Börsen: Kursstürze - klassische Korrektur oder Windböe vor dem Sturm?

Am 27. Februar erzeugte ein Börsenkrach an der Schanghaier Börse für weltweite Turbulenzen.
Wolfram Klein, CWI-Deutschland

In Schanghai selbst fielen die Kurse um 8,8 Prozent. An der Wall Street sanken sie auf den niedrigsten Stand in diesem Jahr. An vielen asiatischen und europäischen Börsen ging die Talfahrt am folgenden Tag weiter.

Insgesamt verloren Aktien mehr als 1,5 Billionen Dollar an Wert. Damit handelte es sich um den tiefsten Börsenkurseinbruch seit der Wiedereröffnung der Wall Street nach dem 11. September 2001. Aber nach anderthalb Tagen beruhigten sich die Börsen wieder. War es ein normaler Vorgang, eine Korrektur? Oder steckt doch mehr dahinter?

Cinesische Faktoren

Die Talfahrt der Aktienkurse begann in China und in der Tat gibt es Faktoren in diesem Land, die zu der Krise beitrugen. Die Kurse an der Schanghaier Börse waren rasant gestiegen – 130 Prozent im letzten Jahr, elf Prozent allein in den sechs Handelstagen vor dem Krach – und Aktienverkäufe zur Gewinnmitnahme waren früher oder später zu erwarten. Dazu kamen Gerüchte, dass die chinesischen Behörden mit höheren Zinsen und einer Kapitalertragssteuer die Spekulation begrenzen wollten.

Aber hinter den Börsenproblemen stehen die Widersprüche der chinesischen Wirtschaft. Seit einer Reihe von Jahren gibt es in China ein beeindruckendes Wirtschaftswachstum, das auf der extremen Ausbeutung der arbeitenden Menschen beruht. Wegen den extrem niedrigen Einkommen stehen die riesigen Bevölkerungsmassen Chinas kaum als KäuferInnen der chinesischen Waren zur Verfügung. Wer kauft sie dann? In einem hohen Maße schafft der Boom seine eigene Nachfrage. Unternehmen bauen Fabriken oder Büros und kaufen Maschinen und Anlagen etc., um ihre Produktion ausweiten zu können. Aber was passiert, wenn die Fabriken gebaut, die zusätzlichen Maschinen in Betrieb genommen sind? Früher oder später muss die Produktion auf dem Weltmarkt abgesetzt werden oder sie erweist sich als eine gigantische Überproduktion. In den letzten Jahren waren die Wachstumsraten in China so hoch, dass sie einen ähnlich hohen Beitrag zum Wachstum der Weltwirtschaft leisteten wie das Wachstum der viel größeren US-Wirtschaft – aber beide Länder spielten eine unterschiedliche, eine einander ergänzende Rolle. Das riesige Handels- und Zahlungsbilanzdefizit der USA ermöglichte die chinesischen Exportüberschüsse. So leisteten beide Länder zum Wachstum der Weltwirtschaft einen entscheidenden Beitrag. Deshalb ist es um so beunruhigender, dass die Auslöser für den Börseneinbruch Ende Februar nicht nur in China lagen, sondern auch in den USA.

US-Faktoren

Dort schwächelt die Konjunktur seit einiger Zeit. Am Montag hatte Ex-Notenbankchef Greenspan erklärt, eine Rezession noch in diesem Jahr sei möglich. Es wurde bekannt gegeben, dass im Januar die Käufe von langlebigen Gütern um 7,8 Prozent zurückgegangen waren, erwartet worden war ein Rückgang von 3,2 Prozent. Solche Zahlen verliehen den Greenspan-Äußerungen zusätzliche Brisanz.

Wegen der einander ergänzenden Rolle der USA und China sind diese Hinweise auf eine Wirtschaftsabschwächung oder gar Rezession in den USA besonders brisant. Wenn die US-Nachfrage zurückgeht erschwert das die Absatzmöglichkeiten Chinas und verschärft die Widersprüche der chinesischen Wirtschaft.

Inzwischen haben sich die Börsen wieder beruhigt. Aber die Zahlen zur US-Wirtschaft sind alles andere als beruhigend. Das Wachstum für das letzte Quartal 2006 wurde von 3,5 Prozent auf 2,2 Prozent herunter korrigiert, die Arbeitsproduktivität stieg nur noch um 1,6 Prozent, dagegen die Lohnstückkosten um 6,6 Prozent (alle Angaben sind „Jahresraten“, d.h. die Zahlen für das Quartal sind auf ein ganzes Jahr hoch gerechnet worden). Die Zahl der Eigenheimverkäufe brach letzten Monat um 17 Prozent ein. Das Wall Street Journal Europe nannte am 1. März die Zahl zwei Prozent als mögliches Wachstum für 2007 – das wäre vielleicht für Deutschland oder Italien befriedigend, aber für die USA eine deutliche Abkühlung. Greenspan präzisierte seine Aussage, eine Rezession sei 2007 in den USA möglich, dahin, dass die Wahrscheinlichkeit ein Drittel betrage.

Bürgerliche KommentatorInnen wiesen darauf hin, dass die Daten und Greenspan-Äußerungen Anfang März bedenklicher waren als die Ende Februar, ohne dass sie vergleichbare Erschütterungen an den Börsen auslösten. Es ist sicher richtig, dass Ende Februar ein Aspekt war, dass SpekulantInnen Gewinne mitnehmen wollten (durch den Verkauf von Aktien, die in den letzten Monaten im Kurs deutlich gestiegen waren) und ein Aspekt des Kurssturzes eine „klassische Kurskorrektur“ war. Nachdem sich die Märkte wieder gefangen haben, reagieren sie vorübergehend wieder gelassener auf Hiobsbotschaften. Allerdings erreichte der Sturz Ausmaße, die ihm eine neue Qualität gaben. Deshalb ist nicht zu erwarten, dass jetzt wieder ein jahrelanger stabiler Kursanstieg kommt.

Verflechtung der Märkte – japanischer carry trade

Ein Grund dafür ist, dass bei dem Börseneinbruch Ende Februar wieder sichtbar wurde, wie sehr verschiedene Märkte verflochten sind. Japan war durch das Platzen seiner Spekulationsblase Anfang der 1990er Jahre in eine tiefe Wirtschaftskrise geraten. Die japanische Zentralbank hat versucht, die Wirtschaft mit aus dem Sumpf zu ziehen, indem sie die Leitzinsen extrem gesenkt hat – bis vor kurzem waren sie bei einem Viertel Prozent (0,25 Prozent)! Das hat SpekulantInnen ein neues Betätigungsfeld ermöglicht, den so genannten carry trade: Sie machten in Japan Schulden, für die sie niedrige Zinsen zahlen mussten, wechselten die japanischen Yen dann in eine andere Währung (z.B. neuseeländische Dollar oder ungarische Forint) und legten das Geld dort für höhere Zinsen an. Da auf diese Weise ständig Yen verkauft d.h. gegen eine andere Währung getauscht wurden, wurde der Wechselkurs des Yen unter das realwirtschaftlich begründete Niveau gedrückt. Das war für das Funktionieren des Geschäfts notwendig. Die höheren Zinsen in Neuseeland oder Ungarn würden nichts nutzen, wenn der Wechselkurs des Yen steigt und die Schulden dadurch teurer werden. Umgekehrt: Wenn der Kurs des Yen fällt, werden die Schulden entwertet und das Geschäft größer. So hielt sich die Finanzmaschine selbst am laufen: Je größere Geldmengen an diesem carry trade beteiligt waren, desto sicherer wurde der Yen niedrig gehalten und das Geschäft konnte weiter gehen.

Der niedrige Yen-Kurs wiederum erleichterte japanische Exporte und die japanische Wirtschaft kam wieder halbwegs in Fahrt. Die Folge davon war, dass die japanische Notenbank die Leitzinsen verdoppelte (also von 0,25 Prozent auf 0,5 Prozent erhöhte). Dazu kamen jetzt die ganzen Börsenturbulenzen, die auch die Wechselkurse in Unruhe brachten. Der Yen machte plötzlich einen kleinen Sprung nach oben. Das ganze carry-trade-Geschäft war für ein paar Tage in Frage gestellt. Es bestand die Gefahr, dass plötzlich die SpekulantInnen in Panik ihre Yen-Schulden zurückzahlen würden, bevor der Yen-Kurs weiter stieg, und sie gerade durch diese Operation (d.h. das damit verbundene Wechseln anderer Währungen in Yen), den Yen-Kurs nach oben treiben würden. So erzeugte der Kurseinbruch auf dem Aktienmarkt einen weiteren Krisenherd auf den Finanzmärkten, nämlich auf dem Devisenmarkt, obwohl der Kauf und Verkauf von Aktien und der Kauf und Verkauf von Devisen eigentlich wenig mit einander zu tun haben.

Rückkehr der Risikoscheu?

Der Zusammenbruch des carry trade ist jetzt noch nicht eingetreten. Die Spekulanten erwiesen sich noch als zu stark, um sich diese Geldquelle kaputt machen zu lassen. Aber die Erschütterungen an den Börsen plus die Erschütterung des carry trade haben die Spekulanten daran erinnert, wie instabil das Finanz-Kartenhaus ist, an dem sie bauen. Dieses Kartenhaus hat in den letzten Jahren historisch beispiellose Dimensionen erlangt. Auf der einen Seite führt die strukturelle Krise des Kapitalismus dazu, dass es wenig profitable Anlagemöglichkeiten in der realen Wirtschaft gibt, während gleichzeitig durch die verschärfte Ausbeutung der ArbeiterInnen hohe Profite gemacht werden, die wieder angelegt werden sollen. Also sollen große Kapitalmengen auf den Finanzmärkten untergebracht werden. Wegen dem hohen Angebot an liquiden Mitteln sinken die Gewinne bei den sicheren Finanzanlagen. Deshalb mussten die SpekulantInnen in immer riskantere Anlageformen wie Hedge Fonds etc. flüchten. Auf der anderen Seite führte gerade die große Geldmenge (die durch Operationen wie den geschilderten carry trade noch vergrößert wird) dazu, dass diese Anlageformen weniger riskant werden: Wenn so viel Geld untergebracht werden muss, dann ist es leichter, Schwierigkeiten in einzelnen Bereichen (zum Beispiel bei einem Hedge Fond) zu überbrücken, indem neues Geld hinein gepumpt wird. Das führte zusammen mit den vergleichsweise stabilen politischen Rahmenbedingungen dazu, dass die SpekulantInnen ein Stück weit vergaßen, wie riskant das ist, was sie da machen.

Daran hat sie die Krise Ende Februar wieder nachdrücklich erinnert. Zahlreiche WirtschaftskommentatorInnen vermuteten, dass die MarktteilnehmerInnen in Zukunft risikoscheuer sein würden als in den letzten Jahren. Von daher ist es gut möglich, dass die Finanzmärkte zwar diese Krise überstanden haben, aber die SpekulantInnen einen Pyrrhus-Sieg errungen haben. Wenn sie sich wieder mehr vor riskanten Anlagen hüten und diese mehr Schwierigkeiten bekommen, neues Kapital zu beschaffen, dann werden sie wieder richtig riskant – und dann steigt die Wahrscheinlichkeit von neuen Kurseinbrüchen, die ihre Schockwellen über die gesamten Finanzmärkte senden werden.

Anhang:

Daten-Durcheinander

Bei diesen Wirtschaftsdaten ist eine Eigenart der Veröffentlichungspraxis in den USA zu berücksichtigen. In den USA wird ständig eine Vielzahl von Wirtschaftsdaten veröffentlicht, Daten über die reale Wirtschaft, Befragungen durch die verschiedensten Institutionen usw. Diese verwirrende Zahlenvielfalt wird noch dadurch verkompliziert, dass häufig vorläufige Zahlen veröffentlicht werden, die dann mehrfach korrigiert werden. Das wäre nicht so schlimm, wenn es sich bei den Korrekturen um Stellen hinter dem Komma handeln würde. Aber tatsächlich verändern die Korrekturen häufig das Bild völlig. Wenn die erste Veröffentlichung auf eine Beschleunigung des Wachstums hingedeutet hat, dann kann die erste Korrektur auf eine Verlangsamung hinweisen (oder umgekehrt) und die zweite und dritte Korrektur und die endgültigen Zahlen können noch mal ein anderes Bild ergeben.

Dieses Zahlenchaos, das es schwer macht, eine zuverlässige Vorstellung von der wirtschaftlichen Entwicklung zu bekommen – gerade in wirtschaftlichen Übergangsphasen zwischen Boom und Rezession, in denen manche Indikatoren nach oben und andere nach unten zeigen – ist selbst Ausdruck der kapitalistischen Anarchie und ihrer Verschärfung durch die wachsende Dominanz der Finanzmärkte in der Wirtschaft: Zum einen wollen SpekulantInnen möglichst früh Daten haben, um auf dieser Grundlage zu spekulieren. Zum anderen ist eine immer größere Zahl von Personen für die Produktion solcher Daten angestellt. Da gibt es dann nicht nur Behörden, die Daten veröffentlichen, sondern auch AnalystInnen, die vor der Veröffentlichung der Daten Schätzungen veröffentlichen, wie die Daten wohl sein werden, und wieder andere, die aus den verschiedenen geschätzten Daten dann Mittelwerte bilden. Die Qualität dieser Operation zeigen gerade die Daten der langlebigen Güter für Januar: statt einem geschätzten Rückgang von 3,2 Prozent wurde ein Rückgang von 7,8 Prozent veröffentlicht – und wie diese vorläufigen behördlichen Daten in den nächsten Wochen sich verändern werden, steht noch auf einem anderen Blatt.

Der Sinn dahinter ist, dass es für SpekulantInnen zweitrangig ist, wie sich die reale Wirtschaft in den nächsten Monaten entwickeln wird. Wichtig ist für sie, wie sich die verschiedenen Märkte in den nächsten Tagen entwickeln werden. Sie machen ihre Geschäfte damit, dass sie die kurzfristigen Preisbewegungen von Aktien, von Rohstoffen, von Devisen, von Derivaten usw. richtig vorher sehen und kaufen, bevor deren Preise steigen bzw. verkaufen, bevor deren Preise fallen. Daher müssen sie möglichst schnell Daten haben und richtig vorhersehen, wie andere Marktteilnehmer auf sie reagieren. Ob sich die Daten später als richtig erweisen, ist für sie zweitrangig. Genau das entscheidet aber für die Masse der Bevölkerung, wie sich ihre Arbeits- und Lebensbedingungen in den nächsten Monaten gestalten werden.

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