Der Mega-Pfusch Schulöffnung

Albert Posnanski

Am 7. September beginnt in Ostösterreich wieder die Schule, im Rest eine Woche später. Angesichts der trotz des Sommers und vieler Aktivitätsmöglichkeiten im Freien seit Mitte Juli wieder steigender Corona-Zahlen eine große Herausforderung. Grundsätzlich eine, die sicherlich zu meistern wäre, wenn doch das kleine Wörtchen „Wenn“ nicht wär …

In Österreich gibt es etwas mehr als 1,1 Mio. Schüler*innen und 120.000 Lehrer*innen. In Summe werden damit durch den Schulstart rund 1¼ Millionen Menschen unmittelbar „mobilisiert“, dazu kommen noch die Familien. Die Mehrheit der Schüler*innen sind keine kleinen Kinder, sondern gehören zur aktuellen Infektionsgruppe Nr.1. Eine beachtliche Zahl, die augenscheinlich im Corona-Zeitalter einiges an Planung und Organisation notwendig macht. Dass diese Situation eintreten wird, ist der Regierung und den Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft seit März bekannt. Also eigentlich genug Zeit, verglichen auch mit anderen „Corona-Problemzonen“ wie Sommertourismus oder die Gastronomie, um Konzepte zu entwickeln. Tests z.B. sind für den Bildungssektor nicht angedacht – obwohl aufgrund der schon lange zu wenigen Neueinstellungen Überalterung des Lehrer*innenkörpers die Mehrheit zur Risikogruppe gehört!

Nach Monaten des Wartens hat das Unterrichtsministerium Mitte August ihre Planungen zum Schulstart nun der Öffentlichkeit vorgestellt. Nun sind die Unterlagen dazu schon einmal nicht sehr umfangreich. Reduzieren wir es auf das Wesentliche, bleiben nur die Verknüpfung der Schulmaßnahmen mit der „Corona-Ampel“ und dass alle 20 Minuten in den Klassen umfassend gelüftet und regelmäßig Hände gewaschen werden soll. Viel dicker ist die hier präsentierte Suppe tatsächlich nicht. Bevor wir uns aber tiefer damit befassen zeigt schon der zweite Teil die offenbar zu Grunde liegende Realitätsferne: in vielen Schulen kann nicht so einfach gelüftet werden, weil es z. B. Umluftsysteme (!) oder einfach nur wenig Fenster gibt, die sich öffnen lassen. Gerade in Neubauschulen gibt es keine Waschbecken in den Klassen, die gibt es nur in sehr geringen Stückzahlen auf den WCs. Das kann dann 1 Waschbecken pro Stock für mehrere Klassen bedeuten. Von fortschrittlichen Lehrer*innen, wie der ÖLI/UG, wurde über den ganzen Zeitraum schon bemängelt, dass die eigentlichen Expert*innen nicht einbezogen wurden, nämlich die unmittelbar Betroffenen: die Lehrer*innen und Schüler*innen. Das zeigt sich hier auf Schritt und Tritt!

Ampel mit großem (Interpretations-)Spielraum

Aber auch die Corona-Ampel selbst zeigt kein wirklich schlüssiges Konzept. Es sind zwar die Maßnahmen für die jeweiligen Farben der Ampelphasen grün/gelb/orange/rot und Schultyp umrissen, allerdings steht noch gar nicht fest, welche Infektionsverläufe und Gefährdungen welche Ampelphase auslösen wird. Die kommen erst am 4. September, wenn die Corona-Ampel ihren Betrieb aufnimmt, also am Freitag vor Schulbeginn in Ostösterreich. Besonders pikant dabei ist, dass auch Gesundheitsminister Anschober zwei Wochen vor Schulbeginn nicht mehr ausgeschlossen hat, dass in Wien und anderen Ballungszentren bereits mit „gelb“ in den Schulstart gegangen wird. Gelb aber bedeutet im Ministeriumskonzept auch die Umsetzung aller Maßnahmen aus dem grünen Bereich.

Was zwar am Papier schlüssig erscheinen mag, ist es aber nicht, weil im grünen Bereich im Prinzip erst die Konzepte und der Umgang für die Schulen erstellt werden müssen. Unter grün ist flächendeckend für alle Bildungseinrichtungen unter dem Titel „Normalbetrieb mit Hygienevorkehrungen“ definiert: „Hygiene- und Präventionskonzept erstellen, Krisenteam der Schule definieren, Verantwortliche für Informationsweitergabe und Abstimmung mit Eltern und Behörden definieren“. Im Prinzip alles, was unter gelb Anwendung finden soll, muss unter grün für die jeweilige Bildungseinrichtung erst erarbeitet werden. Zu allererst wird hier in Wirklichkeit die Verantwortung der Regierung für Rahmenbedingungen des Schulbetriebs unter Corona auf die Schulebene abgeschoben.

Schulautonomie: Kein Geld für Desinfektion oder kein Geld für Klopapier

Es ist aber auch zutiefst unprofessionell und in Wirklichkeit fahrlässig diese Aufgaben auf in keinster Weise dafür qualifiziertes pädagogisches Personal abzuladen! Zusätzlich Unterstützungspersonal? Fehlanzeige. Zusätzliches Budget für die Schulen für Extraanschaffungen? Fehlanzeige. Damit darf die Schule im Rahmen der sogenannten Schulautonomie dann ab zirka Dezember entscheiden, ob sie besser kein Kopierpapier, Klopapier oder keine Papierhandtücher haben. Natürlich ist aber damit zumindest sichergestellt, dass wenn es in einer Schule Probleme gibt, die Schule selbst schuld ist. Sie musste ja die passenden Konzepte erstellen …

Die Gewerkschaft bietet den Kolleg*innen keine wirkliche Unterstützung. So wird z.B. nicht bilanziert – und daraus Konsequenzen gezogen – dass beim Schulstart im Juni an vielen Schulen Desinfektionsmittel und ähnliches fehlte. Oder dass die Lehrer*innen Mehrarbeit durch Corona ohne entsprechende Bezahlung leisten mussten. Auch bezüglich des Schulstarts kommt aus der Gewerkschaft wenig. Dabei wär es dringend nötig, für ausreichend Ressourcen einzutreten und entsprechende auch Kämpfe vorzubereiten. Das würde bedeuten, dass die Kolleg*innen selbst Forderungen und ein Corona-Schule Paket entwickeln. Das würde bedeuten, Kinder/Jugendliche und Eltern in so einen Kampf einzubeziehen, damit die Regierung nicht Eltern, die Jobmässig unter Druck stehen, nicht gegen Lehrer*innen einsetzen kann. Lösungsmöglichkeiten gäbe es – es gibt leer stehende Räume in Konferenzzentren, Bürogebäuden etc. die die öffentliche Hand für diesen Zweck nutzen muss. Es gibt arbeitslose Lehrer*innen bzw. Lehrer*innen die in anderen Jobs stecken die angestellt werden müssen, damit kleinere Klassen möglich sind, damit niemand, der/die einer Risikogruppe angehört arbeiten muss. Es gibt viele Sozialarbeiter*innen die endlich angestellt werden müssen auch für die Abfederung der psychischen Folgen von Corona. Es gibt sehr viele Konzepte, doch die Bundes- und Landesregierungen ignorieren sie weitgehen. Denn all das kostet – und da zeigt sich einmal mehr, dass sich die Regierungen an den Interessen „der Wirtschaft“ orientieren. Wir aber sind der Meinung, dass die Gesundheit von Schüler*innen, Lehrer*innen und Angehörigen nicht am Geld scheitern dar.

Die Schüler*innen kommen auch nicht einmal mehr alibi-halber vor und ihre Einbeziehung ist auch gar nicht angedacht. Was sie denken spielt offenbar keine Rolle. Das betrifft die Fragen von Sicherheit ebenso wie von „Lernen“ unter Home- oder Tele-Learning. Und diese Herangehensweise ist insofern zumindest ehrlich, weil es auch der Rolle der Schüler*innen im derzeitigen Bildungsmainstream entspricht.


Quelle: http://www.bmbwf.gv.at/Ministerium/Informationspflicht/corona/corona_schutz.html

 

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