Genossenschaften: Alternative zum kapitalistischen Wahnsinn?

Genossenschaften sind im besten Fall eine „kleine sozialistische Produktion bei kapitalistischem Austausch“ (Luxemburg).
Sonja Grusch

Angesichts der Krise findet eine Suche nach Alternativen statt. „Gefunden“ werden Genossenschaften. Gemeint sind nicht normale kapitalistische Konstrukte wie die – teuren – Wohnbaugenossenschaften oder Raiffeisen. Gemeint sind Unternehmen, wo sich KleinproduzentInnen bzw. -konsumentInnen zusammenschließen, um teurer ver- bzw. billiger einkaufen zu können und wo diese „Mitglieder“ auch demokratisch (mit)entscheiden können.

Historisch entspringen Genossenschaften diesen KleinstproduzentInnen/konsumentInnen und bürgerlichen SozialreformerInnen, die hofften, so den sozialen Sprengstoff zu entschärfen. Tatsächlich ist die Genossenschaftsfrage eine hoch-ideologische, die eng mit den vorherrschenden Trends in der ArbeiterInnenbewegung verknüpft ist. Es ist kein Zufall, dass gerade Ferdinand Lassalle, der keineswegs eine soziale Revolution anstrebte, die Genossenschaftsidee gepusht hat. Das Konzept war letztlich: jedeR kann und soll selbst KapitalistIn werden. Die österreichische ArbeiterInnenbewegung stand dem Konzept anfangs skeptisch bis ablehnend gegenüber. Der Sozialist Jakob Reimann nannte 1896 GenossenschafterInnen „Revolutionäre im Schlafrock“. Letztlich setzte sich aber der reformistische Gedanke in der Sozialdemokratie durch und die Genossenschaften wurden, neben Partei und Gewerkschaft, mit der Jahrhundertwende zum dritten Standbein der ArbeiterInnenbewegung. Je ferner die sozialdemokratische Führung sich ideologisch vom Ziel des Sozialismus entfernte, desto wichtiger wurden die Konsumvereine - als politische Legitimation und organisatorische Stütze.

Trotz Konsumpleite 1994 u. ä. gibt es heute in der EU ca. 300 000 Genossenschaften mit rund 140 Millionen Mitgliedern. In Folge der Wirtschaftskrise der 1970er Jahre gab es eine neuerliche theoretische Debatte zum Konzept. Genossenschaften wurden als Lösung betrachtet, um der ersten Krise nach 1945 Herr zu werden. Ziel war nicht ein Bruch mit dem Kapitalismus oder seiner Logik, sondern Alternativen zu krisenbedingten Schließungen und Konkursen einzelner Betriebe zu finden. Das ist nicht an sich falsch, ist aber 1. keine Systemalternative, löst daher 2. keines der Probleme, die im Kapitalismus zu eben jenen Krisen führen und hat auch 3. nichts mit ArbeiterInnendemokratie oder Verwaltung zu tun.

Häufig wird die Debatte über Genossenschaften mit ArbeiterInnenselbstverwaltung verknüpft. Eine Verbindung, die nur beschränkt hält. Denn in der Praxis ist die Mitbestimmung oft gering. So schön das Genossenschaftskonzept in der Theorie auch klingt, in der kapitalistischen Praxis müssen sie scheitern – entweder wirtschaftlich oder indem sie sich von den Ideen nach Gleichheit, Demokratie und Nicht-Profitorientierung verabschieden. Nicht, weil die Menschen „zu korrupt“ oder „zu gierig“ dafür sind, sondern weil nicht-profitorientierte Inseln im kapitalistischen Meer nicht dauerhaft überleben können.

Dafür gibt es einige Gründe:

Der Bedarf nach Startkapital steigt mit dem technischen Fortschritt. Genossenschaften sind daher aufgrund des beschränkten Zuganges zu Kapital (das sich idealerweise aus den Beiträgen der Mitglieder zusammensetzt, um sich nicht von Banken abhängig zu machen) auf Klein- und Mittelbetriebe beschränkt. Das kann sich ändern, wie das Beispiel Konsum zeigte. Doch beim Konsum änderte sich auch das Ziel: die Vergünstigungen für Mitglieder wurden aus wirtschaftlichen Gründen gekürzt, die Arbeitsbedingungen waren alles andere als vorbildlich, Mitbestimmung kaum existent und wurde weiter beschnitten.

Um Konkurrenzfähig zu bleiben, braucht es eine gewisse Flexibilität bei den Arbeitskräften. Sind alle Beschäftigte gleichzeitig Mitglieder geht dies nur über Selbstausbeutung bzw. Lohneinbußen. Werden aber LohnarbeiterInnen angestellt, um die Flexibilität zu schaffen, ist der Gleichheitsgrundsatz dahin. Die ökonomische Notwendigkeit führt auch zur Herausbildung eines bürokratischen Apparates von ExpertInnen, die soziale Eigeninteressen entwickeln. Die ArbeiterInnenselbstverwaltung gibt es dann nur mehr auf dem Papier. Damit ist auch der „erzieherische Faktor“, der den Genossenschaften zugeschrieben wurde, dahin.

Mit Fortschreiten der Krise werden die Vorschläge für genossenschaftliche Konzepte zunehmen. Sahra Wagenknecht gehört ebenso dazu wie Hugo Chavez. In Österreich sind Christian Felber, Attac und die Demokratische Bank ProponentInnen dieser Idee. Sie stellen Versuche dar, einen Kapitalismus mit menschlichem Antlitz zu schaffen und gehen nicht an die Wurzel des Problems. Der Kapitalismus ist seiner Natur nach profitorientiert, unmenschlich, ausbeuterisch und führt zu Krisen. Genossenschaften können für eine zeitlich beschränkte Periode und für eine kleine Gruppe bessere Bedingungen schaffen, am Grundproblem lösen sie aber nichts.

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