Eine Erklärung: Bonapartismus und Faschismus

Die bürgerliche Französische Revolution ab 1789 brachte eine Abfolge politischer Herrschaftsformen: von den radikalen Jakobinern über das autoritäre Direktorium bis zur Kaiser-Krönung von Napoleon Bonaparte I.. Dies entsprach dem sich verschiebenden Kräfteverhältnis zwischen den sozialen Klassen (von kaum etwas bis alles besitzend) und ihren politisch aktiven Schichten. Wenngleich der Begriff „Bonapartismus“ etwas sperrig klingt, so ist er in der marxistischen Geschichtsbetrachtung sinnvoll; u.a. zur Abgrenzung vom Faschismus als Herrschaftsform. Beide stehen in einem Verhältnis, welches durch die Klassenstruktur einer Gesellschaft sowie politischen Umbrüchen in Krisen-Zeiten bestimmt wird. In seinem Text „Wohin geht Frankreich?“ schreibt Leo Trotzki 1934 zum Wesen des Bonapartismus: „Gestützt auf den Kampf zweier Lager rettet er mit Hilfe einer bürokratisch-militärischen Diktatur die ‚Nation‘.“ Klingt irgendwie schon nach Faschismus? Nicht ganz.

Zentrales Merkmal des Faschismus als Bewegung ist das Streben nach Massenverankerung in kleinbürgerlichen Schichten. Im Fall des Bonapartismus kann es solch eine geben (Frankreich 1930er) oder auch nicht (Deutschland Weimarer Republik). Das Kleinbürgertum ist aufgrund seiner Position in Gesellschaft und Wirtschaftsgefüge nicht in der Lage, die gesamte Gesellschaft zu führen. Dennoch spielte es mitunter die Rolle als „Zünglein an der Waage“ im Kampf zwischen Kapital und Arbeiter*innenklasse. Faschismus bedient sich entfesselter außerparlamentarischer Gewalt, bis man an der Macht die Unterstützung der wesentlichen Fraktionen von Kapital und Großbürgertum bekommt. So wird – wenn keine der bisherigen Formen scheindemokratischer und autoritärer Manöver mehr ausreicht – deren größte Sorge angegangen: die Rettung des Kapitalismus in seiner größten Krise. Im Regelfall bedeutet dies Krieg. Die physische Zertrümmerung der Arbeiter*innen-Bewegung ist dazu unerlässlich und bereits in der Phase faschistischer Bewegungen erkennbar.

Den Bonapartismus prägt ein davon unterscheidbares Profil. Trotzki: „Sie (die bonapartistische Regierung von Doumergue 1934; Anm.) stützt sich nicht auf die ‚demokratisch‘ gewählte Mehrheit, sondern direkt und unmittelbar auf den bürokratischen Apparat, auf Polizei und Heer.“ Bonapartismus kommt traditionell aus Teilen der bisherigen Eliten des bürgerlichen Politsystems und kennzeichnet die Übergangsphase einer tiefgreifenden Krisenperiode hin zur völligen Eskalation (sowie nach einem verblassenden faschistischen Regime). Er versucht politisch meist über mehrere Klassen hinweg einen Balanceakt; mit Zuckerbrot und Peitsche. Kennzeichnend sind Zick-Zacks in Innen- und Außenpolitik. Früher oder später muss dieser Widerspruch gelöst werden: Bürger*innenkrieg und in Folge Machtübernahme durch Faschismus oder die soziale Revolution. Im ersten Fall beschleunigte Kriegsvorbereitung und Vernichtung, im zweiten die überfällige Neuordnung der sozialen und Besitzverhältnisse.

Lesetipp: „Wohin geht Frankreich?“ von Leo Trotzki auf www.marxists.org

 

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