Iran: Der Kampf gegen die Diktatur geht weiter

Interview mit einem Arbeiteraktivisten
CWI-Schweden

Bahman Gharamani ist Arbeiteraktivist im kurdischen Teil des Iran. Er ist Mitglied des „Koordinierungskomitees zur Unterstützung des Aufbaus von Arbeiterorganisationen“ (Komiteye hamahangi baraye komak be ijade tashakkole kargari). Diese Organisation war eine der ersten, die ins Leben gerufen wurde, um ArbeiterInnen bei der Selbstorganisation in den Betrieben zu helfen.

Bahman Gharamani ist Mitglied des Exekutivkomitees dieser. Organisation und einer ihrer führenden Kräfte im West-Iran. Er hat Soziologie studiert und war zwei Jahre lang Studierendenaktivist. Die Universität musste er aufgrund seiner Aktivitäten verlassen und konnte daher seinen Master-Abschluss nicht beenden. Als er vor das „Revolutionsgericht“ zitiert wurde, verließ er das Land. Kurz nachdem er im Dezember 2009 in Göteborg eintraf, nahm er Kontakt zur Rättvisepartiet Socialisterna, der CWI-Sektion in Schweden, auf.

Er erzählt uns: „Im Iran sind die ArbeiterInnen aller Rechte beraubt. Du musst unter harten sozialen Bedingungen leben, bekommst einen niedrigen Lohn und die Arbeitsbedingungen sind hundsmiserabel. Es gibt noch nicht einmal das Recht auf Organisation. Wir haben überhaupt keine Rechte.“

Aus diesem Grund haben ArbeiterInnen im Frühjahr 2004 die Organisation gegründet: „[...] für die ArbeiterInnen selbst, um die Arbeiterklasse zu organisieren“. Das Komitee steht politisch eindeutig links.

„Wir haben keine Illusionen, dass das islamistische Regime uns irgendwelche Rechte zugestehen wird. Auch vom »reformistischen« Teil erwarten wir nichts. Jedes Recht, das gewonnen wird, entstammt dem Kampf der ArbeiterInnen selbst und ihrer Organisationen“, erklärt Bahman.

2005 kamen ArbeiterInnen auf das Komitee zu, um nach Unterstützung und Hilfe für andere zu fragen, die sich organisieren wollten. Die KollegInnen unterstützten Streiks und nahmen an Demonstrationen der ArbeiterInnen teil. Eine Zeitung und eine Webseite wurden gegründet. Da die Zeitung keinen legalen Status hatte, wurde sie im Untergrund vertrieben und von den ArbeiterInnen selbst in die Betriebe geschmuggelt.

„Wir haben die im Kampf stehenden ArbeiterInnen unterstützt. Trotz widriger Umstände, ständiger Repression und Zensur, die noch zunahmen, als Streiks immer häufiger wurden, betrachteten wir die Herstellung der Zeitung als eine unserer Hauptaufgaben. Viele unserer Mitglieder wurden vor Gericht gestellt und inhaftiert. ArbeiterInnen, die mit uns zusammenarbeiteten, drohte das Regime. Man schüchterte sie ein, machte es für uns somit schwerer, eingreifen zu können.“

„Der Streik bei Haf Tapeh, einer Zuckerfabrik mit eigenen Plantagen, im Jahr 2007 wurde zum Wendepunkt für die Arbeiterbewegung. Zwölf Monate lang hatten sie ohne Lohn gearbeitet, und als sie mitbekamen, dass das Unternehmen verkauft werden sollte und ihnen die Arbeitslosigkeit drohte, traten sie in den Streik.“

Für Familien, die schon unterhalb der Armutsgrenze leben, bedeutet Arbeitslosigkeit die Katastrophe. Und achtzig Prozent der iranischen ArbeiterInnen leben in Armut.

„6.000 ArbeiterInnen marschierten zusammen mit ihren Familien durch die Straßen. Der Streik, der einen Monat lang andauerte, wurde zu einer fantastischen Parade des Widerstands und der Stärke der Arbeiterklasse. Unter vielen weckte das Hoffnungen. Und obwohl es kein Streikgeld gab, hielt der Kampf an.“

Die Sicherheitslage war schwierig und obwohl Gelder gesammelt wurden, erreichte das meiste davon nie die ArbeiterInnen. Für das Selbstvertrauen der ArbeiterInnen wurde dieser Streik allerdings zum Wendepunkt und die Linke ging aufgrund der Rolle, die AktivistInnen im Streik spielten, gestärkt daraus hervor. Die Zahl der AktivistInnen nahm trotz der Tatsache zu, dass der Arbeitskampf illegal stattfand.

Seit 2007 wurde von vielen weiteren Arbeiterprotesten und Streiks berichtet. Die meisten hatten mit Löhnen und Arbeitsbedingungen zu tun, aber seit der Massenbewegung im letzten Sommer ist es zu einer Politisierung und zunehmendem Vertrauen in die Möglichkeit des politischen Wandels gekommen. Im letzten Monat seit Dezember letzten Jahres fanden im Iran dreißig Streiks statt. Die Massenbewegung, die der Polizei und dem Militär trotzt, trägt eindeutig zur Motivation solcher ArbeiterInnen bei, die an den Demonstrationen bisher noch nicht teilgenommen haben.

Die Situation verschlechtert sich aufgrund der ökonomischen Krise. Weite Teile der Textilindustrie sind bankrott und stehen ohne Aufträge da. In einem der Textilbetriebe in Sanandadsch (Kurdistan) wollen die ArbeiterInnen das Unternehmen übernehmen, sie werden vom Staat und den Eigentümern jedoch daran gehindert.

Bahman Gharamani ist überzeugt, dass die Arbeiterklasse die Kraft ist, die das Regime überwinden kann Damit die Arbeiterklasse sich als vereinte Kraft der Massenbewegung anschließt, muss deren Programm allerdings verknüpft sein mit den unmittelbaren Forderungen der ArbeiterInnen. Der Kampf wird nicht allein für Freiheit und demokratische Wahlen sondern auch für Arbeitsplätze, gewerkschaftliche Rechte und das Recht auf einen Mindestlohn geführt. Die Arbeiterklasse muss sich mit genau diesen Forderungen der Bewegung anschließen, die für das Regime den Todesstoß bedeuten würden.

Der Artikel erschien zuerst in der schwedischen sozialistischen Zeitung Offensiv.
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