Woher kommt die Inflation?

Stefan Brandl

Die Inflation wird mehr und mehr spürbar, vor allem bei Produkten und Dienstleistungen des täglichen Bedarfs. Die Angst vor der Inflation wird wachsen, ist historisch gesehen aber nichts Neues. In Europa sind die dramatischsten Beispiele in der Zwischenkriegszeit zu finden; gemeinsam mit der Wirtschaftskrise und der Zerstörung im 1. Weltkrieg schaffte der Kapitalismus die Grundlage für gesellschaftliche Deklassierung und politische Polarisierung. Eine zweite große Inflationswelle rollte in den 1970er Jahren über die Welt, als das Nachkriegs-Wachstum mit der Ölpreiskrise einen großen Dämpfer erhalten hatte. 

Woher kommt die Inflation aber jetzt? Bürgerliche Wirtschaftswissenschaftler*innen können uns dafür verschiedenste - teilweise widersprüchliche - Argumentationen anbieten, sie alle haben aber gemeinsam, dass sie an der Oberfläche bleiben.

Die wohl bekannteste “Erklärung” ist die grundlegende These des Monetarismus: Steigt das Geldvolumen (=das vorhandene Geld) schneller als die Produktion / verfügbaren Dienstleistungen, muss auch die Inflation steigen. Folglich hätten alle Preise 2021 also um ca. 25% steigen müssen, weil die Geldmenge um diesen Prozentsatz angewachsen ist - sind sie aber nicht. 

Eine andere “Erklärung” ist sie sogenannte “Cost-Push”-These (deutsch: “Lohn-Preis-Spirale”): Inflation wird durch höhere Löhne getrieben - geringe Arbeitslosigkeit sowie hohe Löhne führen zu höheren Preisen; hohe Arbeitslosigkeit sowie niedrige Löhne führen zu niedrigen Preisen. Preise sind weder während der Krise 2007/8 noch 2020 entsprechend der Beschäftigungsquote gefallen, noch sind Preise mit der niedrigen Arbeitslosigkeit dazwischen massiv gestiegen.

Marxist*innen stellen diesen simplen und ideologisch klar bürgerlichen Erklärungsmustern eine umfassende Analyse entgegen (siehe “Marx aktuell”): Geld repräsentiert den “Tauschwert” - also das Äquivalent zur durchschnittlichen gesellschaftlichen Arbeit, die notwendig ist, um eine Ware zu schaffen. Höhere/Niedrigere Löhne ändern nichts am Wert einer Ware, sondern lediglich daran, wie viel von dem von ihnen produzierten Mehrwert die Arbeiter*innen erhalten - oder eben nicht. Automatisierung und technischer Fortschritt reduzieren im allgemeinen die durchschnittlich notwendige Arbeitszeit pro Produktionseinheit und damit den Anteil von auszubeutender Arbeit im Produktionsprozess tendenziell - somit auch die Profitrate. Kapitalist*innen versuchen, diesem “tendenziellen Fall der Profitrate” dann entsprechend mit erhöhter Ausbeutung entgegenzuwirken - Inflation ist eine Form davon.                                                                                                                    

Für Arbeiter*innen ist weder Inflation noch Deflation und das damit verbundene Zusammenbrechen der Warenzirkulation wünschenswert. Kapitalist*innen argumentieren oft für eine “gesunde” Inflation: Investitionen könnten durch billiges Geld oder Negativzinsen beeinflusst werden. Die Rückzahlung von (Staats-)Schulden könne kurzfristig erleichtert und “ausländische Assets” (Infrastruktur, Firmen, ...) könnten leichter gekauft werden. In diesem Rahmen ist es dann die Aufgabe von Zentralbanken, Geld in dem Ausmaß zu “produzieren”, den bestmöglichen Umlauf von Waren zu gewährleisten - quasi als “Schmiermittel”, um Preisstabilität zu gewährleisten.

Die Praxis hält der Theorie nicht stand und (zu) hohe Inflation bringt ihre eigenen Widersprüche mit sich: Länder, deren Staatsschulden vor allem in Fremdwährungen gehalten werden, können sich Inflation auf keinen Fall leisten, während Länder mit Staatsschulden in Eigenwährung durch Inflation die Schuldenlast reduzieren können und teilweise müssen. Diese Art von lockerer Geldpolitik ist offensichtlich kein Zeichen für eine stabile und wachsende Wirtschaft: Kapitalflucht ist oft eine direkte Reaktion auf Inflation (Bsp. Türkei); Kredit- und Immobilienblasen (bsp. Evergrande in China) sind ebenfalls direkte Auswirkungen von zu hoher Inflation. Geld wird als Wertanlage zu unsicher und “handfeste” Werte wie Immobilien oder Anlage in andere Spekulationsobjekte gewinnen an Bedeutung. Es kommt zu Spekulationsblasen, die irgendwann auch platzen.

Klein- und Mittelbetriebe haben auch kein Interesse an Inflation, weil sie dadurch nur ihre Rücklagen - oft in Form von Geld - verlieren. Für Arbeiter*innen hat das natürlich ganz oft noch dramatischere Folgen: Wohnen, Essen oder Strom wird unleistbar(er). Die sozialen Folgen polarisieren. Historisch waren die Antworten der Rechten rassistisch wie das Märchen vom “schaffendem” und “raffendem” Kapital bei antisemitischen Wirtschafts”erklärungen” der Nazis. 

Denn bei den “Lösungen” stochern die bürgerlichen “Expert*innen” und Politiker*innen im Nebel herum. Zentralbanken können nicht einfach Leitzinsen erhöhen, um Inflation und “billiges Geld” zu bekämpfen: Ein Fünftel aller europäischen Unternehmen sind “Zombie-Firmen” und von billigem Geld abhängig. Folglich stünden sie in diesem Falle vor einer Pleitewelle und damit verbunden vor Produktionsausfällen und einer starken Rezession.

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt wollen uns IWF, Zentralbanken und Politik weismachen, dieser Inflationsschub wäre ein vorübergehendes Phänomen. Doch sie ignorieren, dass die Fundamente der Wirtschaft mehr als wackelig sind. Schon vor Corona zeigten die diversen Indikatoren nach unten, Corona hat diesen Trend mit einem Turbo versehen. Wenn aber vorher schon vieles im Argen war, warum sollte dann “nach” Corona (wann immer das sein soll) plötzlich wieder “alles gut” werden?

Die Herrschenden haben keine Antworten auf das Problem der Inflation und keine Antworten auf die noch tiefer liegenden Probleme der Wirtschaft. Sie werden ihre Politik, die uns dieses Dilemma verschafft hat, fortsetzen. Wie immer sie reagieren, welche Wirtschaftspolitik sie auch immer anwenden, mehr oder weniger neoliberal, mehr oder weniger keynesianisch - es wird alles nichts helfen. Denn diese Situation wird durch die Widersprüche des Kapitalismus geschaffen. 

Mittelfristig können wir davon ausgehen, dass die “lockere Geldpolitik” fortgesetzt wird, während der Kapitalismus sich in weitere unüberwindbare Widersprüche manövriert. Nicht nur die globale Inflationskrise, sondern auch die Klimakrise und Corona-Pandemie erfordern erhöhte internationale Zusammenarbeit, stattdessen nehmen die Blockbildung und Protektionismus weiterhin zu. Der verzweifelte Versuch der “unabhängigen” Zentralbanken, Preise stabil zu halten, scheitert kläglich vor dem Hintergrund von bröckelnden Lieferketten und Rückstaus in Häfen und Verkehrsknotenpunkten.

Krisenzeiten führen zu schnellerer Polarisierung - die politische “Mitte” wird zunehmend aufgerieben. Die Illusion, weder “links” noch “rechts” zu sein, bedeutet letztlich ja immer, den status quo mitzutragen. Im Rahmen dieser Gesellschaft gibt es keine Lösungen für ihre selbst verursachten Probleme. Es ist nicht die Aufgabe von Sozialist*innen bzw. Gewerkschafter*innen, dieses System zu “fixen” oder die besseren Wirtschaftsberater*innen zu sein. Die Frage der Inflation ist nur ein Symptom der unüberwindbaren und systemischen Krise der Profitabilität: Für Milliarden von Menschen bietet der Kapitalismus keine Stabilität oder Zukunftsperspektive - ob mit oder ohne Inflation. 

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