Bildung: „Deshalb ist es uns ja nun so wichtig, unsere Stimmen laut werden zu lassen“

Interview mit Gabi Lener, Direktorin einer Volksschule in Wien-Leopoldstadt und Teil des Aktionsbündnisses Bildung

Die Regierung hat "Deutschklassen" beschlossen und tut so, als ob es zum Wohle der Kinder wäre. Was bringen die bzw. um was geht es aus deiner Sicht wirklich?

Der Regierung geht es mit den Deutschförderklassen hoffentlich nicht primär um eine Zweiteilung der Gesellschaft, was uns ja an längst vergangen gewähnte Zeiten erinnern würde, sondern um eine Hebung des Bildungsniveaus in der Sprache der Mehrheitsgesellschaft, also Deutsch. Allerdings ist die beschlossene Strategie nicht zielführend. Faßmann sagt laut Standard (vom 8.6.2018): „Einen Nichtschwimmer würde ich auch nicht ins Becken schubsen, sondern ihm erst erklären, wie Schwimmen geht.“ Ich würde das nicht, ich würde den/die NichtschwimmerIn zunächst mal für´s Schwimmen motivieren und ihm/ihr etwaige Ängste nehmen - z.B. indem das Schwimmen eine lustvolle Betätigung mit FreundInnen ist. Und dann würde ich ihn/sie ins Wasser begleiten, halten und sichern und natürlich bei Lernschritten auch mit Erklärungen unterstützen, aber in erster Linie im Wasser angeleitet üben lassen, und nicht in einem Trockenschwimmkurs, wo ich mit ihm/ihr am Beckenrand sitzen bleibe und theoretische Analysen über das Schwimmen kundtue. Und bei Kindern würde ich das so schon gar nicht angehen.

Das heißt: pädagogisch bringt uns Faßmanns Idee nicht weiter. Gut, das ist ein pädagogischer Irrtum, Faßmann ist ja in diesem Bereich kein Fachmann und sein Berater, Taschner u.a. ebenfalls nicht. Als sehr problematisch betrachte ich aber, dass die Ursachen, warum hier etliche Kinder nicht schwimmen können, nicht näher beleuchtet werden. Dass Kinder, die z.B. eben erst nach Österreich gekommen sind, noch nicht Deutsch können, ist klar. Die sind aber nicht das „Problemklientel“ an Schulen, viele von ihnen lernen sehr schnell die neue Sprache. Probleme mit dem Spracherwerb haben vielmehr jene Kinder, die daheim in keiner Sprache geeignete Sprachvorbilder haben. Die meisten von ihnen sind bereits in Wien geboren und erhalten in ihren Familien mangels elaboriertem Sprachcode keine ausreichende sprachliche Förderung. Kindergartenplätze bekommen sie oft nicht, da viele der Mütter nicht berufstätig sind und das verpflichtende Kindergartenjahr ist da lediglich ein Tropfen auf den heißen Stein, zumal nur halbtags, wiederum mit Kindern in einer Gruppe, die sich in der gleichen Lage befinden und oft in Kindergruppen, in denen die elementarpädagogische Qualitätssicherung zu wünschen übrig lässt.

Das heißt, wovor wir hier stehen ist zum Einen ein Armutsproblem - und das können wir nicht bekämpfen, indem wir die Armen isolieren, das macht sie nicht reicher – und zum zweiten ein Problem mangelnder Handlungsfähigkeit und mangelnder Verfügungskompetenz über die eigenen Lebensbedingungen – was wir ebenfalls durch Ausgrenzung nicht verbessern werden. In gesellschaftlichen Fragen gibt es keine Trockenschwimmkurse. Zu deiner Frage, worum es eigentlich geht: das kann ich nicht beantworten, ich denke ja nicht im Kopf unserer Regierung, aber da zumindest Faßmann ein intellektuell nicht minderbegabter Mensch ist, müsste er erkennen, dass es sicher nicht um Deutschlernen und auch nicht um gesellschaftliche Integration geht. Vielleicht geht es primär darum, sich der vermeintlichen Stimmung des Volkes anzupassen – deshalb ist es uns ja nun so wichtig, nun – ebenfalls aus dem Volk - unsere Stimmen laut werden zu lassen.

Schon bisher gab es ja getrennten Unterricht für Kinder mit Nicht-Deutscher Muttersprache. War die bisherige Maßnahme sinnvoll? sinnvoller?

Ich kann das nicht flächendeckend für alle Kinder und alle Schulstandorte beantworten. Die bisherigen Maßnahmen waren sicher auch nicht immer optimal. Allerdings zeigen die bisherigen Ergebnisse, die Faßmann als „nicht berauschend“ bezeichnet, dass Lernerfolge sehr stark mit der sozialen Herkunft der LernerInnen korrelliert sind. Ganz im Sinne Bourdieus: die Verfügung über die verschiedenen Kapitalsorten (also ökonomisches, soziales, kulturelles, … Kapital) ist auf die verschiedenen gesellschaftlichen Milieus ungleich verteilt und bestimmt deren schulische und Lernerfolge. Das trifft beim Deutschlernen natürlich genauso zu. Die Erstsprache der Lernenden spielt dabei eine untergeordnete Rolle.

Was sind aus deiner Sicht die zentralen Probleme im Bildungsbereich und was braucht es, um diese zu lösen?

DAS zentrale Problem ist die im internationalen Vergleich auffällig starke Reproduktion sozialer Ungleichheit durch das österreichische Bildungssystem. Ungleichheit entsteht nicht über Bildung, aber sie wird durch sie weitergegeben und verstärkt. Nicht beeindrucken dürfen dabei sog. „Fahrstuhleffekte“: dass heute mehr Menschen aus niedrigeren sozialen Schichten höhere Bildungsabschlüsse erhalten als früher, geschieht nicht, weil das Bildungssystem durchlässiger geworden ist, sondern weil das Bildungsniveau allgemein gestiegen ist. Schule kann soziale Ungleichheit nicht völlig ausgleichen, aber man könnte sich bildungspolitisch durchaus sinnvolle Dinge einfallen lassen, um zumindest ein bisschen einen Ausgleich zu ermöglichen und diese Gesellschaft nicht völlig zu polarisieren, z.B. intensive Investitionen in den vorschulischen Bereich, die Öffnung der Ganztagsschulen für alle Kinder, unabhängig von der Berufstätigkeit der Eltern, Maßnahmen zur SchülerInnenstromlenkung, wie z.B. die kontrollierte Elternwahl („Grätzleinschreibung“) und nicht zuletzt die Einführung einer gemeinsamen Schule aller Kinder bis zum Ende ihrer – sinnvollerweise zu verlängernden - Schulpflicht.

Mindestens genauso wichtig sind allerdings die Wohnbaupolitik und städteplanerische Inputs, auf dass sich in der Alltagsbevölkerung weniger Trennungen und Entsolidarisierungen entlang auch räumlich getrennter sozialer Milieus ergeben, arbeitsmarktpolitische Maßnahmen, denn spätestens seit der Marienthalstudie weiß man, dass Arbeitslosigkeit zu Ausgrenzung führt, und nicht zuletzt Frauenpolitik, da gesellschaftlich eingebundene Frauen natürlich wiederum Auswirkungen auf ihre Kinder haben. Und vieles mehr …. Wie man sieht, bestehen diese Probleme in ihrer Komplexität nicht erst seit dem Antritt der türkis-blauen Regierung.

Was erwartest du dir von der Gewerkschaft?

Ich bin über die Gewerkschaft erstmals seit Langem positiv überrascht. Offenbar hat die jahrzehntelange sozialpartnerschaftliche Schweigepolitik zu einer gewissen Artikulationsmüdigkeit in der Bevölkerung und natürlich auch im Schulbereich geführt. Nun hat endlich mal jemand – nämlich in diesem Falle wir – aufgeheult und bisher hat man sich uns gegenüber von Seiten der Gewerkschaft nicht illoyal verhalten. Das stärkt in uns die Hoffnung, dass wir uns auf unsere Gewerkschaft verlassen dürfen, sollten doch Arbeitskampfmaßnahmen nötig werden.

Beim Aktionsbündnis Bildung sind Menschen aus unterschiedlichsten Bildungsbereichen und Ebenen zusammen. Was hältst du von dem Ansatz und wie sollte es da weitergehen?

Das Aktionsbündnis Bildung ist eine großartige Sache! Wir können uns über die verschiedenen Organisationen hinweg austauschen und Parallelen herausarbeiten bei den Fragen, die uns beschäftigen. Besonders wichtig ist es, dass wir uns auf unsere gegenseitige Solidarität verlassen können. Wenn eine Organisation ein Problem erkennt, analysiert und qualifiziert in die gemeinsame politische Diskussion einbringt, kann man damit rechnen, von den derzeit 42 anderen Organisationen unterstützt zu werden. Und diese Solidarität werden wir brauchen, wenn wir uns mit den vielen (bildungs)politischen Fragen beschäftigen, die in Österreich auf der Tagesordnung stehen!

Danke für das Gespräch und auf einen erfolgreichen Kampf gegen die Bildungsabbaupläne der Regierung.

Auch die SLP ist Teil des Aktionsbündnisses Bildung - Hier die Grundsätze:

  1. Demokratische Strukturen - Demokratie von unten statt neoliberale "ExpertInnen"!
  2. Heute mehr Geld für die Bildung von morgen - Geld für Bildung statt Bankenrettungen und Steuergeschenke an Konzerne! 
  3. Für gemeinsame, inklusive Bildung für alle - statt Hürden, die Menschen von Bildung fernhalten!

Hier gehts zur Facebookseite des Akionsbündnisses:  https://www.facebook.com/Aktionsb%C3%BCndnis-Bildung-412604762502451/

Der Wahnsinn des Kapitalismus

Auch auf Facebook!

23.5.2018

Der Wahnsinn des Kapitalismus: Wir arbeiten grad am nächsten Vorwärts, im Schwerpunkt geht es um Imperialismus und die wachsende Kriegsgefahr. Dazu passend verschickt die schwedische Regierung an...mehr