20 Fragen und Antworten: Können wir die Welt noch retten?

Sonja Grusch

1) Was sind die größten Probleme?

Die globale Erwärmung aufgrund des fortgesetzten Ausstoßes fossilen CO2 führt zur Zunahme von Extremwetter-Ereignissen (Stürme, Überschwemmungen, Dürren). Mehr noch kommt es in Folge- und Wechselwirkung zum dauerhaften Verlust der polaren Eismassen und dem Abtauen der Permafrost-Böden. Der Meerespiegel steigt, die Ozeane (tatsächlich die größten „Lungen“ der Erde) versauern. Zusätzlich schwimmen unfassbare Mengen Plastikmülls darin. Lebensräume verändern sich in einem derart hohen Tempo, dass sich die betroffenen Lebewesen nur schwer bis unmöglich anpassen können. Es kommt durch Verwüstung und Meeresspiegelanstieg zum Verlust landwirtschaftlicher Anbauflächen, gerade auch in Regionen, die schon jetzt besonders unter der systematischen Ungerechtigkeit des vorherrschenden Wirtschaftssystems leiden müssen. Der Kampf um Ressourcen wie (Trink-)Wasser nimmt zu. Das Artensterben beschleunigt sich und die Verschiebung der Klimazonen lässt eine Vielzahl von Krankheiten ausbreiten. Gigantische Fluchtbewegungen über die bereits gegenwärtigen hinaus werden mittel- und unmittelbar auf allen Kontinenten stattfinden. Müll, inklusive nukleare Abfälle, kann ganze Landstriche unbewohnbar machen. Wir sind mitten drin in einer globalen Umweltkatastrophe. Die Frage ist nicht, ob es schlimm wird, sondern in welchem Ausmaß.

2. Ist der Mensch das Problem für die Umwelt?

Der Mensch ist Teil der Natur. Seit die ersten Menschen sesshaft geworden sind, formen wir unsere Umwelt - auch und gerade mit dauerhaften Folgen. Es ist nicht möglich, in Wechselwirkung mit der Natur zu leben, ohne sie zu verändern. Die Regulierung von Flüssen, die Schaffung sogenannter „Kulturlandschaften“, aber auch das Abholzen ganzer Regionen seit der Antike – all das zeigt, dass der Mensch die Umwelt schon länger verändert und an seine Bedürfnisse anpasst. Aber über die letzten 100 Jahre hat diese Beeinflussung eine neue Qualität erreicht. Die menschlichen Aktivitäten haben das Ökosystem der Erde so sehr beeinflusst, dass sich dies in Atmosphäre, Wasser und Erde widerspiegelt und auch in ferner Zukunft noch entsprechend feststellbar sein wird. Darum sprechen manche Wissenschafter*innen auch vom „Anthropozän“; dem Zeitalter in dem der Mensch den Planeten maßgeblich verändert.

3. Warum wirkt sich die Menschheit erst seit dem 19. Jahrhundert so stark auf den Planeten aus?

Der Mensch muss immer als Teil eines Wirtschafts- und Gesellschaftssystems gesehen werden. Seit dem 19. Jahrhundert ist das der Kapitalismus. Dieser hat gemeinsam mit der Aufklärung zu einer Explosion an wissenschaftlichen Entdeckungen und technischen Neuerungen geführt. Das Wachstum der Bevölkerungen und die industrielle Massenproduktion haben sich gegenseitig bedingt. Damit ging die großangelegte Ausbeutung und Nutzung fossiler Energie-Ressourcen (Kohle, Öl, Erdgas) einher. Das kapitalistische Wirtschaftssystem dominiert seitdem weitestgehend alle Regionen der Welt. Zu beachten ist: Der Bärenanteil des emittierten fossilen CO2 stammt aus der Phase nach den Weltkriegen und nicht aus der Zeit der "Industriellen Revolution(en)" – also aus den letzten 60 Jahren.

4. Seit wann weiß man, dass es Probleme gibt?

Nicht erst seit gestern! 1845 beschrieb der Sozialist Friedrich Engels die dramatische Luftverschmutzung in englischen Industriestädten. In den 1880er Jahren gab es Debatten im Deutschen Reichstag über die Reinhaltung von Gewässern. 1895 präsentierte der Chemiker Svante Arrhenius seine Arbeit, in der er den Effekt der atmosphärischen Treibhausgase beschrieb. Er identifizierte CO2 als ein maßgebliches Spurengas für das Klima auf der Erde. Seit den späten 1950er Jahren wird die CO2-Konzentration in der Atmosphäre in der sogenannten Keeling-Kurve festgehalten. Seit den 70er-Jahren gibt es vielfältige Klima- und Klimafolgenforschung. Ebenso fanden zahlreiche Gipfel statt und wurden Abkommen unterschrieben wie z.B. das Montrealer Protokoll über Stoffe, die zum Abbau der Ozonschicht führen (1987). Die erste Weltklimakonferenz unter dem Dach der UNO war 1979! Tatsächlich wurde bisher kein nachhaltiger Beschluss wirklich umgesetzt, oder die Ziele wurden nicht erreicht.

5. Was genau hat das jetzt alles mit dem Kapitalismus zu tun?

Für die Kapitalist*innen ist die Natur eine kostenlose Quelle von Reichtum. Sie kann bei geschickter Gestaltung durch menschliche Arbeit riesige Profite für sie produzieren. Der Kapitalismus wird getrieben von der Notwendigkeit, Profit und mehr Profit zu machen. Alles wird zur Ware – einschließlich der gesamten Natur, inklusive dem Menschen. Das Konkurrenz-System wird uns gerne als "innovations-fördernd" präsentiert: das Gegenteil ist der Fall. Geforscht wird vor allem in Bereichen, die Profite versprechen. Forschungs-Ergebnisse werden nicht ausgetauscht, sondern durch Patente blockiert. Produziert wird nur, was profitabel scheint. Es herrscht ein Chaos von Unter- bzw. Überproduktion (gemessen an dem, was bezahlt werden kann, nicht unbedingt an dem, was Menschen brauchen). Bedürfnisse werden teilweise künstlich erzeugt, Produkte gezielt kurzlebig produziert („geplante Obsoleszenz“). Alles geschieht im Bestreben, im Wettbewerb die Nase vorne zu haben. Dazu kommt noch, dass dem ganzen Wirtschaftssystem die Demokratie fehlt. Selbst dort, wo es Wahlen und Parlamente gibt, haben diese kaum Einfluss darauf, was und wie produziert wird. Die Wirtschaft folgt ihren eigenen kapitalistischen Regeln. So entscheidet eine kleine Minderheit von Kapitalist*innen weltweit über unsere Zukunft, nur angetrieben von ihren kurzsichtigen Profit-Interessen.

6. Können wir den Kapitalismus mit seinen eigenen Waffen schlagen?

Wer im Rahmen kapitalistischer Logik denkt kommt rasch auf die Idee, die Wirkungsweise des Kapitalismus zu nutzen, um diesen zum ökologischeren Handeln zu Motivieren. Dazu gehören Konzepte wie Emissionshandel und Ökosteuern. Das Problem: im Kapitalismus funktioniert das nicht! Der Emissionshandel ist als das marktwirtschaftliche Instrument zur Reduzierung von Treibhausgasen angepriesen worden. 1997 einigte man sich in Kyoto auf eine Vereinbarung zum Emissionshandel für CO2 doch das ganze scheiterte weil es Firmen Wettbewerbsnachteile brachte und daher von „ihren“ Staaten praktisch ausgehebelt wurde. Die Herrschenden gerade in großen imperialistischen Staaten wie den USA oder Russland sabotieren - wie beim Emissionshandel - Maßnahmen zur "Klimawende" zugunsten der entsptrechenden einflussreichen Konzerne und dem angeblichen "nationalen Interesse". Abgesehen von massivem Betrug gab es von Anfang an Schlupflöcher und Sondergenehmigungen und die Obergrenzen waren moderat. Für die Firmen war es also ein leichtes (und billig) auch weiterhin CO2 aus zustoßen. Die Kosten werden ähnlich wie bei Ökosteuern einfach auf die Konsument*innen abgewälzt, die mehrheitlich ohnehin schon mit dem Druck von Sozialkürzungen und sinkenden Löhnen zu kämpfen haben. Der sogenannte „Lenkungseffekt“, den Ökosteuern eventuell und auch nur in beschränktem Ausmaß haben, ist außerdem oft ein unsozialer weil zusätzliche Steuern Menschen mit niedrigem Einkommen weit stärker treffen, diese aber trotzdem oft nicht die Möglichkeit haben gesündere bzw. nachhaltigere Produkte zu verwenden. Das grundlegende Problem ist die Konkurrenz: Beginnt ein Konzern, wirklich umweltfreundlicher zu wirtschaften, hat er im Wettbewerb Nachteile. Das kann sich kein Unternehmen auf Dauer leisten. Die Folge ist der "Öko-Schmäh" (Betrug mit scheinbarer Nachhaltigkeit etc.).

7. Aber es gibt doch Firmen, die mit umweltfreundlichen Produkten und Produktion dennoch Gewinne machen können – Warum geht das nicht für die gesamte Wirtschaft?

Umweltschutz ist inzwischen ein profitabler Zweig der Wirtschaft geworden. Es gibt umweltfreundlich(er) produzierte Möbel, biologische Nahrung und Kleidung und sogar nachhaltige Anlagemöglichkeiten an den Finanzmärkten. Das alles muss als Beispiel herhalten, um zu beweisen, dass ein umweltfreundlicher Kapitalismus möglich ist; wenn es eben nur alle so machen würden. Doch da liegt der Denkfehler. Es handelt sich um Produkte für einen relativ kleinen Teil der Konsument*innen. Jene, die es sich leisten können mehr zu zahlen oder auch längere Wege in Kauf nehmen, um sie zu bekommen. Dem Großteil der Menschheit fehlt schlicht das Kleingeld dafür. Nachhaltig zu produzieren muss nicht unbedingt teurer sein – aber weniger profitabel für Unternehmen. Wenn Produkte länger halten, wird weniger verkauft. Der Ökosektor ist außerdem eine Nische, die stark konjunkturabhängig ist. Sinken in einer Wirtschaftskrise die Einkommen der Mittelschicht, trifft es diesen Bereich besonders stark. Tatsächlich ist der Wirtschaftszweig „Öko“ oftmals gar nicht so grün. Solaranlagen oder Bio-Produkte sind letztlich nur ein weiterer Markt, der sich bestens zur Image-Pflege eignet. Der europäische Energie-Konzern RWE wirbt gerne mit Bildern von Windenergie und grünen Wiesen. Jedoch enthält sein Energiemix satte 66% Kohle sowie über 20% Kernenergie. Ein anderes Beispiel: Die Ausweitung der Produktion von „Biodiesel“ zerstört unwiederbringlich Regenwälder. Solange „Bio“ im Kapitalismus ein Geschäft bleibt, hat die Umwelt wenig davon.

8. Kann der Staat Unternehmen motivieren, ökologischer zu agieren?

Natürlich kann von staatlicher Seite durch Subventionen oder Steuern versucht werden, Unternehmen zu motivieren, umweltfreundlicher zu produzieren. Doch dieses Konzept geht von einem unabhängigen Staat aus. Doch das ist der bestehende Staat nicht. Vielmehr ist er der verlängerte Arm kapitalistischer Interessen. In bürgerlichen Demokratien wird das zwar zeitweise durch Wahlen etwas abgeschwächt. Doch wenn es „hart auf hart“ geht, dann wird es deutlich. Die Investitionen in Erneuerbare Energien sind, auch weil die staatliche Unterstützung in Folge der Krise 2007/08 gesunken ist, wieder zurückgegangen. Oder es wird Kernenergie gefördert, um die Netto-CO2-Bilanz geringfügig zu verbessern. (Der Rattenschwanz an dadurch langfristigen Problemen wird hier gerne übersehen.) „Natürlich“ bekennen sich Politiker*innen in Worten zu Umweltschutz und Nachhaltigkeit. Aber immer mit dem Zusatz „wenn es der Wirtschaft (= den Kapitalist*innen) nicht schadet“. Ein wesentliches Problem ist auch, dass das Klima und der Klimawandel international sind - nationalstaatliche Lösungen können daher nur ein Anfang sein, der durch den Druck von unten erreicht wird. Aber es braucht vor allem internationale Lösungen die aber an den kapitalistischen, nationalstaatlichen Interessen und Widersprüchen scheitern!

9. Wie viel kann ich mit meinen Konsumentscheidungen beeinflussen?

Die "Macht der Konsument*innen" wird gerne als Basis für Möglichkeiten zur Veränderung genannt. Wenn wir lokal und fair Erzeugtes kaufen, dann stärken wir diesen Bereich und andere Firmen ziehen nach. So weit die Hoffnung. Die Realität sieht leider anders aus. Ein großer Teil der Produktion erfolgt völlig unabhängig von den Kaufentscheidungen der Konsument*innen. Als Konsument*innen stehen wir am Ende einer langen Produktionskette, deren Zwischenschritte wir weder in Gänze überschauen, geschweige denn kontrollieren können. Schon der Kauf von Jeans stellt uns vor die unmögliche Aufgabe, lückenlos zu überprüfen, unter welchen Umwelt- und Arbeitsbedingungen die Baumwolle angepflanzt und geerntet, das Tuch gewebt, gefärbt und genäht wurde. Und selbst die laut Label total ökologischen Jeans sind garantiert mit LKW, Schiffen (Diesel) und Flugzeugen (Kerosin) transportiert worden, die ganz konventionell die Umwelt verpesten. Auch funktioniert die kapitalistische Wirtschaft nicht so, dass Unternehmen überlegen oder gar fragen, was Menschen wirklich brauchen und dann die Nachfrage decken. Es wird produziert, um Profit zu machen. Die Nachfrage folgt dem Angebot und nicht umgekehrt. Oder haben wir all die schlecht produzierten Wegwerfprodukte voller Schadstoffe eingefordert? Neben dem Konsumgüter-Sektor gibt es dann noch den ganzen Bereich der Produktion von Werkstoffen und Maschinen, der von individuellen Konsument*innen völlig unbeeindruckt ist.

10. Ist Umweltzerstörung ein „Frauen-Thema“?

Natürlich trifft die Zerstörung der Umwelt alle Menschen. Doch Frauen sind aus verschiedenen Gründen besonders betroffen. Einerseits sind Frauen öfters arm als Männer und können sich weniger gesundes Essen, nachhaltigere Produkte oder auch Wohnungen in gesünderen Gegenden leisten. In vielen Regionen der Welt sind Frauen für Landwirtschaft, Haushalt und Wasserbeschaffung zuständig. Wenn aber durch die zunehmenden Dürren und die Ausbreitung der Wüsten Wasser noch rarer wird, bedeutet das für die Frauen noch längere Wege, noch mehr Arbeitszeit für das Notwendigste. Doch auch viele der Maßnahmen, die „wir alle“ in den reicheren Industrie-Staaten setzen, um die Umwelt zu schonen, bedeuten mehr Arbeit für Frauen. Beispiel Windeln: Kann man sich die teuren ökologischeren Wegwerfwindeln nicht leisten, dann steigt der Druck von billigen Wegwerfwindeln auf Stoffwindeln umzusteigen, die selbstverständlich gewaschen werden müssen. Abgesehen davon, ob das letztlich ökologischer ist, bedeutet es viel zusätzliche Arbeit für ohnehin schon gestresste Mütter.

11. Was haben Kapitalismus und Klimawandel mit Flüchtlingen zu tun?

Der Kapitalismus beutet weltweit Mensch und Natur aus. In den entwickelten kapitalistischen Ländern gibt es dafür gewisse Einschränkungen. In den neokolonialen Ländern der sogenannten "3. Welt" aber kann ungehindert Raubbau betrieben. Ganze Regionen werden dauerhaft zerstört, Menschen wie Sklav*innen behandelt. Hinzu kommen die Auswirkungen des Klimawandels: durch Meerespiegel-Anstieg, Versalzung und Wüstenbildung werden ganze Landstriche unbewohnbar. Menschen müssen ihre Heimat verlassen, weil es keine Nahrung, kein sauberes Wasser, keine Chance auf Überleben gibt. An den Küstenlinien dieser Welt leben unmittelbar in jenem Bereich, der sehr wahrscheinlich bis 2100 vom Meer verschluckt sein wird, rund 150 Millionen Menschen. Genau jene, die den Klimawandel leugnen bzw. verursachen sind auch oft jene, die dann gegen Flüchtlinge hetzen bzw. die „Grenzen dicht machen“ wollen. Die Opfer dieser Politik sind Millionen Menschen!

12. Was ist notwendig, um den Planeten noch irgendwie zu retten?

2015 haben 196 Staaten in den "Pariser Klimaverträgen" beschlossen, Maßnahmen zu setzen, um die Erderwärmung bei ca. 1,5° Celsius halten zu können. Aktuelle Erkenntnisse der Polarforschung deuten darauf hin, dass selbst damit der langfristige Totalverlust des Grönland-Eises nicht gesichert sein dürfte. Nichtsdestotrotz: Um innerhalb einer solchen "+2°C-Welt" bleiben zu können, müsste der fossile CO2-Ausstoß sofort und nicht erst "in der Zukunft" massiv zurückgefahren werden. Es mangelt nicht an Ideen und Konzepten. Die grundlegenden Techniken, um Energie aus direkter Sonneneinstrahlung, Wind, Wasserkraft und Biomasse zu nutzen, sind seit Jahrzehnten bekannt. Alle relevanten Anwendungen sind bereits verfügbar. Es bräuchte auch keine Übergangstechnologien mehr. Das erste Patent für einen Sonnenkollektor zur Erzeugung von Warmwasser wurde 1891 vergeben, die erste Silizium-Solarzelle wurde 1954 hergestellt. Die heute erzielbaren Wirkungsgrade und Kosten-Nutzen-Rechnungen sind tief beeindruckend. Die diversen Schwachstellen und Kinderkranheiten von Systemen der Erneuerbaren Energieträger gehören der Vergangenheit an. Die Förderung des öffentlichen gegenüber dem privaten Verkehr wäre ebenso möglich und vor allem nötig. Sie scheitert aber daran, dass der öffentliche Verkehr privatisiert und verteuert wird und nur mehr dort fährt, wo es Gewinne bringt. Nebenstrecken werden eingestellt. Jeder kennt noch die Geschichten, dass "früher" eine Waschmaschine schon mal 20+ Jahre gehalten hat. Heute ist sie meist nach wenigen Jahren kaputt, bzw. es rentiert sich die Reparatur nicht mehr. (Zur Orientierung wird von Branchen-Insidern oftmals ein Jahr Haltbarkeit pro 100 € Anschaffungskosten angegeben.) Produkte könnten langlebiger und solider gebaut werden. Wenn wir einkaufen, wird durch unsere Kund*innenkarten festgehalten, was wir kaufen. Firmen könnten sehr genau planen, was gebraucht wird. Eine solche Planung – wenn sie in der gesamten Wirtschaft und nicht nur in konkurrierenden Firmen geschehen würde – könnte Unter- und Überproduktionen verhindern. So müssten keine Nahrungsmittel mehr weggeworfen werden. Die neuesten Technologien könnten eingesetzt werden, um Energie zu sparen. Es mangelt nicht an konkreten Ideen und den technischen Voraussetzungen, sondern nur an der Umsetzung! Dass diese nicht angegangen wird, hat seine Gründe im herrschenden Wirtschafts- und Gesellschaftssystem.

13. Wie sollen wir das Erreichen? Wer hilft uns dabei?

Viele Menschen setzen sich global für "Umweltschutz" ein. Auf die etablierten Parteien können wir uns nicht verlassen, soviel ist klar. Sie haben ihre Chance gehabt – und versagt. Auch als Reaktion auf dieses Versagen sind verschiedenste NGOs (Nicht-Regierungs-Organisationen) entstanden, von Greenpeace über den WWF bis hin zum Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP). Oft standen am Anfang ehrliche und kritische Aktivist*innen. Diese Organisationen versuchen durch Lobbying und den Aufbau von politischem Druck, die politischen Entscheidungsträger*innen zu beeinflussen. Doch selbst wenn sie teilweise "radikale" Aktionen setzen, wie z.B. Greenpeace dies tut, bleiben sie bei ihren Lösungen doch stets zu "pragmatisch". Überspitzt gesagt: Spende ein paar Euro, beruhige damit dein Gewissen und die NGO deines Vertrauens macht sich dafür stark, dass die Welt ein bisschen länger durchhält. Aber am grundlegenden Problem der kapitalistischen Profitwirtschaft wird nicht gerüttelt. Es ist wichtig, wenn Wissenschafter*innen und Promis ihre Stimme erheben. Aber es braucht v.a. die "normalen" Menschen, die nach dem Erkennen des Problems eine gemeinsame Strategie entwickeln, wie man die Situation nachhaltig verändern kann. Es geht um unsere Zukunft. Und wir haben die Macht sie zu verändern. Weil wir sehr viele sind. Und weil ohne uns nichts geht. Die Wirtschaft funktioniert nicht ohne die Arbeiter*innen. Wenn wir nicht arbeiten, dann steht alles. Die Arbeiter*innen, also alle die in Betrieben, in Büros, in Supermärkten, in Schulen, im Gesundheitswesen etc arbeiten, sind eigentlich die größte Macht in der Gesellschaft. Die größten Verbesserungen der letzten Jahrzehnte wurden erreicht, als Arbeiter*innen und ihre Organisationen, Gewerkschaften und die damaligen Arbeiter*innenparteien, darum gekämpft haben.

14. Die Gewerkschaften? Ernsthaft? Die stehen doch auf der anderen Seite!

Es stimmt, das die Gewerkschaften in Österreich und auch international bei Umweltbewegungen meist auf Seite der Betonierer*innen, der Umweltzerstörung gestanden sind. Als 1984 die Hainburger Au besetzt wurde, um sie vor der Zerstörung durch ein Kraftwerk zu schützen, war es ausgerechnet die Gewerkschaft Bau-Holz (GBH), die am aggressivsten gegen die „Ökos“ auftrat. Auch bei den Protesten gegen das aktuelle Murkraftwerk sowie gegen die 3. Piste am Flughafen Wien wird versucht, die Interessen von Arbeiter*innen gegen den Umweltschutz auszuspielen. Doch Umweltschutz ist kein "Luxusthema" für Wohlhabende. Gerade Arbeiter*innen leiden unter der Zerstörung der Umwelt besonders: Gifte am Arbeitsplatz, verschmutzte Naherholungsgebiete, Wohnen an der Durchzugsstrasse. Jobs werden durch den Kapitalismus und seine Krisen vernichtet, nicht durch Umweltschutz-Maßnahmen. Doch die Gewerkschaftsführung folgt oft der Logik der Unternehmen, die behaupten, dass Umweltschutz Jobs vernichten würden. Während sie kein Konzept haben und keinen echten Kampf führen, um Stellenabbau und Privatisierungen (z.B. bei Bahn und Öffis) zu stoppen, hoffen sie auf Jobs durch Großprojekte. Es hat hier jedoch in den letzten Jahrzehnten ein gewisses Umdenken gegeben. Heute gibt es auch viele in der Gewerkschaftsführung, die damit argumentieren, dass auch Umweltschutz Jobs schaffen kann. Doch das Argument ist nicht viel besser. Das Problem mit der Gewerkschaftsführung ist, dass ihre ganze Argumentation sich innerhalb der kapitalistischen Logik bewegt und daher auch das ganze Spektrum abdeckt: vom Megaprojekt bis zur ökologischen Produktion. Um aber die Interessen der Mitglieder und der Arbeiter*innenklasse als Ganzes wirklich nachhaltig zu vertreten, braucht es einen Bruch mit dieser starren, profitorientierten Logik! Denn die Gewerkschaften sind jene Organisationen die potentiell die Macht haben, große Kämpfe und Streiks der Arbeiter*innen zu organisieren. Um sie dorthin zu bringen braucht es aber auch eine starke gewerkschaftliche Linke, demokratische Strukturen in den Gewerkschaften und einen Bruch mit der SPÖ (und den anderen etablierten Parteien).

15. Wenn wir Armut abschaffen – bedeutet das nicht den ökologischen Super-Gau?

Das Leben mag "früher" zwangsweise näher an der Natur gewesen sein. Aber das hat auch bedeutet, dass Menschen im Winter erfroren sind, an simplen Wunden gestorben oder verhungert sind. Auch heute gibt es noch Milliarden Menschen, die in Armut leben. Wir sind für eine Gesellschaft, in der alle Menschen haben, was sie brauchen. Damit meinen wir aber nicht, dass alle mindestens drei Autos haben oder noch mehr Wegwerfprodukte erzeugt werden. Mit einer sinnvollen Planung und dem Einsatz aller technischen Möglichkeiten (inkl. neuer Erfindungen, die möglich werden, wenn Menschen nicht mehr am solidarischen Forschen gehindert werden durch Armut, Patent-Unwesen etc.) wird es möglich sein, dass jeder Mensch auf dem Planeten ein gutes Leben hat, OHNE dass dabei der Planet zerstört wird. Wenn wir "Wachstum" sagen, dann meinen wir etwas ganz anderes als die Kapitalist*innen. Für sie bedeutet es immer um des Profites wegen mehr zu produzieren und dafür Mensch und Umwelt auszubeuten. Wir meinen ein Wachstum an Qualität: gesundes Essen und Umwelt, stressfreies und selbstbestimmtes Arbeiten ohne langes Pendeln, soziale Sicherheit und Möglichkeiten für Freizeitgestaltung.

16. Wie schaut eure Alternative aus?

Der Kapitalismus ist offensichtlich nicht in der Lage oder Willens, die Umwelt zu retten und angesichts der Klimakrise entsprechend radikal zu handeln. Er kann es auch nicht, da er sich selbst in Frage stellen müsste. Um den Planeten für die Menschheit noch halbwegs zu erhalten, müssen wir ihn vor dem Kapitalismus retten. Die Wirtschaft muss nach den Bedürfnissen der Menschen organisiert werden. Dazu gehört, dass es gibt, was wir brauchen. Gleichzeitig muss derart produziert werden, dass unsere Umwelt daran nicht endgültig zugrunde geht. Wenn nur 100 Unternehmen weltweit für mehr als 70% des Treibhausgas-Ausstoßes seit 1988 verantwortlich sind, zeigt dies, dass unser Bemühen sinnlos sein wird, wenn sich dort nichts ändert. Es ist letztlich alles eine Frage wem die Wirtschaft gehört. Damit wir sicherstellen können, dass die Wirtschaft so funktioniert, wie es für Mensch und Natur sinnvoll und erträglich ist, muss sie uns gehören. Als ersten Schritt brauchen wir die Enteignung der großen Konzerne und ihre Überführung in Gemeineigentum. Wenn sie uns - der gesamten Gesellschaft - gehören, dann müssen und können wir auch entscheiden, was in welcher Menge und wie produziert wird. Dazu brauchen wir demokratische Strukturen, die die gesamte Wirtschaft und Gesellschaft durchdringen. Das geht weit über den bürgerlichen Parlamentarismus hinaus. Eine solche sozialistische Gesellschaft könnte nachhaltig produzieren UND Armut, Krieg und Elend wirkungsvoll zurückdrängen.

17. Aber wurde in den "sozialistischen" Staaten die Umwelt nicht genauso zerstört?

Es stimmt, dass im "Ostblock", der Sowjetunion und in China massive Umweltzerstörung stattgefunden hat. Der Grund dafür liegt genau darin, dass es keine sozialistischen Staaten waren. Der Kapitalismus war zwar abgeschafft, aber es gab keine (Arbeiter*innen-)Demokratie. Eine bürokratische Schicht herrschte und stand weiterhin im Wettstreit mit dem kapitalistischen "Westen". So wurde teilweise nach dem Prinzip "hinter mir die Sintflut" produziert. Katastrophen bis hin zu Tschernobyl 1986 waren die Folge. Doch das war nicht immer so. Unmittelbar nach der Russischen Revolution 1917, als noch versucht wurde, eine echte sozialistische Gesellschaft zu errichten, gab es eine Reihe von grünen Initiativen: Wälder, Bodenschätze und Wasser wurden verstaatlicht und so der Profitwirtschaft entzogen. Es kam zu Aufforstungen, der Gründung der ersten Naturschutzgebiete der Welt sowie zur Gründung einer Vielzahl von Umweltorganisationen. Neben dem Modell der "grünen Stadt" wurde mit Nachdruck auf dem Gebiet der Ökologie geforscht. Erst mit dem Stalinismus, der im Laufe der 1920er und 30er die Macht übernahm, fiel man wieder in den altbekannten Raubbau an der Natur zurück. Denn mit dem Abbau jeglicher Demokratie wurde die Kontrolle durch die Arbeiter*innen beseitigt. Der russische Revolutionär und Gegner des Stalinismus, Leo Trotzki, betonte: „Die Planwirtschaft braucht die Arbeiter*innendemokratie wie ein Körper Sauerstoff benötigt.“

18. Wäre eine geplante Wirtschaft besser für die Umwelt?

Die jetzige Wirtschaft läuft gleichzeitig geplant und chaotisch ab. Die einzelnen Unternehmen planen intern sehr genau, aber ohne sich mit anderen zu koordinieren. So kommt es zu Engpässen oder Überschuss. Es wird auch nicht geschaut, was tatsächlich gebraucht wird, sondern was profitabel verkauft werden kann. Und bei den Kosten berücksichtigen Unternehmen immer nur die unmittelbaren Produktionskosten, während die Folgekosten für die Gesellschaft (z.B. für zerstörte Umwelt) auf ebendiese abgewälzt werden. In einer demokratisch geplanten Wirtschaft, in der wir alle mitentscheiden, wären Umwelt- und Klimaschutz automatisch wichtige Faktoren. Wir können einen massiven Ausbau des öffentlichen Verkehrs sichern und so den Privatverkehr weitgehend unnötig machen. Wir können Jobs in Wohnnähe (oder nachhaltigen Wohnraum in Jobnähe) schaffen, somit langes Pendeln verhindern und mehr Freizeit schaffen. Wir können unnötige oder schlechte Produkte durch langlebige und nachhaltige ersetzen. Wir können alle technischen Möglichkeiten nutzen und neue schaffen, um Energie zu sparen, Schadstoffe zu reduzieren, ökologischere Produkte oder Produktionsabläufe einzusetzen, die derzeit aus Profitgründen in den Schubladen bleiben. Nur auf der Grundlage einer demokratischen Planung in einer von echter Demokratie durchdrungenen Gesellschaft besteht die Chance, dass wir weltweit mit den Folgen des Klimawandels halbwegs zurecht kommen werden. Langfristig können verursachte Schäden teilweise wieder verringert werden, wenngleich auch vieles nicht mehr rückgängig gemacht werden kann.

19. Muss ich zum Wohle der Umwelt auf vieles verzichten?

Umweltschutz wird gerade von Rechten, die den Klimawandel gerne leugnen (oder sogar als positiv verklären), oft als modernisierungsfeindlich dargestellt. Ja, es gibt mitunter diese Umweltschutzaktivist*innen, die meinen, dass die Industrialisierung an sich das Problem wäre und wir darum wieder auf vorindustrielle Lebens- und Produktionsweisen zurückkehren sollten. Das ist nicht nur unrealistisch, unter anderem weil die Infrastruktur der Industriegesellschaft erhalten werden muss, um Katastrophen während ihres Verfalls zu verhindern, sondern auch schlichtweg nicht wünschenswert. Saubere Spitäler, die Möglichkeit zu reisen, warme Wohnungen, gute Ernährung, das Internet etc.. Auf all das wollen wir zu Recht nicht verzichten. Die Antwort auf die Frage, ob Menschen in einer demokratischen, ökologischen, sozialistischen Gesellschaft auf etwas verzichten müssen lautet: Ja UND Nein. Für die Mehrheit der Menschen wird eine solche Gesellschaft eine deutliche Verbesserung ihres Lebens bringen, weil Hunger, Krieg und Ausbeutung langfristig abgeschafft werden können. Verzichten müssen v.a. jene, die jetzt unverschämt reich sind und auf Kosten anderer leben. Aber auch unser aller Leben wird sich verändern. Ohne Dauerwerbung der Modeindustrie, der Telekomindustrie, ohne Betrug der Autoindustrie, werden wir andere Dinge wertschätzen als den Kauf von ständig neuer Kleidung, Autos und Handys. Wenn wir mehr Zeit haben, können wir leichter per Zug verreisen und den Wechsel der Landschaft und der Zeitzonen miterleben, anstatt mit dem Flugzeug bloß von Kontinent zu Kontinent zu hetzen.

20. Was kann ich tun?

Mülltrennen, Mehrwegflaschen, zu Fuß gehen oder mit Öffis fahren, wenig Fleisch essen, Strom sparen und vieles mehr: nichts ist falsch daran, sich zu bemühen, einen sorgsamen Umgang mit anderen und der Natur zu haben. Dass so viele Menschen bereit sind, bei sich selbst etwas zu ändern und sogar auf Dinge zu verzichten zeigt: Der Mensch ist keineswegs "zu schlecht" für eine sozialistische Gesellschaft! Aber es muss uns dabei immer klar sein, dass die Veränderung unseres individuellen Verhaltens bestenfalls der berühmte Tropfen auf den heißen Stein ist. Tatsächlich können verschiedenste Kampagnen, wo wir alle aufgerufen sind, "etwas zu tun", auch ein Ablenkungsmanöver von den großen Umweltsünden darstellen. Ja es geht darum, was jede*r Einzelne tun kann. Jede*r Einzelne kann etwas zur Veränderung beitragen, wenn er/sie sich mit anderen zusammenschließt und langfristig Widerstand organisiert, um das System, das für die Klimakatastrophe verantwortlich ist, zu stürzen. Wir verstehen die Skepsis gegenüber Parteien angesichts der Erfahrungen mit korrupten, abgehobenen Parteien die nur auf unsere Stimmen aus sind. Darum brauchen wir eine neue, echte sozialistische Partei die die Kämpfe und Interessen von Arbeiter*innen und Jugendlichen bündelt. Die SLP steht als revolutionäre Partei für eine grundlegende Veränderung der Gesellschaft. Wir arbeiten auch mit am Aufbau einer solchen breiten neuen Arbeiter*innenpartei als Kampfinstrument. Und wir sind Teil einer internationalen sozialistischen Organisation, dem CWI - weil der Klimawandel und der Kapitalismus nur gemeinsam und nur international bekämpft werden können! Join in the struggle! 

Für "20 Fragen und Antworten: Können wir die Welt noch retten?" wurden auf Texte der SLP-Schwesterorganisationen aus Deutschland, England, Schweden und den USA verwendet.

 

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23.5.2018

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