Nein zur neuen Lehramtsreform!

Für den gemeinsamen Widerstand aller Betroffenen gegen den Bildungsnotstand und für echte Verbesserungen!
Markus (Lehramtsstudent), Bianca Boros (Erwachsenenbildung), Sarah Moayeri (NMS-Lehrerin) und Sebastian Kugler (Lehrender an der Uni)

Die Lehrer*innenausbildung wird reformiert. Die Studiendauer des Bachelors wird von vier auf drei Jahre verkürzt, die Pflicht eines zweijährigen Masters bleibt bestehen. Auf den ersten Blick scheint es eine sinnvolle Maßnahme im Kampf gegen den Lehrer*innenmangel zu sein. Polaschek bezeichnete die Reform als “Meilenstein” in der Bildungspolitik - ein Hohn für alle Betroffenen - Lehramtstudis, Lehrpersonen, Uni-Beschäftigte und Schüler*innen - die ganz genau wissen, dass diese Reform nicht nur keine echten Verbesserungen, sondern sogar Verschlechterungen und Kürzungen mit sich bringen wird. Betrachtet man die Reform genauer und liest auch das Kleingedruckte kann man davon ausgehen, dass der Lehrer*innenmangel verschärft und die wirtschaftliche Situation von Junglehrer*innen massiv beeinträchtigt wird.

Neben der Verkürzung der Studiendauer wird auch die Arbeitszeit für Junglehrer*innen gedeckelt. Wer noch studiert, darf maximal eine halbe Lehrverpflichtung übernehmen, darf also maximal ein halbes Gehalt verdienen. Das Einstiegsgehalt bei einer halben Lehrverpflichtung beträgt 1.558,05 € brutto. Am Konto landen 1.312,36 €. Die Armutsgefährdungsgrenze in Österreich beträgt 1.286 € pro Monat. Die Lehrer*innen sind schon bei einer Vollzeit-Lehre überlastet, eine verpflichtende halbe Lehrverpflichtung führt zu zusätzlichen finanziellen Sorgen, die ohnehin durch Teuerung und Inflation omnipräsent sind.

25% aller Bachelorstudent*innen und 60% aller Masterstudent*innen unterrichten bereits während ihres Studiums – gerade wegen dem Mangel an Lehrer*innen. Und sie verdienen dabei bis zu 30% weniger als ihre Kolleg*innen, bei der gleichen Arbeit! Die meisten müssen fachfremd unterrichten, weil es der Mangel nicht anders zulässt. Um ein “Ausbrennen zu verhindern” (Sigi Maurer), sollen Studierende unter anderem nicht mehr fachfremd unterrichten dürfen. Aber das Gesetz sieht auch eine Ausweitung des Begriffs “Unterrichtsfach” vor, sodass verschiedene Fächer (z.B. Geschichte und Geographie) zukünftig unter ein Unterrichtsfach fallen würden. Ohne Masterabschluss ist es im Regelfall ausschließlich erlaubt, die Unterstufe einer AHS oder in einer Mittelschule zu unterrichten. Viele machen das bereits Vollzeit. Sie unter dem Deckmantel von vermeintlichen „Schutzmaßnahmen“ in die Teilzeit zu zwingen, führt nicht nur zu finanziellen Problemen der Junglehrer*innen, sondern verschärft den Lehrer*innenmangel noch massiver. Ein kurzer Rundruf einiger Wiener Schulen bringt stets die gleiche Antwort: „Fast alle Junglehrer*innen haben nur einen Bachelor. Wenn sie nur noch Teilzeit arbeiten dürfen, bricht hier Chaos aus.“ Es ist nämlich nicht davon auszugehen, dass Junglehrer*innen von einer vollen Lehrverpflichtung lediglich auf eine halbe reduzieren werden. Das muss man sich leisten können! Viele werden also genötigt, gänzlich aus der Schule auszuscheiden und einen Job während des Studiums anzunehmen, der sie finanziell absichert. Das heißt, Türkis-Grün schafft sich mit dieser Reform praktisch selbst das Lehramt ab und zementiert die aktuelle Notlage, dass Studierende neben dem Studium überhaupt arbeiten müssen. Wir brauchen ein flächendeckendes Studierendengehalt ohne Schikanen, sodass sich Studierende auf das Studieren konzentrieren können.

Für alle Lehramtsstudent*innen, die gerade am Ende ihres Bachelorstudiums stehen, ist auch keine Anrechnungsmöglichkeit geplant. Sie haben einen vierjährigen Bachelor absolviert und müssen dennoch den zweijährigen Master anhängen. Möglich wäre die Anrechnung des Jahres als Vordienstzeit, die Verkürzung des Masters. Die Mühe über einen geordneten Übergang hat man sich im Bildungsministerium offenbar nicht gemacht. „Wenn wir so denken, könnten wir überhaupt nichts mehr reformieren“, so Bildungsminister Martin Polaschek zu der Kritik. Frei übersetzt: Hört einfach auf zu Jammern.

Tatsächlich jämmerlich ist der Vergleich von Quereinsteiger*innen und Lehramtsstudent*innen. Für erstere gilt keine Masterpflicht und kein vierjähriger Bachelor. Ein kleines Gedankenexperiment: Maria Musterfrau ist 18 Jahre alt, hat gerade ihre Matura absolviert und beschließt, Lehrerin werden zu wollen. Sie hat zwei Ausbildungswege zur Auswahl. Entweder ein fünfjähriges Lehramtsstudium inklusive Masterarbeit und Masterprüfung oder ein Bachelorstudium, ein paar Pädagogik Lehrveranstaltungen und ein wenig Berufserfahrung. Letztendlich winkt in beiden Varianten das gleiche Gehalt, mit derselben Überlastung. Für welchen Weg wird sich Maria entscheiden? Für welchen würdest du dich entscheiden?

Ähnlich wie der Vorstoß der Regierung im Sommer, Bundesheer-Soldat*innen an Schulen einsetzen zu wollen, ist auch diese Reform wieder davon getrieben, den Lehrer*innenmangel mit Lückenfüller*innen lösen zu wollen. Das Abfeiern der Zahlen zu Quereinsteiger*innen ist eine Mogelpackung - sie werden weder in Verhältnis zum realen Mangel bzw. Aussteigenden gestellt, noch nach Schultypen differenziert. Auch der Angriff auf die Freizeitpädagog*innen zeigt, wie hier versucht wird, statt nachhaltiger Maßnahmen gegen den Mangel (höhere Löhne, mehr Ressourcen, kleinere Klassen uvm.) möglichst billig Lücken zu füllen und damit Beschäftigte zu spalten. Damit geht auch eine Dequalifizierung des Berufs einher. Dahinter steckt eine grundsätzliche Abwertung des Berufs. Mit den “Microcredits” werden mehr Anrechnungsmöglichkeiten geschaffen, was für viele erst einmal positiv klingt. Aber dahinter steckt die Idee, dass es ja eigentlich keine besondere Ausbildung für das Lehramt braucht - “dass das ja jede*r kann”. Damit hängt auch eine immer stärkere Ökonomisierung von Bildung zusammen, die sich nach den Interessen der Wirtschaft und Unternehmen richten soll. Wir müssen für die Angleichung der Rahmenbedingungen und Verträge und Löhne für alle Lehrpersonen kämpfen - und all das massiv verbessern / erhöhen! Zersplitterung der Arbeitsverhältnisse von Lehrpersonen und anderen Beschäftigten an den Schulen, Hierarchisierung u.ä. führt auch zu Entsolidarisierung und erschwert einen gemeinsamen Kampf.

An den Unis würde die Reform konkret massive Kürzungen bedeuten. Universitätsbeschäftigte, die sich eh schon gegen Kettenverträge und Prekarisierung wehren müssen, müssen also jetzt auch noch um ihre Stellen bangen. Gleichzeitig bedeutet die Verdichtung des Bachelors Mehrbelastungen sowohl für Lehrende als auch für Studis. Praxisnähe im Studium ist wichtig und gut, aber wer garantiert, wie und mit welchen Ressourcen das konkret umgesetzt werden soll? Ein Riesenpunkt hierbei Deutsch als Zweitsprache (DaZ) als Querschnittsmaterie. Es bedeutet, dass alle Studis DaZ-Kurse belegen müssen. Prinzipiell wäre das sinnvoll und wird von der Wissenschaft schon lange gefordert - es soll nämlich dabei helfen, sprachsensiblen Fachunterricht zu gewährleisten, also dass Deutsch sozusagen in jedem Fach mitgelehrt und -gelernt wird. Dieses Konzept der "durchgängigen Sprachbildung" steht aber im direkten Widerspruch zur Realität der Deutschförderklassen, bei denen die Kinder mit Deutsch als Zweitsprache vom Fachunterricht und von ihren Klassenkolleg*innen isoliert werden. Es ist absolut klar, dass diese (und erst recht die nächste) Regierung nicht daran denkt, die unmenschlichen Deutschförderklassen abzuschaffen und durchgängige Sprachbildung einzuführen, sondern das aktuelle System, in dem DaZ im realen Schulalltag meist Ausgrenzung, Stigmatisierung, rassistische Segregation und Ressourcenmangel bedeutet, zu stabilisieren. Das merkt man schon daran, dass nirgendwo steht, wo die enormen zusätzlichen Ressourcen (personell, finanziell, räumlich), die für eine solche Ausweitung von DaZ im Studium gebraucht werden, herkommen sollen.

Hinter einer Reform der Lehrer*innenausbildung sollte eine Leitfrage stehen: Wie können wir unser Bildungssystem verbessern? Stattdessen fährt Polaschek das Bildungssystem an die Wand. Die Ausrede ist: Direkt betroffen sind „nur“ Student*innen und ob weitere Demonstrationen vor den Unis stattfinden, ist Polaschek wohl egal. Ein Streik des gesamten Lehrkörpers wäre ihm bestimmt nicht egal!

Wir sagen:

- Nein zur neuen Lehramts-Novelle! Studierende, Lehrpersonen, Universitätsbeschäftigte, Schüler*innen und Eltern müssen sich zusammenschließen und gemeinsam gegen diese Kürzungen vorgehen!​​

- Organisieren wir jetzt Versammlungen in unseren Schulen und Hochschulen, um mit Kolleg*innen die Auswirkungen und den nötigen Widerstand zu diskutieren!

- Statt Verdichtung und Verkürzung des Studiums brauchen wir eine gute, qualitativ hochwertige und praxisnahe Vorbereitung auf den Lehrberuf! 

- Studieren ist Arbeit! - Praxisnähe ja, Ausbeutung von Lehramtsstudis nein! Wenn Studierende in den Job einsteigen, müssen sie dementsprechend höher entlohnt und angemessen begleitet werden. Für ein Studierendengehalt ohne Schikanen, von dem man leben kann, um sich auf das Studium konzentrieren zu können!

- Lehrer*innemangel nachhaltig bekämpfen: Sofort mehr Ressourcen und ausreichend für Schulen um die Arbeitsbelastung zu reduzieren, Reduktion der Klassengröße, mehr Personal zur Abdeckung administrativer Tätigkeiten, Lohnerhöhungen insbesondere für Junglehrer*innen!

- Für eine gute Bildung für alle! Schluss mit rassistischer Ausgrenzung und Ungleichheit - Abschaffung der Deutschförderklassen - Für eine Gesamtschule für alle, wo alle Schüler*innen individuell gefördert werden können!

- Keine Entscheidungen mehr über die Köpfe der Betroffenen hinweg! Wer entscheidet über solche Reformen? Wer sind die wahren Expert*innen? Diejenigen, die über unser Bildungssystem entscheiden, sind nicht nur abgehoben von der Realität, sondern arbeiten ganz grundsätzlich nicht im Interesse der besten Bildung für alle. Wir wollen demokratisch über unser Bildungssystem entscheiden - von den Kindergärten bis zur Universität!

- Bereiten wir uns jetzt darauf vor, den Widerstand möglichst auszuweiten: Streiks werden nötig sein, um nicht nur Kürzungen zurückzuschlagen, sondern das Bildungssystem ganz grundlegend zu verändern und Arbeitsbedingungen tatsächlich zu verbessern!

 

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