Griechenland: Lehren des Arbeitskampfs bei Vodafone

Interview mit dem entlassenen Gewerkschafter Harris Sideris
Das Interview führte Lucy Redler.

Vorbemerkung: Harris Sideris und Vicky Kostopoulou waren als LeiharbeiterInnen bei Vodafone beschäftigt, obwohl sie viereinhalb bzw. zweieinhalb nur für Vodafone in Athen gearbeitet hatten. Im Frühjahr 2015 wurden sie entlassen, weil sie versucht hatten LeiharbeiterInnen in der Gewerkschaft zu organisieren. Vodafone ist ein britisches Unternehmen, das in Griechenland seit 2008 nur noch LeiharbeiterInnen neu einstellt.

 

Harris, du hast viereinhalb Jahre für Vodafone gearbeitet. Als ihr entlassen wurdet, hat die Gewerkschaft der Vodafone-Beschäftigten zwei 24-stündige Streiks der Beschäftigten organisiert mit dem Ziel eurer Wiedereinstellung. Diese Streiks gehören zu den ersten und wichtigsten Streiks seitdem Tsipras und Syriza im Januar die Regierung übernommen haben. Welchen Charakter hatte der Kampf und was waren die Hauptforderungen der KollegInnen?

Die Streiks für unsere Wiedereinstellung, die du ansprichst, haben im Juni stattgefunden. Im Vorhinein gab es bereits einen Streik, den Vicky und ich an vorderster Front mit organisiert hatten, weil die griechische Vodafone-Geschäftsleitung nicht bereit war, mit unserer Gewerkschaft über einen Tarifvertrag zu verhandeln. Nach dem Streik haben wir mit sieben weiteren KollegInnen begonnen, die LeiharbeiterInnen gewerkschaftlich zu organisieren. Der Arbeitgeber antwortete darauf unmittelbar mit der Entlassung der Streikführer, also von Vicky und mir.
Als erstes traf es Vicky. Sie wurde mit der Begründung entlassen, sie habe schlecht gearbeitet. Das war eine glatte Lüge. Noch am selben Tag haben wir zu einer spontanen Gewerkschaftsversammlung aller KollegInnen (also nicht nur der LeiharbeiterInnen) vor unserer Arbeitsstelle aufgerufen. Von 250 KollegInnen haben sich 80 beteiligt. Das war ein großer Erfolg im Vergleich zu vorherigen Versammlungen, an denen sich gewöhnlich zwischen 30 und 35 KollegInnen beteiligt haben. Nur eine Woche später wurde ich dann ebenfalls entlassen. Die offizielle Begründung war, dass ich gegen die Sicherheitsvorkehrungen des Betriebs verstoßen habe, da ich Vicky mit meiner Karte Zutritt zum Gelände verschafft hatte. Am ersten Tag nach dieser zweiten Entlassung gab es wieder eine Versammlung, diesmal kamen 120 KollegInnen. Dort wurde dann der Beschluss gefasst, einen 24-stündigen Streik zu organisieren. Dieser begann prompt drei Stunden nach der demokratisch getroffenen Entscheidung.
Das war der erste Streik bei Vodafone aufgrund der Entlassung von LeiharbeiterInnen. Das ist auch deshalb sehr wichtig, weil Vodafone Griechenland seit 2008 nur noch LeiharbeiterInnen einstellt. Auch sonst gibt es in Griechenland wenig Beispiele von Streiks zur Verteidigung von LeiharbeiterInnen. Die Gewerkschaft der Vodafone-Beschäftigten „Panhellic union of vodafone workers“ ist eine der wenigen Gewerkschaften, die überhaupt LeiharbeiterInnen organisiert.

Wie verliefen die beiden 24-stündigen Streiks im Juni?

Es gab auch davor schon Streiks für andere Forderungen. Aber diese Streiks für unsere Wiedereinstellung und gewerkschaftliche Organisierung waren bei weitem am erfolgreichsten. Die Beteiligung mit 70 bis 80 Prozent der KollegInnen war großartig. Viele KollegInnen haben zum ersten Mal in ihrem Leben gestreikt, darunter viele junge Leute. Auch die Stimmung war hervorragend.
Es war auch das erste Mal bei Vodafone, dass Streikversammlungen mit über 120 anwesenden KollegInnen über den Streik entschieden haben und dass dies mit einer solchen breiten Beteiligung geschieht und nicht von oben durch den Gewerkschaftsapparat mit der Beteiligung von einigen wenigen KollegInnen entschieden wurde.

Gab es Solidaritätsbekundungen von anderen KollegInnen?

Ja, sehr viele. Die BusfahrerInnen aus Athen haben ihre Solidarität mit dem Streik erklärt. Die Gewerkschaft der BusfahrerInnen hat entschieden, für die Gewerkschaftshauptamtlichen keine Handyverträge mehr mit Vodafone abzuschließen. Auch viele andere haben sich solidarisch erklärt wie beispielsweise KollegInnen und Gewerkschaften anderen Telekommunikationsunternehmen. Auch die Syriza-Jugend hat uns unterstützt. Die Gewerkschaft hat eine Solikampagne organisiert. In  Athen und Thessaloniki hat sie Infostände vor den Vodafone-Filialen durchgeführt, um KundInnen und KollegInnen zu informieren. Darüberhinaus hat Xekinima in weiteren Städten Infostände durchgeführt und die Solidaritätskampagne unterstützt. Die Vorsitzende der Gewerkschaft der Vodafonebeschäftigten, Zaklin Gorou ist Mitglied von Xekinima
Der Staatliche Sender ERT 3 hat eine Reportage über unseren Streik gebracht (als er unter Arbeiterkontrolle stand), die viel Beachtung gefunden hat.

Was ist der Status von Vicky und dir heute? Wurdet ihr wieder eingestellt?

Nein, aber der Streik hat verhindert, dass weitere KollegInnen entlassen wurden. Die Geschäftsleitung hat uns zum ersten Mal in der Geschichte des Unternehmens angeboten, uns Jobs außerhalb von Vodafone zu beschaffen. Wir haben das abgelehnt und pochen auf Wiedereinstellung bei Vodafone. Der Fall geht jetzt vor Gericht.

Was sind aus deiner Sicht die wichtigsten Lehren aus dem Streik?

Es gibt viele multinationale Konzerne, die Millionen in Griechenland scheffeln. Vodafone Griechenland hat es im letzten Jahr auf zig Millionen Euro gebracht. Trotzdem zahlen sie Löhne von monatlich 300 Euro bei einer 25-Stunden-Woche. Umgerechnet ist das ein Stundenlohn von 2,92 Euro!
Mit dem Privatisierungsfonds in Höhe von 50 Milliarden Euro wird es noch schlimmer werden. Die privaten Konzerne haben uns nichts anzubieten.
Eine Lehre ist, dass wir extrem aufmerksam sein müssen bei jeder Entlassung und unmittelbar reagieren müssen. Sie versuchen die Leute durch unterschiedliche Bezahlung zu spalten. Das muss gestoppt werden. Wir müssen starke Gewerkschaften aufbauen, die alle ArbeiterInnen organisieren. Und wir sollten KollegInnen ermutigen, sich aktiv in die Gewerkschaft einzubringen und sicherstellen, dass Gewerkschaften demokratisch funktionieren wie beim Vodafone-Streik.
Es ist zudem essientiell, dass die verschiedenen Gewerkschaften einer Branche miteinander kooperieren und sich vernetzen. Das gilt zum Beispiel für die drei wichtigen Telekommunikationsunternehmen Vodafone, Wind und Nokia-Siemens.

Angesichts der geplanten drastischen Kürzungen durch das dritte Memorandum: Ist der gewerkschaftliche Kampf ausreichend, um diese Angriffe zu stoppen?

Sowohl der gewerkschaftliche als auch der politische Kampf ist zentral. Die Syriza-Regierung, die im Januar gewählt wurde, hatte die Unterstützung der arbeitenden Bevölkerung, aber keine wirkliche Verankerung in den Betrieben. Aber sie hat nichts unternommen, das zu steigern.
Wir brauchen mächtige Gewerkschaften, aber natürlich ist der Hauptkampf politisch. Wir benötigen eine politische Alternative, eine revolutionäre Linke.
Seit der Amtsübernahme von Tsipras war dies der erste Streik in einem großen Privatunternehmen.

Hat die Regierung etwas unternommen, um euren Streik zu unterstützen?

Ein Abgeordneter kam zum Streikposten und hat uns unterstützt und auch über den Streik in einem privaten Fernsehsender berichtet. Das war aber auch schon alles und hat auf keinen Fall ausgereicht.

Was hätten sie aus deiner Sicht tun können?

Wir haben das gefordert und gemacht, was sie selbst vorgeschlagen hatten. Sie hatten angekündigt, den Mindestlohn auf das Niveau von vor drei Jahren anzuheben und wollten das Outsourcing stoppen. Sie wollten, dass kollektive Tarifverträge die Norm werden. All diese Dinge haben sie aber nie umgesetzt und dadurch den ArbeiterInnen die Möglichkeit genommen, Syriza und die Regierung im Betrieb zu unterstützen.

Wie ist die Stimmung nach Tsipras Kapitulation unter deinen KollegInnen?

Angesichts großer Illusionen und Erwartungen im Vorfeld sind die meisten jetzt ziemlich entmutigt. Nicht nur im Januar, Februar und März, auch später gab es noch große Hoffnungen wie kurz vor dem Referendum. Viele meiner KollegInnen haben mit Nein gestimmt und waren sehr kämpferisch.
Wenn Syriza nur zehn Prozent ihrer Forderungen umgesetzt hätte, hätten meine KollegInnen die Regierung weiter unterstützt und sich in Geduld geübt. Jetzt sehen die KollegInnen, dass Syriza noch nicht mal ein Prozent der Forderungen umgesetzt, sondern zehn Prozent Verschlechterungen zugestimmt hat. Viele sind deshalb entmutigt und sagen, wir können nichts tun, auch weil dieses dritte Memorandum noch schlimmer ist als die vorigen. Die Mitglieder von Syriza sind richtig geschockt. Ein Teil der Leute ist bereit, die nötigen Schlussfolgerungen zu ziehen und sich für einen Grexit und ein revolutionäres Programm gegen die Kürzungen auszusprechen. Viele andere haben diese Schlussfolgerungen aber noch nicht gezogen und sehen keine Alternative. Aber wir bleiben optimistisch. Optimismus ist keine emotionale Frage, sondern basiert auf Perspektiven und politischer Strategie.