ORF: Programmierte Volksverblödung

Gustav Nowotny

Der ORF wird privatisiert und in eine AG umgewandelt. Bald werden auch die ersten Privatsender im Dienste von Kirche, Mediaprint & Co. den Betrieb aufnehmen. Als Reaktion auf die drohende Konkurrenz fährt die ORF-Intendanz einen „Verseichtungskurs“.
Man könnte fast meinen (oder sich sicher sein): Die Verantwortlichen im ORF haben vergessen, daß der ORF als staatlicher Fernsehsender tatsächlich einen Bildungsauftrag hat. Akribisch kopiert der ORF sowohl Inhalte als auch Zusammensetzung der Privat-Programme ähnlich einem Kochrezept. Dieses könnte etwa so lauten: man nehme eine Handvoll Heile-Welt-US-Sitcoms (tägliche Endlosfamilienstories), gebe einige Actionserien der gleichen (billigen) Machart dazu und vermenge das ganze mit sensationsgeil-dümmlichen Talkshows a la „Vera“. Nun können  noch Sportsendungen (oft und lang) sowie ein paar spätabendliche Softpornos untergemengt werden. Als Zutat für Action und Spannung sind derzeit hausbackene Serien wie „Medicopter 117“ sehr beliebt. Letztere präsentiert sich als das binnenländische Pendant zu „Baywatch“. Schöne Menschen, unbeirrbar heldenhafte Charaktere, Stories mit einer Prise Herzschmerz  - wie beim „großen“ Vorbild. Augenfällig wurde die Ähnlichkeit von Medicopter 117 zu Baywatch schon in der ersten Folge, als ein bei einem Segeltörn in Bedrängnis geratenes Trio (zwei Schönlinge, eine schwangere Frau) durch den Medicopter geborgen wurde und anschließend die Schwangere ihr Kind im Hubschrauber zur Welt brachte (!).

“Young and beautiful”

Ganz im „Medicopter-Trend“ liegt da auch eine weitere, noch junge ORF-Kreation: „One“, das Lifestyle-Magazin von und mit Elke Winkens. Frau Winkens ist bekannt aus den „Kranken Schwestern“, einer guten und kritischen Kabarett-Serie, die im Metropol aufgezeichnet und im ORF gezeigt wurde. Was sie jetzt mit “One” präsentiert, entspricht voll dem “young and beautiful”-Konzept: Sie zeigt uns zB., was „normale“ junge Menschen mit ihrer Freizeit anfangen könnten, wären sie nur Kinder der „oberen Zehntausend“. So kann sich das Publikum eben nur leicht gefrotzelt fühlen, wenn Elke Winkens mit Skiern aus dem Medicopter hüpft und „Helicopter-Skiing“ als den Trend-Wintersport anpreist. Zumal bei jungen Menschen die Ängste um Ausbildungs- und Arbeitsplätze wahrscheinlich immer öfter vor der Sorge „Wie bin ich möglichst cool + hip?“ rangieren. Der endgültige Absturz in den „One“-Schwachsinn kommt aber bei den eingestreuten Interviews  - z. B. mit Tiergarten-Direktor Pöchlarner über „das Tier im Menschen“ (!).

ORF neu?

Gekrönt wird das Bild des „neuen“ ORF durch eine - ebenfalls bei den Privaten abgekupferte - „erotische Infotainment-Show“ namens „Lust auf Liebe“; von und mit „Sexpertin“ Gerti Senger. Letztere will ihre Show als seriöses Gegenstück zu den „schmuddeligen“ Konkurrenzprodukten anbieten. Wäre die Seriosität der Show an sich schon zu bezweifeln (z. B. werden obskure Liebestränklein angepriesen), so gleitet die Sendung mit „Liebes-Clips“ (sprich Sexfilmchen) tatsächlich endgültig in „Schmuddelecke“ ab.

Zeit im Bild 3

Auch die kürzlich neu eingeführte “Nachrichten”sendung um Mitternacht “Zeit im Bild 3” entspricht voll und ganz dem neuen Gesicht des ORF. Man wolle damit das “junge, urbane Publikum” ansprechen. Ob das gelingen kann, wenn von 30 Minuten nur ca. 5 Minuten Nachrichten sind und der Rest aus “Trends” und “Tips” à la wieviele Paar Schuhe dieser und jener Promi hat, sei dahingestellt.
Was übrigbleibt, ist ein schaler Nachgeschmack, und die Erinnerung an den Club 2 und „Phettbergs nette Leit Show“.

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