Vietnam: 49 Jahre, ein Land, viele Fronten

In den zahlreichen Konflikten rund um den Vietnam spiegeln sich die Welt-Beziehungen des 20. Jahrhunderts.
Albert Kropf

Der Vietnamkrieg begann eigentlich schon 1940 mit dem Überfall Japans auf Südostasien. Auch Indochina kam unter japanische Verwaltung, der schwache französische Imperialismus konnte sich nicht behaupten. 1941 kehrte Ho Chi Minh zurück und gründete die “Liga für die Unabhängigkeit Vietnams” (Viet Minh). Der kämpfte nun auf Seiten der Alliierten gegen Japan. Mit der Niederlage Japans im Krieg entstand ein Machtvakuum. Der japanische Imperialismus war geschlagen und auf dem Rückzug, der französische noch nicht wieder vor Ort. Gestützt auf eine de facto Abschrift der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung rief Ho Chi Minh die Demokratische Republik Vietnam aus: “Unsere Regierung (…) ich wiederhole, ist eine demokratische Regierung der Mittelklasse, auch wenn die Kommunisten nun an der Macht sind” (Innenminister des Provisorischen Exekutiv-Komitees). Es folgte aber nicht die Anerkennung, sondern die Landung der französischen Fremdenlegion. Unter denen befanden sich viele Faschisten (unter ihnen viele SS-ler), denen so die Flucht vor ihren Kriegsverbrechen gelang. Dementsprechend brutal und menschenverachtend wurde der Krieg auch von Seiten der “Franzosen” geführt. Entschieden wurde der Indochinakrieg schließlich mit der Niederlage der Franzosen in der Schlacht von Dien Bien Phu 1954. Frieden bedeutete dies aber nicht.

Ein zweites Korea und die neue Weltlage

Auf der Indochina-Konferenz 1954 wurde Vietnam entlang des 17. Breitengrads zweigeteilt und für 1956 über die gemeinsame Zukunft entscheidende Wahlen versprochen. Während im Norden Ho Chi Minh die Demokratische Republik Vietnam regierte, setzten die USA im Süden eine Marionettenregierung mit Ngo Dinh Diem ein. Sehr schnell zeigte sich, dass an gemeinsame Wahlen nicht zu denken war und die Teilung ähnlich wie in Korea festgeschrieben würde. Die USA begannen Südvietnam hochzurüsten, “Militärbeobachter” der USA übernahmen mehr oder weniger Frankreichs Position. Wie heute im Irak oder Afghanistan versteckten die USA auch damals unter dem Deckmantel des Schutzes der Demokratie andere Interessen. In Südvietnam installierten sie damals die Diktatur einer korrupten Clique, die das Land ausblutete und gegen die Bevölkerung einen Krieg führte.

Zweifacher Krieg

Vorerst beschränkte sich das “Engagement” der USA darauf, gemeinsame Wahlen zu verhindern. Gleichzeitig warteten sie aber nur darauf, gegen den Norden losschlagen zu können. Also inszenierten sie 1964 einen “Überfall” auf zwei ihrer Kampfschiffe im Golf von Tonking im Norden Vietnams. Damit rechtfertigten sie die Massenbombardements gegen die Zivilbevölkerung im Norden und die Stationierung von über einer ½ Million US-Soldaten im Süden bis 1968. Dort hatte sich mittlerweile die Unabhängigkeitsbewegung FNL, die unter dem Einfluss Nordvietnams stand, gegründet. Mit jedem Tag der Marionettenregierungen wuchs die Unterstützung für die FNL. Folglich führten die USA nicht nur Krieg gegen Nordvietnam, sondern auch gegen die Bevölkerung im Süden. Im Kampf gegen die FNL verübten sie Massaker an der Zivilbevölkerung, schleiften ganze Dörfer und erklärten das Gebiet nördlich Saigons zur “free-fire-zone”. Das hieß, dass alle Kampfpiloten angehalten wurden, alle restlichen Bomben, die sie nach ihren Einsätzen noch an Board hatten, dort abzuwerfen. Als der Widerstand weiter anwuchs, wurden Dioxin, Entlaubungsmittel und Napalmbomben eingesetzt, um “Herr der Lage” zu werden. Aber stattdessen grub sich die Bevölkerung regelrecht ein und errichtete ein 100e Kilometer weites Tunnelnetz im Kampf gegen die Besatzer. Wie weit der Widerstand sogar in den eigenen Reihen war, zeigt die Tatsache, dass der Präsidentenpalast Diems von einem südvietnamesischen Kampfpiloten bombardiert wurde. In den daraufhin neu errichteten zog Diem allerdings nicht mehr ein, er wurde 1963 in einem Komplott unter Beteiligung des US-Geheimdienstes “liquidiert” und durch eine neue Marionette ersetzt.

Ein ehrenhafter Friede

Eines der größten Probleme der USA waren die Nachschublinien der FNL – der so genannte Ho-Chi-Minh-Pfad, der von Hanoi bis in die Vorstädte Saigons reichte. Dabei handelte es sich um ein flexibles Wegenetz durch den indochinesischen Dschungel, der dabei auch in die Staatsgebiete von Kambodscha und Laos reichte. Also bombardierten die USA auch diese Staaten massiv.
Mit Richard Nixon kam 1968 ein Mann an die Macht, der unter allen Umständen den Vietnamkrieg siegreich beenden wollte. Für die Völker Indochinas hieß das noch mehr Terror und Elend. Laos wurde 1970 ebenfalls zur “free-fire-zone” – insgesamt wurden in nur wenigen Jahren über Laos mehr Bomben abgeworfen als im 2. Weltkrieg auf Deutschland und Japan zusammen. Kambodscha wurde, vor allem der Süden, bereits seit 1965 regelmäßig mit Bombenteppichen belegt – bis 1975 wurden 200.000 KambodschanerInnen unmittelbar durch US-amerikanische Bomben getötet. Doch das reichte offenbar nicht aus und so unterstützten die USA 1970 einen Militärputsch des Generals Lon Nol und marschierten anschließend in Südkambodscha ein. Das löste nun endgültig einen Bürger-Innenkrieg aus, der schließlich 1975 die von den USA unterstützten Roten Khmer an die Macht spülte. Unter ihrer Herrschaft wurden rund 2 Mill. KambodschanerInnen ermordet.
Nixon gewann die Präsidentenwahlen mit dem Slogan “für einen ehrenhaften Frieden”. Aber statt Frieden gab es eine Ausweitung des Kriegs mit unvorstellbaren Auswirkungen, die noch lange die Völker Indochinas beeinflussen sollten.

Der Krieg im Hinterland

Mit Fortdauer des Krieges eröffnete sich für die USA eine neue Front – die im eigenen Land. Spätestens mit der spektakulären Tet-Offensive (Tet = vietnamesisches Neujahr) im Frühjahr 1968 wurde weiten Teilen der amerikanischen Bevölkerung das tatsächliche Grauen des Krieges vor Augen geführt. Für einige Tage gelang es in einer gemeinsamen Militäraktion der NordvietnamesInnen und der Befreiungsfront größere Teile Südvietnams unter ihre Kontrolle zu bringen. Das umfasste auch die Vorstädte Saigons, das Herzen der amerikanischen Besatzungsmacht.
Spätestens mit dem Einmarsch in Kambodscha wurde das Fass zum Überlaufen gebracht. Nachdem es bereits in Europa und vielen anderen Erdteilen machtvolle Friedensbewegungen gab, schwappte die Bewegung auch in die USA über. Es begann an den Universitäten mit Dis-kussionsveranstaltungen und endete mit Massendemonstrationen gegen die US-amerikanischen Verbrechen in Indochina.
Unterstützt wurde die Friedensbewegung dabei von tausenden Vietnamveteranen und das kam nicht von ungefähr. Präsident Nixon hatte eine Studie in Auftrag gegeben, aus der hervorging, dass nur 40% der Soldaten in Vietnam für militärisch zuverlässig eingestuft werden konnten, 30% waren allgemein kritisch, 20% leisteten passiven Widerstand und 10% waren aktive Kriegsgegner. 1970 desertierten 60.000 Soldaten, bis zu 15.000 US-Soldaten liefen insgesamt zu den VietnamesInnen über. Die Befreiungsbewegung wusste oft rund 24 Stunden vor geplanten Angriffen Bescheid und damit mehr als der mit den USA “verbündete” südvietnamesische Generalstab. Rund 9.000 Offiziere dürften dem “Fragging” – der Tötung durch einfache eigene Soldaten – zum Opfer gefallen sein. Schwarze Soldaten trugen Abzeichen der “Black Panther”, Weiße ein rotes Halstuch und signalisierten damit, nur im äußersten Notfall schießen zu wollen.
Bei einer Antikriegsdemonstration in den USA in Fort Dix wurden die Soldaten eingesperrt, um eine Solidarisierung mit den DemonstrantInnen zu verhindern. Am 4. Mai 1970 setzte die Regierung gegen eine Demonstration in Kent, im Bundesstaat Ohio, schließlich die Nationalgarde ein. 4 Demonstranten wurden dabei erschossen und die Regierung Nixon und sein Kriegstreiber Henry Kissinger (dem für den Massenmord in Kambodscha und Nordvietnam der Friedensnobelpreis verliehen wurde) gerieten immer mehr unter Druck. Der Krieg in Indochina war von Seiten der USA nicht mehr aufrechtzuerhalten und so entschloss man sich zur “Vietnamisierung” des Kriegs. Das hieß, dass US Bodentruppen sukzessive abgezogen und dafür die südvietnamesischen Streitkräfte hochgerüstet wurden. Doch das half alles nichts mehr, der Krieg war verloren und konnte durch die weiteren Massenbombardements der Großstädte Nordvietnams nur noch ausgedehnt werden.

“Bruderkrieg” im Schatten des Vietnamkriegs

1979, nach dem Sieg gegen die USA, marschierte Vietnam in Kambodscha ein, setzte zwar der Schreckensherrschaft der Roten Khmer ein Ende, aber installierte selbst eine Satellitenregierung in Phnom Phen. Aus “Protest” darüber belegten die USA Vietnam mit einem Wirtschaftsboykott (bis 1997), der die Bevölkerung Vietnams an die Armut fesselte.
Aber damit noch nicht genug. In den 60er Jahren hatten sich das stalinistische China unter Maos Führung mit der Sowjetunion überworfen und standen fortan in Konkurrenz. Vietnam wurde von der Sowjetunion unterstützt, die Roten Khmer nicht nur von den USA, sondern auch von China. Damit erhielt der Konflikt zwischen Vietnam und Kambodscha nochmals einen internationalen Charakter. Nachdem Vietnam bereits ein Opfer des Kalten Krieges zwischen USA und Sowjetunion geworden war, wurde es jetzt zum Schauplatz einer anderen Auseinandersetzung – dem “Bruderkrieg” zwischen China und der Sowjetunion. Als “Schutzmacht” der Roten Khmer marschierte China in Nordvietnam ein und es folgte der chinesisch vietnamesische Krieg der in opferreichen Scharmützeln bis 1987 immer wieder aufflackerte. 1989 folgte schließlich der offizielle Abzug Vietnams aus Kambodscha, wo bis heute versprengte Einheiten der Roten Khmer einen BürgerInnenkrieg am Köcheln halten.

Die Kosten des Kriegs

Wie viele Opfer der lange Krieg zwischen 1940 und 1989 in Indochina kostete, ist nicht bekannt und nur schwer festzustellen. Alleine der Kampf gegen die USA kostete 3 Millionen vietnamesischen ZivilistInnen und 1 Million Soldaten das Leben. Bis heute sterben noch immer Menschen in Vietnam an den Folgen des grausamen Chemie- und Giftkriegs der USA. In Kambodscha und Laos starben über 300.000 unter dem Bombenhagel und dann nochmals 2 Millionen Menschen unter dem Schreckensregime der Roten Khmer. Jährlich sterben noch Dutzende Menschen durch “Blindgänger” und Mienen, die von den USA abgeworfen wurden. Aber auch 56.000 US amerikanische Soldaten mussten in Vietnam ihr Leben lassen. Allein damit ist bereits eine Summe von 7 Millionen Toten erreicht. Bis heute weigert sich der US-Imperialismus, jede Verantwortung zu übernehmen.

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