Japan: Der Niedergang eines Modelles

Ken Horvath

Der US-Kapitalismus wähnt(e) sich in neuen Sphären der Glückseligkeit. Die Zeit der Ab- und Aufschwünge sei jetzt vorüber, uneingeschränktes, immerwährendes Wachstum stehe ins Haus. So die abstruse Prognose amerikanischer Wirtschaftstreibender. Doch wie es um die Weltwirtschaft tatsächlich bestellt ist, zeigt ein Blick auf die andere Seite des Pazifik, wo sich mit Japan die zweitgrößte Wirtschaftsmacht der Welt in ihrer bisher tiefsten Krise befindet.
Die Krise in Südostasien hat einen neuen Höhepunkt erreicht, der selbst bürgerliche Wirtschaftstheoretiker zum Revidieren ihrer Standpunkte bezüglich der Auswirkungen besagter Krise bewegte. Immer häufiger hört man Prognosen, die von einem Szenario à la 1929 sprechen.
Sony-Chef Norio Ogha warnte am 2. April nicht nur davor, daß die japanische Wirtschaft sich am Rande eines Zusammenbruches bewege, sondern verglich auch Premierminister Hashimoto mit Hoover, dem US-Präsidenten Ende der Zwanziger. Zum ersten Mal seit 23 Jahren schrumpft die japanische Wirtschaft, die Börse hat innerhalb von zwei Jahren ein Drittel ihres Wertes verloren, der Yen gegenüber dem Dollar satte 40 %. Eine Milliarden-Hilfe der US-Notenbank vermochte den Yen kurzfristig von diesem Tiefstand zu lösen. 500 Milliarden Dollar fauler (=uneintreibbarer) Kredite sorgen für weitere Probleme, wie die Tatsache, daß die Staatsverschuldung so groß ist wie die Wirtschaftsleistung.
Die Arbeitslosigkeit liegt bei offiziellen 4,1 %  - allerding fällt jeder, der auch nur eine Stunde die Woche arbeitet, aus der Statistik. In einem Land, in dem bis dato Vollbeschäftigung als eine Art Naturgesetz gesehen wurde und in dem soziale Vorkehrungen und Einrichtungen so gut wie nicht vorhanden sind, bedeuten solche Zahlen natürlich katastrophale Zustände für die Bevölkerung.
Ratlos stehen japanische Politiker vor dem Problem. Tatsache ist, daß es sich hier nicht lediglich um eine schwächere Phase in der Wirtschaftsentwicklung, sondern um ernsthafte strukturelle Probleme handelt. Eben jene Faktoren, die es Japan einst erlaubt hatten, zur zweitgrößten Wirtschaftsmacht zu werden, kehren sich jetzt in ihr Gegenteil, bremsen jetzt nicht nur das Wachstum, sondern sorgen sogar für eine Rezession. Die großen Banken, die die Ersparnisse der ArbeiterInnenklasse in Großkonzerne gesteckt haben, sehen sich jetzt mit einem Schuldenberg enormer Ausmaße konfrontiert. Amerikanische Wirtschaftsberichte bezweifeln mittlerweile die Kreditwürdigkeit vieler japanischer Banken.
US-Präsident Clinton forderte die japanische Regierung auf, öffentliche Gelder zu investieren. Doch solche Konjunkturbelebungsversuche haben bereits stattgefunden. Zusätzlich wird versucht, die japanische Bevölkerung dazu zu bewegen, ihr über Jahre erspartes Geld auszugeben; z.B. wurden die Zinsen auf Sparguthaben auf einen Wert nahe Null reduziert. Doch in Zeiten steigender Arbeitslosigkeit und in Anbetracht der minimalen sozialen Sicherheiten trachtet der Großteil der Bevölkerung natürlich nach wie vor danach, sich bestmöglich selbst abzusichern.
Auf den Punkt gebracht: die inneren Widersprüchlichkeiten haben den japanischen Kapitalismus in eine so gut wie ausweglose Situation befördert, und die Weltwirtschaft hat einmal mehr mit einer brisanten Krise zu kämpfen. Anstatt Ländern wie Malaysien oder Thailand aus der Krise zu helfen, anstatt als Lokomotive für Südostasien zu dienen, verschärfen die japanischen Probleme die Krise um ein Vielfaches. Den wirtschaftlichen Problemen folgen soziale, deren Auswirkungen Japan erschüttern können.
Klar ist, daß die Probleme keineswegs auf den asiatischen Raum beschränkt sind. So hat nun auch die US-amerikanische Wirtschaft mit ernsthaften Problemen zu rechnen, vor allem angesichts der Tatsache, daß japanische Anleger rund 300 Milliarden Dollar an amerikanischen Schuldverschreibungen halten. Sobald der Dollar fällt, ist mit einer Abstoßung zumindest eines Teils dieser Schuldverschreibungen zu rechnen, womit auch die Staaten Teil des Problems wären. Ein wirtschaftlicher Zusammenbruch in Japan, wie er sich abzeichnet, könnte die Weltwirtschaft schon bald in eine ernsthafte Krise führen.

Mehr zum Thema: 
Erscheint in Zeitungsausgabe: 

Nachrichten aus dem Quarantäne-Kapitalismus

Auch auf Facebook!

25.03.2020

Die Coronoa-Krise trifft alle, aber nicht alle gleich  Aktuell rücken die Lebens- und Arbeitsrealitäten von uns allen näher zusammen. WAS wir konkret für einen Job machen ist gerade...mehr