“Du schwule Sau!”

Simon Nagy, SLP-Jugend

Mich stößt es jedes Mal auf's Neue auf, wenn solche oder ähnliche Begriffe zur Beleidigung gebraucht werden. Dabei ist es unter Jugendlichen längst normal, andere als "Homos" zu bezeichnen, um deren Männlichkeit ab- und die eigene aufzuwerten. Besonders im schulischen Umfeld sind solche Beschimpfungen auf der Tagesordnung, teilweise sogar seitens der Lehrer. Wenn ich mich darüber aufrege, kommt jedes Mal dieselbe Reaktion: ein teilnahmsloses Schulterzucken und der Kommentar "Ich hab' ja eh nichts gegen Schwule..."

Dass Begriffe wie "Schwuchtel" im Sprachgebrauch schon selbstverständlich als abschätzend benutzt werden, zeigt, wie tief verwurzelt Homophobie in unserer Gesellschaft ist. Und das nicht nur unter Jugendlichen.

Ü-18-Homophobie

In Österreich leben geschätzte 750.000 Homosexuelle, in Wien etwa 200.000. Dennoch steht nur eine Minderheit zu ihrer sexuellen Ausrichtung, aus Angst, sie würden nach dem Outing nicht mehr als gleichwertig gesehen. Diese Angst ist berechtigt: Bei der Jobsuche sind Homosexuelle nachweislich benachteiligt, und am Arbeitsplatz sind viele mit Ausgrenzung durch KollegInnen und Diskriminierung durch ArbeitgeberInnen konfrontiert. Laut einer Studie der Universität Köln wird jedeR zehnte bekennende Homosexuelle am Arbeitsplatz gemobbt. Drei von vier Schwulen und Lesben haben bereits Diskriminierungen erlebt. Eine aktuelle Studie der Initiative "Menschenrechte.jetzt." zeigt, dass Homosexuelle, gemeinsam mit AsylwerberInnen, diejenige Bevölkerungsgruppe darstellen, deren Menschenrechte den ÖsterreicherInnen am meisten egal sind. Kein Wunder also, dass sich mehr als die Hälfte aller Homosexuellen nicht trauen, ihre sexuelle Identität im Betrieb zu offenbaren. Kapitalismus ohne Homophobie? Bürgerliche Parteien haben kaum Interesse an gleichen Rechten. Wieso? Diese Einstellung ist nicht einfach darauf zurückzuführen, dass in der Führung der ÖVP ausschließlich homophobe ChristInnen sitzen. Auch wenn sie persönlich kein Problem mit Schwulen und Lesben haben, haben sie kein Interesse, die bestehende Diskriminierung zu bekämpfen. Denn: die Unterdrückung von Homo- und Bisexuellen ist ein wesentlicher, notwendiger Bestandteil des Kapitalismus. Die kapitalistische Gesellschaft basiert unter anderem auf dem gesellschaftlichen Idealbild des Zusammenlebens der Kleinfamilie.

Mann + Frau + Kind = Glückliche Kleinfamilie?

Nach der Formel "Mann + Frau + Kind = glücklich" werden die idealen Voraussetzung für die Reproduktion der Arbeitskraft vorgegeben, vom Aufziehen der Kinder über die Hausarbeit. Andere Lebensformen, in diesem Fall gleichgeschlechtliche Liebe, stellen diese "Normalität" der Kleinfamilie in Frage. Eine tatsächliche Abschaffung von gesellschaftlicher Unterdrückung von nicht-heterosexuellen Bevölkerungsgruppen würde eine Überwindung der Kleinfamilie als gesellschaftlichen Normalform zufolge haben. Das alleine wäre noch keine allzu große Verlustquelle für das System, doch diese Umwälzung würde gleich mehrere Steine ins Rollen bringen: die Abschaffung und Vergesellschaftung der unbezahlten Hausarbeit, gefolgt von einer großen Umverteilung, um Sozial- und Kinderbetreuungseinrichtungen zu schaffen. Vor diesem Hintergrund weigern sich große Teile der Bürgerlichen, die Gleichstellung zu akzeptieren und arbeiten massiv dagegen (jene "Liberalen" die gleiche Rechte für Homosexuelle fordern stehen gleichzeitig für den aggressivsten Abbau des Sozialstaates). Und vor diesem Hintergrund sind die Rechte von Schwulen, Lesben, Bisexuellen und transgender Personen ein Thema, für das mit allen Mitteln gekämpft werden muss!

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