Marx aktuell: Wirtschaft demokratisch planen: Es ist möglich!

Sebastian Kugler

Das Verhältnis zwischen Mensch und Natur ist fundamentaler Bestandteil marxistischer Theorie. „Arbeit“ ist bei Marx die gesellschaftliche Tätigkeit, durch die der Mensch seine Umwelt (v.a. die Natur) verändert. Das bringt aber auch eine Veränderung des Menschen mit sich. Dies beschreibt Marx als „Stoffwechsel“. 1865, im ersten Band des „Kapital“, analysiert er: "Mit dem stets wachsenden Übergewicht der städtischen Bevölkerung, die sie in großen Zentren zusammenhäuft, häuft die kapitalistische Produktion einerseits die geschichtliche Bewegungskraft der Gesellschaft, stört sie andrerseits den Stoffwechsel zwischen Mensch und Erde". Wie der US-Marxist Foster herausarbeitete, beschreibt Marx hier einen „metabolischen Bruch“ (Metabolismus = Stoffwechsel): Die kapitalistische Produktionsweise hat so stark in natürliche Abläufe eingegriffen, dass als Reaktion die Existenz der Menschheit auf dem Spiel steht.

SozialistInnen fordern, wirtschaftliche Abläufe zu planen, um den Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur unter Kontrolle zu bekommen und die gegenseitige Vernichtung aufzuhalten. Eine geplante Wirtschaft ist alles andere als utopisch. Jeder kapitalistische Betrieb plant. Internationale Firmen haben weitreichende Planungsmethoden entwickelt - jedoch nur, um auf betrieblicher Ebene kurzfristig Profite zu realisieren. Die Input-Output-Analysen des sowjetischen Wirtschaftswissenschafters Leontieff brachten ihm zwar den Nobelpreis - ihr Potential, wirtschaftliche Abläufe zu planen, wurde jedoch weder von ihm noch von der stalinistischen Bürokratie voll erkannt. Die Allende-Regierung experimentierte ab 1971 bis zum Pinochet-Putsch mit einem „sozialistischen Internet“: „Cybercyn“ koordinierte 12 der 20 größten Unternehmen Chiles und machte eine effektive Steuerung der Abläufe möglich – obwohl es in ganz Chile nur 50 Computer gab (vgl. Eden Medina: The Cybercyn Revolution, in: Jacobin Nr.17). Die schottischen Ökonomen Cockshott und Cottrell entwickelten die Ideen wirtschaftlicher Demokratie in den 1990ern in dem Buch „Alternativen aus dem Rechner. Für sozialistische Planung und direkte Demokratie“ anhand neuerer Technologien weiter. Kaum auszumalen, welches Potential mit den heutigen Mitteln des Internets existiert! Die technischen Möglichkeiten sind also da – es braucht soziale Kämpfe, um sie den gesellschaftlichen Notwendigkeiten anzupassen. Durch einen Bruch mit der kapitalistischen Logik, dem Erkämpfen von ArbeiterInnenverwaltung und die Überführung der Schlüsselsektoren der Wirtschaft in öffentliches Eigentum hätten alle Zugang zu den Abläufen und Entscheidungen, die sie betreffen. Planwirtschaft benötigt zwar zentrale Koordination, genauso jedoch Kontrolle von unten. Diese geschieht durch demokratische Strukturen, welche Möglichkeiten und Notwendigkeiten erörtern und an die nächste Ebene kommunizieren, durch sektorale und regionale Vernetzung der Wirtschaft, durch demokratische Gremien, deren VertreterInnen jederzeit abwählbar sind. Das Sammeln zentraler Input-Output-Daten ermöglicht die Rahmenplanung. Motiv wirtschaftlicher Prozesse wäre nicht mehr Profit, sondern die Befriedigung der Bedürfnisse von Mensch und Umwelt – eine Wiederherstellung des Stoffwechsels auf höherer Ebene.

 

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