Der 1. Weltkrieg und die österreichische Revolution

„Neider überall zwingen uns zur gerechten Verteidigung." Der deutsche Kaiser Wilhelm II. 1914
Anna Hierman

In Geschichtsbüchern wird als Ursache für den Krieg das Attentat auf den österreichischen Thronfolger und dessen Frau genannt. Doch kann ein Attentat eine solche nie dagewesene Barbarei verursachen? Um die Ursache des Krieges analysieren zu können, müssen die damaligen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedingungen berücksichtigt werden. Schon vor mehr als 100 Jahren ist der Kapitalismus auf seiner höchsten Stufe angelangt, dem Imperialismus. Nun versuchten Großmächte, ihre Einflussgebiete zu erweitern bzw. zu erhalten, was zu dieser Zeit bedeutet: Auf Kosten anderer Staaten. Der Grund liegt im Zugriff auf Rohstoffe, Arbeitskräfte und Anlagemöglichkeiten. Im Gegensatz zum Anfangsstadium des Kapitalismus, wo noch freier Handel und freie Konkurrenz im Vordergrund steht, geht es nun um die „Eroberung von Gebieten für Kapitalanlagen“ (Lenin: “Sozialismus und Krieg“). Anfangs des 20. Jahrhunderts sind die Produktivkräfte so weit entwickelt, dass das kapitalistische System nur mit wiederkehrenden Kriegen aufrechterhalten werden kann – wird es nicht durch ein sozialistisches ersetzt.

Die größte Organisation der Arbeiter*innenklasse war die SDAP, die Vorläuferorganisation der SPÖ. Diese war in den Jahren vor dem 1. Weltkrieg zwar in Worten weit radikaler als ihre deutsche Schwesterpartei, in Taten aber letztlich systemkonform. Im Gegensatz zur deutschen, konnte die österreichische Sozialdemokratie den Kriegskrediten nicht formal zustimmen - weil sie in Österreich nicht gefragt wurde. Doch schrieb Friedrich Austerlitz in der Arbeiterzeitung: „Die österreichische Arbeiterschaft bekennt sich zur k.u.k. Monarchie und zum Kriegseintritt“. Die Parteiführung glaubte, der Krieg wäre recht kurz und wollte nicht das bereits Erreichte gefährden. Einer der bedeutendsten Sozialdemokrat*innen der 1910er und 1920er Jahre, Karl Renner, war sogar gegen den Sturz des Kaisers und strebte den „Aufgeklärten Absolutismus“ an. Aus Angst vor Repressionen des kaiserlichen Regimes wurde die aktive politische Arbeit der Parteibasis massiv eingeschränkt und diese in die Passivität gedrängt. So erlitt die Arbeiter*innenbewegung einen schweren Rückschlag. In Folge dieser Entscheidungen der Parteiführung sanken die Mitgliederzahlen und die Verankerung in der Arbeiter*innenklasse.

Ohne Widerstand durch die SDAP wurden Regelungen zu Arbeitszeit, Arbeitspausen oder Sonntagsruhe außer Kraft gesetzt. Durch den Krieg, die zunehmende Nahrungsmittelknappheit und Krankheiten verschlechterte sich die Lage der österreichischen Arbeiter*innenklasse zusehends. Das führte rasch zur Ernüchterung über den Krieg und trug zur Veränderung das Klassenbewusstsein der Arbeiter*innen bei. Sie konnten das kapitalistische System und seine Folge Krieg nicht länger ertragen. So kam es zu revolutionären Erhebungen, wie dem Matrosenaufstand von Cattaro, der ungefähr zeitgleich mit dem Jännerstreik stattfand – die SDAP-Führung aber vermied, beides zusammenzubringen.

Durch eine erneute Verkürzung der Mehlrationen kam es zu starkem Unmut in der Bevölkerung. Am 14. Jänner 1918 traten Fabrikarbeiter*innen in Wiener Neustadt in den „Jännerstreik“. Ihre Kolleg*innen in Wien, Niederösterreich und der Obersteiermark schlossen sich an. Es ging den Streikenden auch um Solidarität mit der Russischen Revolution. Außerdem wollten sie sich nicht mehr als Kanonenfutter missbrauchen lassen. Da sie sich nicht mehr von der Habsburger Monarchie unterdrücken lassen und den Krieg beenden wollten, wählten sie Räte nach dem Vorbild der Sowjets in Russland. Mit der Novemberrevolution 1919 flammten die Räte wieder auf, sie übernahmen die Aufgaben der zusammenbrechenden staatlichen Verwaltung, sowie der Lebensmittelversorgung – aber entlang der Bedürfnisse der Arbeiter*innen, nicht der Kapitalist*innen und Adeligen. Sie waren der Keim einer neuen Gesellschaft.

Die Führung der SDAP fürchtete jedoch, dass es zur Revolution wie in Russland kommen könnte. Sie argumentierten. es brauche als Vorstufe zum Sozialismus erst eine bürgerliche Republik, eine Revolution wäre unmöglich und zu gefährlich. Deshalb versuchten sie alles, um die Massen vom revolutionären Geist abzubringen. Der „linke“ Sozialdemokrat Otto Bauer sagte über die bremsende Rolle seiner Partei stolz: „Nur Sozialdemokraten konnten wildbewegte Demonstrationen durch Verhandlungen und Ansprachen friedlich beenden, die Arbeitermassen von der Versuchung zu revolutionären Abenteuern abhalten.“ Die Gewerkschaftsführung unterstützte die SDAP-Führung, nicht die eigenen Mitglieder, d.h. die Arbeiter*innen konnten auch hier keine Unterstützung erwarten. Jene, die sich für die Räte einsetzten, waren oftmals zu unerfahren und unorganisiert – es fehlte im Unterschied zu Russland die gut organisierte, revolutionäre Partei. So konnte die SDAP-Spitze die Räte mehr und mehr in Organe zur Verrichtung administrativer Tätigkeiten umwandeln. Der Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft wurde in Worten herbeigesehnt, in Taten verhindert. Diese prinzipienlose Haltung hat nicht nur die Arbeiter*innen in Österreich in den 1. Weltkrieg getrieben und dessen Ende hinausgezögert, sondern in letzter Konsequenz 1934 zum Bürgerkrieg und später zum 2. Weltkrieg geführt.

 

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