Neues britisches ArbeiterInnenklassenkino

“No Future” im Film
Martin Birkner

Trainspotting, Carlas Song, Brassed Off - Vertreter des neuen britischen „Working class cinemas“. 16 Jahre konservative Herrschaft gehen nicht spurlos vorüber. Arbeits-, Hoffnungs- und Perspektivenlosigkeit sind die Dreh- und Angelpunkte des neuen britischen Kinorealismus; trotz, ja gerade wegen Tony Blair.
Ken Loach´s „Carlas Song“ beginnt mit der Rettung einer latein-amerikanischen Frau durch einen britischen Busfahrer vor einem Fahrschein-Kontrollor(!) und endet im nicaraguanischen Bürgerkrieg zwischen sandinistischer Regierung und US-gesteuerten „Contras“. Wie in „Land and Freedom” entfernt sich Loach von der britischen Insel, der er fast 30 Jahre lang filmerisch die Treue gehalten hatte (mit Meisterwerken wie „Ladybird, Ladybird“, „Riff-Raff“, Kes“) Er bezieht noch offensiver politisch Stellung als in seinen eher „beobachtenden“ frühen Filmen. Berechtigte Kritik wurde laut, der „bekehrte“ Ex-CIA-Agent auf seiten der Sandinisten sei zuviel des „Guten“. Einige „liberale“ Kritiker verstiegen sich in ihrer “Objektivität” jedoch in wilde „Propaganda“-Phantasien. Dabei sollte selbst jenen, ausschließlich durch bürgerliche Medien informierten, die Rolle des CIA in diesem Krieg bekannt sein. Und Loach hat einen bemerkenswerten Film gemacht.

Brassed Off

„Brassed Off“ von Regisseur Mark Herman handelt von einer Blasmusikkapelle - allerdings aus dem englischen Norden, wo einst Kohlebergwerke einen bescheidenen Lebensstandard für hunderttausende Menschen sicherten. Dann rentierte sich Kohlebergbau für die Aktionäre plötzlich nicht mehr - es kam Margret Thatcher.  Der Film schwebt im Spannungsfeld zwischen der Leidenschaft Blasmusik, die die Kapelle bis in die Royal Albert Hall führt, und dem erfolglosen Kampf der Kumpel und ihrer Frauen um Arbeitsplätze, der die Menschen buchstäblich um ihre Existenz bringt. „Brassed Off“ ist ein Abgesang auf den Thatcherismus, der bezeichnenderweise jedoch null Vertrauen in Blair´s „New Labour“ hervorbringt. Ein guter kleiner Film über das heutige England der ArbeiterInnenklasse, filmisch leider manchmal in Hollywood-Nähe.

Trainspotting

„Choose life. Choose a job. Choose a career. Choose a familiy. Choose a fucking big television. Choose washing machines, cars, compact disc players and electrical tin openers.“
Hohn Hodge´s Kultfilm „Trainspotting“, nach einer Novelle von Irvine Welsh, ist wohl eines der bezeichnendsten Beispiele für Tristesse der heutigen Jugend - in Schottland. Heroin ist die scheinbare Antwort auf die nicht einmal sich stellenden Fragen (k)einer Gegenwart. Junkie sein und stolz darauf - oder? Rasante Kamerafahrten, extreme Einstellungen, gute Musik - genug für einen guten Film? „Trainspotting“ belehrt nicht, „Trainspotting“ beschreibt ungeschönt das Nichts, daß einem jungen Menschen in einem unwirtlichen Teil der Welt, von einem unmenschlichen System, geboten wird. Im Gegensatz zu Ken Loach fehlt hier jede offensichtliche politische Positionierung. Die wird dem/der ZuschauerIn überlassen. Und fällt nicht allzu schwer. „There was no such thing as society, and even if there was, I most certainly had nothing to do with it.“

Kritik an den Zuständen

Gemeinsam ist dem neuen britischen Film das „Nicht -mehr-akzeptieren-wollen“ der herrschenden Zustände. Unter der Tory-Regierung gab´s noch die Erwartung einer Verbesserung der Situation durch „New Labour“. Schnell jedoch haben die Menschen in Britannien erkannt, daß Tony Blair nur die Fortsetzung der konservativen Politik unter anderem Namen betreibt. Die Hoffnung auf ein lebenswertes Leben im „modernen England“ ist - sofern noch vorhanden - mit keiner der etablierten politischen Kräfte mehr verbunden. Neue Allianzen werden sich bilden müssen, und politisch bewußte Regisseure verstehen sich als Teil davon. So hat z.B. Ken Loach eine Dokumentation über den schon über zwei Jahre dauernden Streik der Liverpooler Docker, „Flickering Flame“ gedreht. Und in Österreich? Da gab´s einmal die Arbeitersaga - es war einmal vor langer Zeit.

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