Die Rechten und der „Lebensschutz“

Die gemeinsamen Wurzeln von rechten und religiösen GegnerInnen weiblicher Selbstbestimmung.
Celina Brandstötter

Am 24. November findet der „Marsch für das Leben“ statt. Veranstaltet wird er u.a. von der katholisch-fundamentalistischen „Jugend für das Leben“ sowie der Katholischen Hochschulgemeinde. Nicht nur bei dieser Gelegenheit treten religiöser Fundamentalismus, Rechtsextremismus und Faschismus miteinander auf. Auch beim „Marsch für die Familie“, der Gegenveranstaltung zur alljährlichen Wiener Regenbogenparade, demonstriert eine ähnliche Allianz. Neben VertreterInnen der Katholischen Kirche finden sich hier Holocaust-Leugner, NS-Verharmloser und gewaltbereite Neonazis.

Bei Abtreibungsfrage und Frauenbild haben religiöser Fundamentalismus und Rechtsextremismus/Faschismus viel gemein: Gegen „Genderwahn“, gegen Abtreibung, gegen Verhütung, gegen zeitgemäßen Aufklärungsunterricht, gegen öffentliche Kinderbetreuung und v.a. für den Erhalt der traditionellen Familie: Mutter, Vater und viele eheliche Kinder.

Einer ihrer Demosprüche lautet „Die Wirtschaft ist gesünder - durch Vater, Mutter, Kinder“. Hier wird ihre gemeinsame ideologische Basis deutlich. Die Abtreibungsfrage war nie eine primär ethische, sondern vielmehr immer eine rationale, wirtschaftliche und politische. Maria Theresia brauchte ebenso Soldaten, wie der Nationalsozialismus und heutige Nationalstaaten. Die Festlegung von Frauen als Gebärmaschinen hängt auch mit der kapitalistischen Produktionsweise zusammen, es geht darum, ein Heer an Arbeitskräften zu produzieren.

Der Kapitalismus ist zwar ein internationales System, doch braucht das jeweilige Kapital „seinen“ Nationalstaat, um seine Interessen umzusetzen. Im Land braucht man ausreichend günstige Arbeitskräfte. Und nach aussen müssen die Interessen wenn nötig auch militärisch vertreten werden. Kapital-Staat-Religion gehören zusammen.

Der weibliche Körper wird zum „Produktionsmittel“ der Ware Arbeitskraft, über das die Frau selbst keine Verfügungsgewalt haben soll. Wenn Gesetze das Leben der Frau mit jenem des Fötus gleich setzen (Bsp. Chile und Irland), dann ist das nur die extremste Form der Bevormundung. Die Zwangsberatung vor einer Abtreibung ist eine mildere Form derselben Logik.

Leben wird den Herrschenden also in dem Maße „heilig“, in dem es verwertbar ist. Die Religionen erklären Abtreibung oder auch Verhütung zur Sünde, weil sie dem Staat Soldaten und Arbeitskräfte vorenthalten. Ihre Vorstellungen sind nicht nur Zeichen einer extrem veralteten und konservativen Gesinnung. V.a. geht es ihnen um den Erhalt der Kontrolle über Frauen und damit um den Erhalt der aktuellen Gesellschafts- und Wirtschaftsform. Also eines Systems, in dem eine Minderheit über eine Mehrheit herrscht und auf deren Kosten lebt.

Die völkische Ideologie rechtsextremer und (neo-) faschistischer Gruppierungen gehört dazu. Für sie ist die Rolle einer Frau die Produktion von Nachkommen zum Erhalt der Rasse. Der Nationalsozialismus bestrafte Abtreibung mit dem Tod. Allerdings nur, wenn es dem Erhalt des „arischen Volkes“ diente. Ging es um „minderwertiges“ Leben, so war Abtreibung im Sinne der „Rassenreinheit“ ein vom Staat erwünschtes Mittel. Geschätzte 400.000 Menschen wurden zwangssterilisiert, weil sie sich im Sinne der NS-Rassenhygiene aufgrund ethnischer Herkunft oder erblicher Veranlagung nicht reproduzieren sollten.

Und heute? Die neofaschistischen „Identitären“ sprechen sich ganz dieser Blut, Rasse und Boden-Ideologie folgend gegen Abtreibungen aus - „Lebensschutz ist Heimatschutz!“ erklären sie. Die deutsche AfD sorgt sich um die „Fruchtbarkeitsraten“ der Bevölkerung und will die Anzahl von Abtreibungen reduzieren.

Dass es diesen angeblichen „Lebensschützern“ nicht um den Schutz des Lebens geht und nicht um „die Kinder“, „die Familie“ oder „die Frau“ wird rasch klar. Die Einschränkung zum freien Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen verhindert keine Abtreibung, gefährdet aber Gesundheit und Leben der Frau. Ihre Unterstützung für „Grenzen dicht“ nimmt tote Flüchtlingskinder in Kauf. Die Forderung nach einem Ende von Abschiebungen sucht man bei „Lebensschützern“ in der Regel vergeblich. FPÖ und ÖVP wollen das Selbstbestimmungsrecht von Frauen beschränken – kürzen aber gleichzeitig das Geld für Kinder, v.a. wenn sie bzw. ihre Eltern keine „ÖsterreicherInnen“ sind. Und wer Menschen verweigert, ihre Familie zu sich zu holen, dem ist es mit dem „Wert Familie“ offensichtlich doch nicht so wichtig.

Auch wenn Rechtsextreme und religiöse Fundamentalisten manchmal unterschiedlich gegen Abtreibung und gegen die Selbstbestimmung von Frauen zu argumentieren scheinen, so geht es letztlich darum, Macht und Kontrolle über Frauen auszuüben und ihre Körper im Sinne der kapitalistischen Produktionsweise zu willenlosen Produktionsmitteln zu degradieren, die ausbeutbare Arbeitskraft erzeugen. Die Kontrolle und Unterdrückung der Frau dient also auch dazu, dieses System der Ausbeutung als Gesamtes aufrechtzuerhalten.