Wahrheit?

Filmkritik
John Evers

„Nichts als die Wahrheit“ ist nicht der erste Spielfilm, der versucht, das Thema  NS-Verbrechen zu be- und verarbeiten. In diesem Fall soll ein fiktiver Prozess im vereinigten Deutschland der 90er Jahre gegen den – tatsächlich 1979 verstorbenen – „Todesengel von Ausschwitz“ Dr. Josef Mengele die Nazigreul einem breiten Publikum ins Gedächtnis rufen. Ein schlecht gelungener Versuch ...
Vorneweg ein Bekenntnis: Im Gegensatz zu anderen Meinungen, halte ich auch das Medium (Spiel)Film für ein legitimes Mittel, um Fragen wie Faschismus, Nationalsozialismus und Holocaust zu beleuchten.
Nur: Menschen, die solche Filme machen, drehen nicht einfach eine spannende Story (wie diesen Film), eine gute Komödie (wie „Das Leben ist schön“), oder ein episches Gesamtkunstwerk (wie „Schindlers Liste“), sondern vor allem Streifen über den Holocaust. Die „Botschaft“ die in diesem Zusammenhang vermittelt wird, ist für mich die alleinige Richtschnur bei der Bewertung solcher Werke. Positiv an „Nichts als die Wahrheit“ ist deshalb eigentlich nur ein Punkt: Einige Zeitzeugen berichten im Gerichtssaal über Mengels Verbrechen – wobei aber gleichzeitig durch den fiktiven Charakter des gesamten Films, nicht deutlich genug wird, dass ihre Aussagen reale Geschichte und reales Leiden beschreiben.
Demgegenüber stehen mehrere fragwürdige Nebenstories – Neonazis, Bomben, Attentate – die dem Werk offensichtlich die nötige Spannung verleihen sollen. Geradezu fatal ist die durch die Staatsanwaltschaft gemachte Unterstellung, mit Mengele endlich einen Kronzeugen für den Holocaust aus der NS-Bürokratie gefunden zu haben. Tatsächlich lassen seine offenen Bekenntnisse zum Massenmord, die Nazikundgebungen im Film aufhören.
Abgesehen davon, dass es schon längst Kronzeugen dieser Art  gab – wie den ehemaligen Lagerleiter von Auschwitz Höß: Kommt es heute tatsächlich auf die Aussagen eines Täters an, um Auschwitz zu beweisen?
Bei der Darstellung Mengeles setzt die Regie auf ein altbekanntes Klischee: Das des sadistischen Dämons. Hauptdarsteller Götz George mutiert mittels perfekter Maske zu einer Art Frankenstein. Nicht dass es unter den Tätern keine sadistischen Dämonen gegeben hätte. Doch sie waren die Ausnahme von der Regel der banalen Bürokraten und Pflichterfüller, die das System und seine Verbrechen auf allen Ebenen trugen.
Die entscheidende Frage, warum gerade ein mittelmäßiger Wissenschaftler und Arzt wie Mengele eine solch zentrale Rolle im Vernichtungsapparat spielen konnte, wird zwar nebenbei gestellt, bleibt aber unbeantwortet. Ebenso wie jene – es handelt sich schließlich um einen Justizthriller – ob so eine Figur Anspruch auf die „bestmögliche Verteidigung“ hat.
Ich denke übriges: Eigentlich nicht ... 

Erscheint in Zeitungsausgabe: 

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