Widerstand in Haiderland

Im falschen Film?
Sonja Grusch

Anlässlich von 10 Jahren blau-schwarz bzw. 10 Jahren Widerstandes gegen blau-schwarz hat der österreichisch-britische Journalist und Dokumentarfilmer Frederick Baker den Film "Widerstand in Haiderland" gedreht. So weit so gut. Wer aber, wie die Autorin dieser Zeilen, in der "Widerstandsbewegung" selbst aktiv war, fragt sich, ob er/sie im falschen Film war.

Abgesehen von der politisch problematischen Verkürzung auf "Haider=Hitler" (die u.a. die Frage offen lässt, was dann Strache, der noch weiter rechts steht als Haider, ist) zeichnet der Film ein Bild, das nur einen kleinen Ausschnitt der Realität zeigt. Die Widerstandsbewegung wird im Wesentlichen auf eine Handvoll Promis aus Kultur und Medien reduziert. Sie werden zur Widerstandsbewegung hochstilisiert. Die zehntausenden AktivistInnen zu bloßen StatistInnen reduziert. Kein Wort von 15.000 SchülerInnen, die gegen die FPÖ-Regierungsbeteiligung gestreikt haben. Kein Wort über die wochenlangen Studierendenproteste. Die Streiks 2003 gegen die Pensionsreform und von den EisenbahnerInnen - als wären sie nie passiert.
Dass das "Aktionskomitee gegen blau-schwarz" die Demonstrationen organisiert, ihnen Thema und Motto gegeben hat wird totgeschwiegen. Überhaupt kommt ausschließlich Bild- und Tonmaterial vor, auf dem die "organisierte Linke" nicht vorkommt. Keine Transparente, Fahnen, Megafone, Reden, Tafeln, Interviews, Fernsehauftritte von AktivistInnen der verschiedenen linken Organisationen, die - auch wenn es Frederick Baker anders darstellt - eine zentrale Bedeutung v.a. für die Politisierung und die Weiterführung der Proteste hatte.
Menschen, die 2000 (noch) nicht politisch aktiv bzw. interessiert waren möchten wissen, wie eine Bewegung, die so lange und so stark war, scheitern konnte. Diese Frage wird nicht beantwortet. Aber Frederick Baker schafft mit seiner Darstellung der Bewegung eine Kopie eben jener Fehler, die 2000 gemacht wurden. Die soziale Bedrohung, die von blau-schwarz ausging wird weitgehend ignoriert, stattdessen ein "Haider=Hitler" Szenario gezeichnet. Das ist gerade angesichts des Widererstarkens der FPÖ wichtig, die sich als „soziale Heimatpartei“ präsentiert und vermeintliche Antworten auf die sozialen Probleme bietet.

Prominente kommen zu Wort deren Aussage als "ein kleiner Hitler steckt in jedem Österreicher" zusammengefasst werden können - und dabei die Tatsachen von antifaschistischem Widerstand durch eine Vielzahl von Menschen in diesem Land einfach ignorieren. 2000 hat eine aus dem SPÖ- und Grün-Milieau kommende Gruppe von v.a. KünstlerInnen versucht, die Widerstandsbewegung zu dominieren. Dies ist ihnen medial gelungen - auch mit diesem Film. Sie haben zwar in der Bewegung selbst kaum eine Rolle gespielt, waren selten auf Demonstrationen und ihre Lösungsansätze haben sich auf "Neuwahlen" beschränkt, aber auf den Bühnen und in den Medien wurden sie als die Widerstandsbewegung präsentiert. Dass schon 2000 in den Medien präsentierte Missverhältnis wird mit diesem Film fortgesetzt.

Die Widerstandsbewegung ist daran gescheitert, dass die Proteste sich auf Demonstrationen beschränkt haben und keine Arbeitskämpfe und Streiks die Regierung unter Druck gesetzt haben. Neuwahlen haben nichts gebracht, solange es keine neue linke Alternative gab. Das Entstehen einer solchen echten Alternative wurde nicht zuletzt auch deshalb verhindert, weil eben jene Promis, die hier so prominent zu Wort kommen auf Neuwahlen gesetzt haben und nicht bereit waren mit der SPÖ, und in kleinerem Ausmaß auch mit den Grünen, zu Brechen. Das Großartige an der Widerstandsbewegung waren nicht eine Handvoll Promis, sondern, dass eine ganze Generation politisiert wurde, dass SchülerInnen, Studierende, Arbeitslose, ArbeiterInnen und Angestellte, PensionistInnen, In- und AusländerInnen, Kranke und Gesunde, Junge und Alte gemeinsam monatelang protestiert haben - und dabei lebendige Diskussionen über die politischen Alternativen geführt haben. Auch davon kein Wort im Film.
Schade, Widerstand im Haiderland ist kein Film über die Widerstandsbewegung, sondern bestenfalls über ein kleines Segment davon.

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