Handy-Masten

Widerstand ist machbar - Herr/Frau Nachbar
Sonja Grusch

Dass Wirtschaft & Politik sich gern und ständig über uns hinwegsetzen, ist nichts Neues. Dabei geht es nicht nur um die “großen” Fragen, sondern auch um die “Kleinen” des alltäglichen Lebens. Und so wie es gegen die “große” Politik Widerstand gibt, regt sich dieser auch gegen die “kleinen” Ungerechtigkeiten. So zum Beispiel die AnreinerInnen des Hauses Petraschgasse 3, Wien 20. Sie wurden gegen die Errichtung von Handy-Masten auf ihrem Haus aktiv.

Die Geschichte ist ein Musterbeispiel für die Arroganz von Unternehmen (konkret: maxmobil), der Passivität der Politik und der Möglichkeit, sich zu wehren. Maxmobil will auf dem Haus in der Petraschgasse sechs Handy-Masten errichten, schließt einen Vertrag mit dem Hauseigentümer, dem Parfumeriebesitzer Anton Stummer, und beginnt am 16.11. 2000 mit der Errichtung. Die BewohnerInnen des Hauses werden zuerst nicht, dann falsch informiert. Baugenehmigung gibt es keine, als sich gefährliche Risse in der Mauer bilden und eine Bewohnerin die Polizei ruft, kommt es zum vorläufigen Baustopp. In einer Veranstaltung mit Vertretern von maxmobil meinen diese die BewohnerInnen könnten ja woanders hinziehen, wenn es ihnen nicht paßt. Aber sie haben nicht mit der Initiative Petraschgasse gerechnet und müssen erleben, wie “ganz normale Bürgerinnen und Bürger” beginnen, sich zu wehren.

200 BürgerInneninitiativen

Das Thema Handy-Masten erregt seit längerem die Gemüter, rund 200 BürgerInneninitiativen gibt es in Österreich, 20 in Wien. Meistens sind sie erfolgreich. Die Politik, wohl um es sich mit der Wirtschaft nicht zu verscherzen, zögert, die Medien, angewiesen auf Werbeeinschaltungen, berichten wenig. Immer noch gibt es keine Rechte für BewohnerInnen, wenn Handy-Masten aufgestellt werden. Wegen der neuen UMTS–Technologie und weil mehrere Anbieter um den Markt buhlen, stehen die Masten immer dichter. Die vielgepriesene Konkurrenz geht klar auf Kosten der Menschen.
In der Petraschgasse gibt es Bedenken wegen statischer und gesundheitlicher Gefährdung. Ob bzw. wie gefährlich die Strahlung von Handy-Masten ist, darüber gibt es unterschiedliche Meinungen, klar ist aber, dass Firmen wie maxmobil nicht davor zurückschrecken, über die Bedenken hinwegzusehen. “Wir möchten Ihnen mitteilen, dass wir es ablehnen, Versuchskaninchen für einen boomenden Wirtschaftszweig zu spielen” schreibt die Initiative Petraschgasse an maxmobil.
Der Hauseigentümer, der nicht im Haus wohnt, würde an der Aufstellung von Handy-Masten gut verdienen – bis zu 6.000.- pro Mast und Monat. Gerüchteweise sollen auch Dach und Fassadenreperatur übernommen werden. Die BewohnerInnen des Hauses sind nicht infor- miert worden, es gab keine Abstimmung darüber, ob sie lieber mit oder ohne Handy-Masten leben wollen und von dem Geld, dass der Eigentümer einstreifen will würden sie wohl auch nichts sehen – eine entsprechende Mietreduktion wurde bisher jedenfalls nicht angekündigt.

Widerstand ist machbar

Knapp vor den Osterferien informiert eine unscheinbare Notiz die BewohnerInnen dass ab 9.4.2001 wieder gebaut wird. Frau Schaflinger, die schon im November die Initiative ergriffen hatte, wird wieder aktiv. Die Initiative wird zusammengetrommelt, ein Plakat an der Haustür aufgehängt, Presse und AnreinerInnen informiert. Am Montag den 9.4. steht eine Gruppe von Frauen und Männern vor der Haustür, viele das erste mal auf einer “Demo”, bereit, den Baubeginn zu verhindern. Aus den Fenstern hängen Transparente “Psychoterror maxmobil”, und “Handy-Masten: Nein Danke”. Wut über das Vorgehen von Hauseigentümer und maxmobil wird laut. Das die Initiative auf das “Angebot” von maxmobil, im kleinen Kreis noch einmal zu reden nicht eingeht, sondern an die Öffentlichkeit geht, erweist sich als richtig. Die Bauarbeiten beginnen erst gar nicht, maxmobil weißt aber in einem Schreiben vom 11.4.2001 darauf hin, dass es einen gültigen Vertrag gibt. Damit ist der Gong zur nächsten Runde geschlagen. Für die Initiative ist klar “es gibt keine schriftliche Basis mehr, aber der Widerstand wird weitergehen. Wir werden verhindern, dass diese Leute die Antennen bauen werden”.

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