschaft zum Krieg feindseliger.

Der Zustand der Armee

Aber auch unter den Frontsoldaten stieg die Verbitterung. Von Kriegsbeginn an war die russische Armee der modernen Kriegsführung kaum gewachsen. Die Offiziere waren meist nur wegen ihrer adeligen Herkunft zu Befehlshabern geworden, nicht wegen ihren militärischen Fähigkeiten. Die russische Industrie und das Transportwesen waren nicht dazu in der Lage, die Front ausreichend zu versorgen. Der russische Revolutionär Leo Trotzki schrieb dazu in seiner „Geschichte der Russischen Revolution“: „Die am ersten Kriegstage scheinbar sachgemäß ausgerüsteten Truppen erwiesen sich alsbald nicht nur ohne Waffen, sondern auch ohne Stiefel.“ Um die Unterlegenheit der russischen Armee wett zu machen wurden die russischen Soldaten gnadenlos verheizt. Trotzdem konnte der zaristische Generalstab nicht verhindern, dass die Aneinanderreihung von Niederlagen im Frühjahr 1915 zu einem allgemeinen Rückzug führte. Von insgesamt 15 Millionen russischen Frontsoldaten wurden 2,2 Millionen getötet, was etwa 40 Prozent der Verluste aller Entente-Armeen ausmachte. Bereits 1915 hatten die meisten Soldaten den Glauben an den Sieg verloren. Desertationen begannen sich zu häufen und die Offenheit gegenüber Anti-Kriegspropaganda wuchs. So meldete die Petrograder Gouvernement-Gendamerieverwaltung im Oktober 1916 auf Grund des Berichtes eines Semstwo (örtliche Verwaltungseinrichtungen) -Bevollmächtigten, dass die Stimmung in der Armee besorgniserregend, das Verhältnis zwischen Offizieren und Soldaten äußerst gespannt sei, es sogar zu blutigen Zusammenstöße käme und man überall zu Tausenden Deserteuren begegne.

Die Bürgerlichen

Diese Entwicklung blieb auch den Bürgerlichen nicht verborgen, die sich 1915 im „Progressiven Block“ zusammengeschlossen hatten. Dieser Block forderte umgehend, „eine vereinigte Regierung aus Personen, die das Vertrauen des Landes genießen“ zu bilden. Damit sollte eine soziale Revolution verhindert werden. Statt also auf den Sturz des absolutistischen Zarenregimes und die Machtübernahme durch die russische Bourgeoisie hinzuarbeiten waren sie lieber bereit, einen Pakt mit dem Zaren einzugehen. Sie hatten Angst davor, eine revolutionäre Massenbewegung der ArbeiterInnen und BäuerInnen hervorzurufen, die sie selber hinweg fegen könnte. Aber der Zar lehnte, sich sicher fühlend, ab und löste stattdessen am 3. September 1915 die Duma auf. Die Bürgerlichen akzeptierten kampflos. Nur das Petrograder Proletariat protestierte mit Streiks dagegen. Als die Duma im Mai 1916 erstmals wieder zusammentreten durfte, war vom Enthusiasmus der bürgerlichen Kräfte nichts mehr zu spüren. Wegen der Angst der Bourgeoisie vor der Revolution und ihrer damit einhergehenden Ohnmacht konnte sich das Zarenregime erst mal wieder festigen. Als die Duma am 1. November 1916 erneut zusammen trat, waren die Erwartungen in der russischen Bevölkerung trotzdem groß. Unter diesem Erwartungsdruck griffen zwar die bürgerlichen Abgeordneten in ihren Reden den Zaren hart an und die Resonanz im russischen Volk darauf war groß, allerdings beließen sie es wieder bei ihrer erneuten Forderung nach Bildung einer „verantwortlichen Regierung“. Die Antwort des Zaren war unmissverständlich: er löste die Duma kurzerhand wieder auf. Als die Duma dann am 14. Februar 1917 wieder zusammentreten durfte, diskutierten die Abgeordneten nur noch die Ernährungsfrage. Und das in der spannungsgeladenen Phase zwei Wochen vor Beginn der Februarrevolution. Der Duma-Vorsitzende Rodsjanko erinnerte sich später an die flaue Stimmung: „Man empfand die Ohnmacht der Duma und Müdigkeit vom vergeblichen Kampfe“.

Die Februarrevolution

Den Beginn der Revolution hatte eigentlich niemand, auch nicht die Bolschewiki, vorausgesehen. Niemand von den sozialistischen Kräften rief zu Streiks auf. Aber wie schon in der Französischen Revolution 1789 sollten die Frauen wieder den Startschuss für den Beginn der Revolution geben. Am Morgen des 23. Februar (8. März) 1917 legten Textilarbeiterinnen einiger Fabriken spontan die Arbeit nieder und forderten die MetallarbeiterInnen auf, sich anzuschließen. Angesichts dieser unabänderlichen Tatsache entschlossen sich die Bolschewiki, den Streik zu unterstützen und riefen die Petrograder Arbeiterklasse zum Massenstreik und zu Massendemonstrationen auf. Die Bolschewiki waren damit ab sofort Teil der revolutionären Bewegung. Die menschewistischen und sozialrevolutionären ArbeiterInnen (die Sozialrevolutionäre waren eine linke Bauernpartei) schlossen sich kurz darauf ebenfalls an. Knapp 90.000 ArbeiterInnen beteiligten sich am Streik, an Demonstrationen, Versammlungen und den unvermeidlichen Zusammenstößen mit der Polizei. Eine der Hauptforderungen war Brot. Am nächsten Tag schwoll die Bewegung weiter an: etwa die Hälfte der Petrograder ArbeiterInnen streikte. Auf den Massendemonstrationen wurde jetzt nicht mehr allein Brot, sondern auch „Nieder mit dem Selbstherrschertum!“ und „Nieder mit dem Krieg!“ gefordert. Diese Demonstrationen wurden von vielen Bevölkerungsteilen mit Sympathie bedacht: „Das spazierende Publikum benahm sich uns gegenüber wohlwollend, aus einigen Lazaretten winkten uns Soldaten zu.“ Selbst die Kosaken, die eigentlich die Massen auseinander jagen sollten, hielten sich auffallend zurück und schossen nicht wie sonst in die Menge. Während die herbeigerufene verhasste Polizei mit Steinen verjagt wurde, bildeten sich bei den Kasernen Trauben von diskutierenden ArbeiterInnen und Soldaten. Wie sich herausstellen sollte war dies für den Verlauf der Revolution entscheidend, da der Einsatz der Armee gegen die demonstrierenden Streikenden für den nächsten Tag vorgesehen war. Am 25. Februar weitete sich der Streik auch auf die kleineren Betriebe und rückständigeren Schichten der Bevölkerung aus, so dass sich schließlich 240.000 Petrograder ArbeiterInnen im Generalstreik befanden. Erstmals gab es bewaffnete Zusammenstöße mit der Polizei. Soldaten marschierten auf, verhielten sich aber weitestgehend passiv oder gingen sogar gegen die Polizei vor.

In der Nacht vom 25. auf den 26. Februar ging die Reaktion zum Gegenangriff über, es kam zu Verhaftungen von hunderten Mitgliedern revolutionärer Parteien. Damit war klar, dass die kommenden Tage die Entscheidung bringen mussten. Der bewaffnete Aufstand stand auf der Tagesordnung. Da der 26. Februar ein Sonntag war, blieben die Fabriken geschlossen. Die ArbeiterInnen strömten auf die Straßen und marschierten aus den Arbeitervierteln in das Zentrum Petrograds. Von allen Seiten wurde auf sie seitens der Polizei und einiger weniger Soldaten geschossen. Die ArbeiterInnen ließen sich aber nicht mehr zurückhalten. Sie waren bereit, aufs Ganze zu gehen, denn sie hatten ihren Sieg vor Augen. Inzwischen war den Soldaten befohlen worden, militärisch gegen die Massendemonstrationen vorzugehen. Allerdings kamen die Meisten von ihnen selber aus der Arbeiterklasse oder Bauernschaft. Die Forderungen der DemonstrantInnen waren eigentlich auch ihre Forderungen: Brot, Frieden, nieder mit dem Zaren. Auf die DemonstrantInnen zu schießen konnte bedeuten, eigene Familienangehörige und FreundInnen zu erschießen. Obendrein hatten viele Soldaten am Tag zuvor bei den Diskussionen an den Kasernentoren neue Freundschaften geschlossen. Sollten sie jetzt auf ihre neuen Freunde schießen? Bereits in der Nacht vom 26. auf den 27. Februar kam es zur ersten Meuterei eines Regimentes. Den ArbeiterInnen war instinktiv klar, dass der Übergang der Soldaten auf ihre Seite entscheidend für den weiteren Verlauf der Revolution sein wird. Am Morgen des 27. Februar schloss sich ein Regiment nach dem anderen dem Aufstand an. Offiziere, die sich der Rebellion nicht anschließen wollten, wurden kurzerhand entwaffnet, verhaftet oder sogar getötet. Die Soldaten teilten an die revolutionären ArbeiterInnen Waffen und Munition aus und gingen gemeinsam mit ihnen los, unsichere Truppenteile zu entwaffnen und Polizeireviere zu besetzen. Nur wenige Truppenteile wollten aber den Aufstand nicht unterstützen und mussten unter Einsatz militärischer Gewalt zur Aufgabe gezwungen werden. Politische Gefangene wurden aus den Gefängnissen befreit. Das Winterpalais (Zarenpalast) wurde besetzt und der Hofstaat verjagt. Das zaristische Regime versuchte verzweifelt, zuverlässige Regimenter zur Niederschlagung der Revolution zu finden. Aber der Zar fand nur ein Bataillon Georgier, dass er gleich gegen das ganze aufständische Petrograd in Marsch setzen ließ. Kaum in Petrograd angekommen musste der befehlshabende General Iwanow feststellen, dass sich die ganze Stadt in den Händen der Aufständischen befand. Ohne dass das Bataillon den Zug verließ drehte der General wieder um. General Lukomski aus dem Hauptquartier meinte dazu: „Auf diese Weise wurde aus der Kommandierung des Generals Iwanow mit diktatorischen Vollmachten nichts als ein Skandal.“ Nach langem Zögern und weiteren schlechten Nachrichten entschloss sich der Zar dann endlich, am 3. März 1917 abzudanken. Kurz darauf wurde er mitsamt seiner Familie verhaftet und auf dem Schloss Zarskoje Selo festgesetzt.

Der Sowjet

Während auf den Straßen Petrograds noch gekämpft wurde, wurden im Hintergrund längst schon die Fäden gezogen. So machte die wegen der rebellischen Arbeiterklasse verängstigte liberale Bourgeoisie dem Zaren den Vorschlag der „Errichtung einer militärischen Diktatur durch Übertragung der gesamten Macht auf einen populären General“. Der Diktator sollte der Bruder des Zaren, Großfürst Michail, werden, der sich aber nicht dazu durchringen konnte. Die Revolution schuf sich inzwischen im Taurischen Palast ihr Hauptquartier. Während die Bolschewiki in den Arbeitervierteln mit dem Proletariat die Übernahme der Macht organisierten, bildeten aus dem Gefängnis befreite Menschewiki, Mitglieder des Kriegsindustrie-Komitees und Gewerkschaftsführer im Taurischen Palast ein provisorisches Exekutivkomitee des Sowjets (Rat) der Arbeiterdeputierten. Dieses rief die ArbeiterInnen zur sofortigen Wahl von DeputiertInnen (DelegiertInnen) auf, die sich noch am Abend des 27. Februar trafen und die Zusammensetzung des Exekutivkomitees bestätigten. Weiter wurde beschlossen, Garnison und ArbeiterInnen zum gemeinsamen Sowjet der Arbeiter- und SoldatendeputiertInnen zusammen zu schließen. Mit der Wahl einer provisorischen Ernährungskommission und eines provisorischen revolutionären Stabes fing der Sowjet an, umgehend Regierungsmacht aus zu üben. Es wurde angewiesen, Reichsbank, Reichsschatzamt, Münze (Institution zur Herstellung von Geld) und die Ausgabestelle für Schatzpapiere durch revolutionäre Wachen zu besetzen. Von Petrograd ausgehend wurden überall in Russland Sowjets gebildet und übten real die Macht aus.

Das provisorische Exekutivkomitee des Sowjets knüpfte dabei gekonnt an die immer noch bestehende Popularität der ersten Sowjets in der Russischen Revolution von 1905 an. Damals waren die Sowjets allerdings nicht von oben herab gebildet worden, sondern direkt aus den Streiks und Kämpfen der ArbeiterInnen entstanden. So formierte sich der erste Sowjet am 13. Mai 1905 in Folge eines Streiks im Zentrum der russischen Textilindustrie bei Moskau. Dieser Sowjet führte die Verhandlungen der ArbeiterInnen mit den Fabrikanten und städtischen Behörden. Außerdem übernahm er die Leitung des Streiks, stellte eine Arbeitermiliz zum Schutz von Ruhe und Ordnung auf, organisierte den Kampf gegen Streikbrecher sowie Preiswucherer und setzte sich für die Unterstützung der Familien von Streikenden ein. Hervorzuheben ist der Sowjet von Petrograd, in dem die ArbeiterInnen aller Betriebe, aller Berufe und Schichten der Stadt durch DelegiertInnen vertreten waren. Diese waren jederzeit wähl- und abwählbar sowie rechenschaftspflichtig, durften nicht mehr als einen durchschnittlichen Facharbeiterlohn verdienen und erhielten keine Privilegien. Der Sowjet konnte damit die gemeinsamen Interessen der gesamten Petrograder Arbeiterklasse zum Ausdruck bringen. Dadurch war er in der Lage, die Arbeiterklasse immer wieder für den Massenstreik, den Generalstreik, zu mobilisieren. In der Hochphase der Revolution von 1905 geschah in Petrograd fast nichts ohne Genehmigung des Sowjets. Der Petrograder Sowjet wurde daher von einem reinen Kampforgan der Arbeiterklasse zum Organ der Machtausübung und trug bereits damals den Keim einer revolutionären Arbeiterregierung in sich.

Auch im Februar 1917 entwickelte sich der Sowjet für die ArbeiterInnen und Soldaten sofort zu ihrem Zentrum. Sie wendeten sich mit immer mehr Anliegen an ihn, so dass die Aufgaben und Funktionen des Sowjets fast stündlich wuchsen. Die Soldaten und ArbeiterInnen erkannten auch nur durch den Sowjet bestätigte Anweisungen an. So schrieb der Deputierte der Oktobristen (Anhänger der konstitutionellen Monarchie) Schdlowski in seinen Erinnernungen: „Vom Sowjet wurden alle Post- und Telegraphenämter besetzt, das Radio, alle Petrograder Bahnhöfe, alle Druckereien, so dass man ohne seine Erlaubnis weder ein Telegramm abschicken, noch aus Petrograd verreisen, noch einen Aufruf drucken konnte.“ Obwohl die Bolschewiki während der revolutionären Ereignisse in vorderster Front kämpften, waren sie im neu gewählten Sowjet anfänglich eine kleine Minderheit. Stark vertreten waren hingegen die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre. Das lag nicht nur an der Art und Weise der Entstehung des Sowjets, sondern auch an der zahlenmäßigen Schwäche der Bolschewiki und daran, dass die SowjetdeputiertInnen nicht nur von den aktiv an der Revolution beteiligten ArbeiterInnen, BäuerInnen und Soldaten gewählt wurden. Außerdem war zu dem Zeitpunkt für „Außenstehende“ noch nicht so erkennbar gewesen, was die Bolschewiki von den anderen Parteien unterschied.

Die „Provisorische Regierung“

Am 27. Februar bildete die Duma das „Provisorische Komitee der Dumamitglieder“, das sich die „Herstellung der Ordnung und Verkehr mit Ämtern und Personen“ zum Ziel setzte. Dieser Vorgang sollte nicht wie eine Machtübernahme aussehen, da sich die Duma des Sturzes des Zarenregimes noch nicht sicher war. Erst am 1. März 1917 bildete das Provisorische Komitee ein Ministerium aus Großgrundbesitzern, Industriellen, oppositionellen Dumadeputierten und Führern des bürgerlichen Progressiven Blocks. Premierminister wurde ein Fürst namens Lwow. Das Exekutivkomitee des Sowjet beeilte sich, der neuen Provisorischen Regierung ihre Unterstützung zu versichern. Denn es war davon überzeugt, dass die Februarrevolution eine bürgerliche Revolution sei und deshalb die Macht dem Bürgertum gehöre. Die Provisorische Regierung begann sofort, im ganzen Reich Verwaltungsposten neu zu besetzen. Allerdings besaßen auch im übrigen Russland die Sowjets die reale Macht und die Provisorische Regierung musste sich auf sie stützen. So beschloss das 172. Reserveregiment: „Armee und Bevölkerung haben nur den Anordnungen des Sowjets Folge zu leisten. Befehlen der Provisorischen Regierung, die den Beschlüssen des Sowjets widersprechen, ist nicht Folge zu leisten.“

Doppelherrschaft

Während die neue Regierung forsch an Gesetzesreformen zugunsten der Bourgeoisie ging, wie die Reform des Aktiengesetzes, wurden die Forderungen der Bauernschaft nach Land und die der ArbeiterInnen nach einem 8-Stunden-Tag halbherzig oder gar nicht angegangen. Der Wunsch nach sofortigem Frieden wurde mit einer Sommeroffensive an der deutschen Front beantwortet. Hier wurden die gegensätzlichen Interessen der Bourgeosie und Großgrundbesitzer auf der einen und von ArbeiterInnen und Bauernschaft auf der anderen Seite deutlich. Die Großgrundbesitzer wollten von ihrem Land nichts abgeben, die Bauernschaft forderte dessen Verteilung. Die Fabrikbesitzer lehnten eine Schmälerung ihrer Profite ab, die ArbeiterInnen wollten einen 8-Stunden-Tag und höhere Löhne. Großgrundbesitzer und Fabrikanten plädierten für eine Fortsetzung des Krieges, um ihre Wünsche nach Eroberungen doch noch zu erreichen und gleichzeitig die Revolution auszubluten, die ArbeiterInnen und BäuerInnen wollten Frieden und endlich nach Hause. Die Provisorische Regierung musste sich für eine Seite entscheiden: mit der Offensive an der Front entschieden sie sich endgültig und unmissverständlich für die Großgrundbesitzer und Bourgeoisie. Die ArbeiterInnen und BäuerInnen scharten sich dagegen immer mehr um ihren Sowjet. Eine Doppelherrschaft entstand. Auf der einen Seite versuchte die Provisorische Regierung, gestützt auf den alten zaristischen Staatsapparat, die Macht der Bourgeoisie zu errichten und gleichzeitig die Sowjets zu entmachten. Auf der anderen Seite versuchte die Arbeiterklasse mit Unterstützung der BäuerInnen und Soldaten durch die Sowjets die Grundlage für ihre Macht und einen neuen Staat zu legen. So forderten bereits ab dem 3. März 1917 Versammlungen von ArbeiterInnen und Soldaten die Beseitigung der Provisorischen Regierung und die Machtübernahme durch die Sowjets. Dieser Konflikt sollte sich in den kommenden Monaten zuspitzen und zur Lösung streben: der Machtübernahme durch die Sowjets der ArbeiterInnen und BäuerInnen in der Oktoberrevolution 1917.

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