Wer ist dieser Bob Dylan?

Zum 80. Geburtstag von Robert Allen Zimmermann
Albert Kropf

Es gibt nur wenige Musiker*innen, die sich mit der Bekanntheit und dem Erfolg Bob Dylans messen können. Nicht umsonst. Seit 60 Jahren wandelt die Gestalt des Bob Dylan durch die Unterhaltungsindustrie, lässt sich mit seinen vielen Facetten und Wendungen kaum in ein Schema pressen. Und ist doch einmal eines gefunden, geht er sofort persönlich daran es zu demontieren. Und das nicht immer zur Freude seiner vielen Fans. Alles begann unmittelbar nach seiner Ankunft in New York 1961. Genauer gesagt im damals etwas heruntergekommenen Künstler*innenviertel Greenwich Village. Wegen der günstigen Mieten und guter Auftrittsmöglichkeiten entwickelte sich dort eine eigene Szene unterschiedlicher Künstler*innen und Kaffeehausliterat*innen. Sie fiel sowohl auf einen politisch wie auch wirtschaftlich fruchtbaren Boden und trat in die Fußstapfen der noch Jazz lastigen Beatniks der 1950er Jahre. Die Kommunist*innenjagd der McCarthy Zeit unter Präsident Eisenhower ging zu Ende. Der wirtschaftliche Nachkriegsaufschwung begann zunehmend und wegen des “Sputnikschocks” neben der Mittelschicht auch Teile der Arbeiter*innen-Klasse zu erreichen. Eine Aufbruchsstimmung, die bis heute oft fälschlich dem gerade erst gewählten jungen Präsidenten John F. Kennedy zugeschrieben wird.

Am Anfang stehen Woody Guthrie und Pete Seeger

In diese Melange taucht Dylan nun ein. Neben literarischem und allgemein künstlerischem Interesse ist sein Steckenpferd aber die Folk-Musik. Die große, damals noch lebende Ikone des linken, gewerkschaftlichen Folk ist Woody Guthrie. In dieser Musikrichtung werden die bis ins erste Drittel des 20. Jahrhunderts bestehende Tradition der Arbeitslieder, mit der der herumziehenden Wanderarbeiter*innen, den „Hobos“, oft armen und mittellosen Farmerfamilien mit Elementen irischer Volksmusik verbunden. Folk ist an und für sich einfach zu spielen, benötigt keine teuren Instrumente und hatte somit seit jeher eine sehr niedrige Einstiegshürde und daher große Verbreitung in Nordamerika. Anfang der 1960er Jahre ist Folk durch die neueren Entwicklungen der Popmusik mit unterschiedlichen Jazz-Stilen, den aufkommenden Blues, Country und natürlich Rock’n Roll immer stärker in eine Nische geraten. Erlebtaber dort Anfang der 1960er Jahren gerade unter jungen Intellektuellen einen neuen Frühling. Woody Guthrie liegt schon seit Jahren an einer schweren Krankheit leidend in der Nähe New Yorks in einer Nervenheilanstalt. Es ist also ein anderer, der die diese neue Welle des Folk mitträgt und auch prägt, der knapp 40-jährige Pete Seeger. Allerdings mit teilweise deutlich politischerem, sozialistischem und antirassistischerem Anspruch. Beide haben großen Einfluss auf den jungen Dylan. Den alten Guthrie wird er im Krankenhaus besuchen, mit dem jüngeren Seeger gemeinsam auftreten, spielen und schließlich wird Seeger ihn auch bei seinem ersten Plattenvertrag unterstützen. Mit beiden wird er auf unterschiedliche Art bald brechen. Mit dem beginnenden Erfolg kam die schleichende Abkehr vom linken Folk. In diese Zeit fällt auch seine Beziehung mit der zu dem Zeitpunkt wesentlich bekannteren Joan Baez, das neue Traumpaar des Folk. Allerdings nicht für lange. Die breitere Masse, der er nun bekannt wird, nimmt ihn aber als gesellschaftskritischen Musiker wahr. In Wirklichkeit hat er sich schon angepasst und war aus einer wesentlich linkeren Subkultur gestartet. So sympathisiert er zwar noch öffentlich mit Protestbewegungen, ist aber im Gegensatz zu Pete Seeger und später auch teilweise Baez kein aktiver Teil davon. Mitte der 1960er vollzog Dylan dann die scharfe Wendung mit dem Wechsel von der akustischen zur E-Gitarre. Heute schwer vorstellbar, aber damals bedeutete das für die sehr traditionsbewusste Folk-Gemeine einen ungeheuerlichen Stilbruch. Sie warfen ihm Opportunismus und Verrat vor. Aus heutiger Perspektive ist der Dylan nachher deutlich weniger politisch, mehr im Mainstream zu Hause.

Auf nach Nashville

Was auch immer die Gründe gewesen sein mögen, die “elektrische Wende” hat für ihn den Weg in den Mainstream und dem Bruch mit dem traditionellen Folk massiv erleichtert. Fast nebenbei legte Dylan damit auch den Grundstein für ein neues Genre – dem Folk-Rock. Viele junge Musiker*innen, wie “The Byrds” oder seine eigene Begleitband “The Band” folgen ihm auf seinem neuen musikalischen Weg und werden selbst erfolgreich. Dylan ist ein Trendsetter. Einen Motorradunfall nutzt Dylan für eine fast zweijährige Auszeit. Anschließend folgte ein kurzer, zwei Alben dauernder Flirt mit der rückständigen Country-Musik Metropole Nashville. Dylan ging just dorthin, als die „Outlaw“ Bewegung sich dem Diktat nach plattem, weißen Country widersetze, die Stadt verließ und ihre neuen Zelte andernorts aufgeschlagen hatte. Zur Outlaw Bewegung zählten damals schon Größen wie Waylon Jennings, Willie Nelson, Kris Kristofferson oder Merle Haggard. Dylan hätte zu ihnen zwar besser gepasst, trotzdem ging er nach Nashville. Die Trennung der amerikanischen Musik-Stile in Blues, Country und Rock’n Roll etc. erfolgte erst in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre. Zuerst fand das alles unter einem gemeinsamen Dach statt. Johnny Cash galt sowohl als Country als auch Rock’n Roll Star und war bei der gleichen Plattenfirma, wie der junge Elvis. Die spätere Ausdifferenzierung war weniger ein musikalisches Produkt, sondern massiv von der Unterhaltungsindustrie betrieben. So konnte jede Nische ausgeprägt, bedient und besetzt werden. Für die Country Musik bedeutete das ein rückständiges Western-Image, mit oft rassistischen und sexistischen Ansätzen. Nashville-Country und der Folk Dylans, schlossen sich gegenseitig aus. Country Größen wie Johnny Cash waren zwar auch in Nashville, konnten sich aber aufgrund ihrer Popularität vielschichtiger aufstellen. Allerdings stürzten viele von ihnen inklusive Cash mit der neokonservativen Wende in den 1970er Jahren in die dumpfe Country-Schiene ab. Später ist die ganze Outlaw-Country Musik genauso kommerzialisiert, wie die Musik gegen die sie eigentlich angetreten waren. Dauerhafte Oasen lassen sich eben (leider) in einer durch und durch kapitalistisch organisierten Welt nicht dauerhaft aufrechterhalten. Trotzdem hat sich bis heute eine breite“Schnittmenge” zwischen von Folk und fortschrittlicher Country-Musik erhalten, die weniger im Western-Klischee als aus der Lebens- und Arbeitsrealität der “normalen” Menschen schöpft.

Von Hurricane zum christlichen Fundamentalismus

Dylan war mit seinen Liedern in den alternativen und sozialen Bewegungen seit der 1960er Jahren präsent. Er hat sie so zwar mitgeprägt hat, sich aber nie am Aufbau beteiligt. Im Gegenteil, er hat sich zeitlebens eine kritische, intellektuelle und später zunehmend zynische, arrogante Distanz zu ihnen bewahrt. Oftmals entstand der Eindruck, er habe sie am Beginn aktiv mitangezogen, sie vielleicht sogar losgetreten, um sie letztlich brüsk zur Seite zu schieben und dann teilnahmslos beim Scheitern, Verfall oder des Versinkens in der Bedeutungslosigkeit zuzusehen. Für die Outlaws trifft das nicht zu, ihre politische Stoßrichtung greift er nicht auf, ihnen fällt Dylan mit seinem Nashville-Trip in den Rücken. Nach weiteren Rückzügen ins Privatleben gelingt Dylan schließlich ein fulminantes Live-Comeback mit der „Rolling Thunder Revue“ Mitte der 1970er Jahre und den zuvor erschienenen Alben, obwohl er eigentlich gar nicht wirklich weg war. Mit „Hurricane“ hatte Dylan dazu auch das Genre der Protest-und politischen Lieder auf eine neue Ebene gehoben. Mit dem Song tritt er eine Bewegung zur Freilassung des schwarzen Boxers Ruben Carter los, der unschuldig aufgrund eines rassistischen Urteils in den USA zu dreimal Lebenslänglich verknackt wurde. Alle Welt spricht von Hurricane und Dylan lässt das Thema los, lässt es für sich fallen. Das „Urteil“ gegen Ruben Carter wird erst 1985 aufgehoben, auf Initiative und Kampagne anderer. Es scheint fast so, als er sei er nicht bereit die Konsequenzen seiner Musik tragen zu wollen.

Alle, die glaubten, Hurricane wäre die Rückkehr Dylans zu seinen politischen Wurzeln, hatten sich zu früh gefreut. „Seine Bobness“, wie ihn treue Fans nennen, wandte sich kurz darauf ganz offensichtlich der christlichen Mythologie zu, ließ sich taufen und erschwerte das Leben vieler seiner Fans mit drei Missions-Alben, die hart am Ertragbaren kratzten. Wenig überraschend sackten die Verkaufszahlen ein, der „Messias der Rockgeneration“ – so der Titel der noch 1978 erschienenen Biografie – wurde zu einem Risikofaktor für seine Plattenfirma. Was er zuvor z.B. bei der schwarzen Bürger*innenrechts-, der Antikriegs-und Studierndenbewegung nicht tat, tut er nun: Er will mit seiner Musik offen Menschen für eine Sache gewinnen, dem Christentum. Und das in einer Zeit, wo das erzkonservative, rückschrittliche und reaktionäre Christentum der USA mit Ronald Reagans Präsidentschaft nach oben schwimmt. Hier wo eine Abgrenzung zum christlichen Fundamentalismus angesagt gewesen wäre, schweigt Dylan. Es folgt nicht nur der musikalische Niedergang, sondern auch der als „moralische“ Autorität vieler Fans. Nach dem Album „Infidels“ (1983) verkündete er jetzt ein echter Popstar zu werden. Für die schon leidenserprobten Dylan-Fans brechen weiter schwere Zeiten an. Alben mit an und für sich guten und endlich wieder weltlichen Songstrukturen wurden maßgeblich von ihm selbst unpassend „poppig“ überproduziert. Statt des Saltos zum Popstar kommt es zum fürchterlichen Bauchfleck. Die Kritik schreibt vom „Disco-Dylan“, viel tiefer geht es kaum. Doch, Dylans Auftritt 1985 beim Live-Aid Konzert zu Gunsten der Bekämpfung der Hungersnot in Äthiopien. Live übers Fernsehen in alle Ecken der Welt übertragen und bis heute dokumentiert, wird Dylan vom US-amerikanischen Kino-Star Jack Nicholson als „die amerikanische Stimme der Freiheit“ angekündigt. Unterstützt wird er von den beiden Rolling Stones Legenden Keith Richards und Ron Woods. Ein grandioses Setting, aber ganz offenbar haben sich die drei hinter der Bühne zu sehr am Rauschkraut und der Schnapsbar bedient. Der Auftritt wird zur Katastrophe und versinnbildlicht die Krise Dylans. Es sind die sich treu gebliebenen, linken Hippie-Veteranen von „The Grateful Dead“ um Jerry Garcia und Bob Weir die Dylan jetzt auffangen. Für viele Fans kommt nun endlich – mit zwanzig Jahren Verspätung – zusammen, was immer schon zusammengehört hat. Aber es funkt nicht wirklich, die Liebe scheint bei Dylan schnell vorüber. Die vor allem politische Entwicklung der letzten 20 Jahre ist zu gegensätzlich. Bei den Konzerten wirkt Dylan apathisch, abwesend und was jetzt für Dylan Fans auch nichts Neues war, lustlos. Er ist das totale Gegenteil zu den „Rampenschweinen“ von Grateful Dead, die jedes Konzert zu einem Erlebnis der Fans machen. Das daraus entstandene Album trägt denvielsagenden Titel „Dylan and the Dead“ – auf Deutsch: Dylan und die Toten bzw. Dylan und der Tot. Aber tot ist Dylan noch lange nicht, ein neuerlicher Haken und Dylan dockt bei der Supergroup „Traveling Wilburies“ an. Neben ihm sind dort die Musikerlegenden George Harrison (Beatles, Plastic Ono Band), Jeff Lynne (Electric Light Orchester), Roy Orbison (Pretty Woman) und Tom Petty (& the Heartbreakes) aktiv. Obwohl sich Dylan gut einbringt und -fügt, gehört er eigentlich nicht in diese, letztlich doch sehr kommerzielle Schiene, ist eben kein Pop, Rock oder Country Star, sondern Dylan.

Modern Times am Ende der Geschichte

Totgesagte leben länger und so startete er 1989 mit dem überraschend starken, weltlichen und politischeren aber etwas dunklerem Album „Oh Mercy“ wieder durch. Wie ein Seismograph Erschütterungen derErde aufzeichnet, reagiert Dylan auf gesellschaftliche Veränderungen: die Protestbewegung in den 1960er Jahren, die Rockmusik, die zuerst kommerzielle und dann neokonservative Wende der 1970er Jahre, der Wiederaufstieg des weißen Christentums in der USA, der Pop der 80er Jahre, die Supergroups usw. Und nun 1989 im Jahr des großen Umbruchs mit dem Zusammenbruch der stalinistischen Staaten, tritt Dylan nicht in den Chor des Siegs des ungehemmten Kapitalismus ein. Er veröffentlicht nach 15 Jahren wieder ein gesellschaftskritisches Album. Das überraschte viele, die ihn schon abgeschrieben hatten. Das Folgealbum zu „Oh Mercy“ war nochmals ein kurzer Rückfall, aber mit „Good As I Been To You“ und „World Gone Wrong“ folgten zwei akustische Blues und Folk lastige Alben Anfang der 1990er Jahre und da war er wieder. Bob Dylan hatte sich wieder, wie schon so oft, neu erfunden. Mit “Modern Times” 2006 präsentiert er sich wieder als politischer, kritischer, wenn auch manchmal zynischer Stichwortgeber. Das ganze Album istvoller Zitate, teils auch auf sich selbst. Produziert wird es von Jack Frost. Wie passend, das Album veröffentlicht in einer Zeit zunehmender sozialer Kälte, wird von “Väterchen Frost” (=Jack Frost) produziert. Natürlich kein Zufall und hinter dem Namen verbirgt sich Dylan selbst. Auch Cover und Titel sind eine gelungene Anspielung auf Charlie Chaplins großartige Persiflage der kapitalistischen Fließbandarbeit im Zeitalter des Stummfilms der 1930er Jahre. Dylan bringt damit das Thema Arbeit und industrielle Produktion in das von der postmodernen Beliebigkeit entleerte 21. Jahrhundert. Ein neuer Höhepunkt.Der Dylan seitdem, war anfangs düsterer, noch zynischer und verlor zunehmend wieder seinen politischen Anspruch. Dazu passend wandte er sich musikalisch seit „Shadows In The Night“ 2015 mehr und mehr der US-amerikanischen Unterhaltungsmusik, der Frank Sinatra Zeit, zu. Wieder eine schwer verdaubare Wendung für viele Dylan-Fans. Seit 30 Jahren befindet er sich mit der „Never Ending Tour“ bis heute auf Tournee. Viele Städte hat er seitdem schon mehrfach besucht, immer anders und doch immer gleich: schlecht gelaunt, raunzend, wortkarg, etwas lustlos und ohne Zugabe. Eigentlich beeindruckend, dass jemand, der so wenig Leidenschaft und Freude auf der Bühne zeigt,noch immer problemlos die großen Konzerthallen füllt...

Mit Riesenschritten zur Kommerzialisierung

Dylan bleibt sich auch im 21. Jahrhundert selbst treu: Nach der musikalischen Wiederauferstehung kommt ein neuer “Stresstest”. Dylan wendet sich der Werbung zu, ein absolutes „No Go“ vergangener Jahrzehnte. Noch in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre hat Dylan auf Werbeanfragen scherzhaft geantwortet, dass er nur als Modell für Frauenunterwäsche zur Verfügung stünde. Was knapp ein Vierteljahrhundert ein Scherz blieb, wurde 2004 bittere Realität. Nicht nur, dass Dylans „Love Sick“ in einer sexistischen Werbung für Reizwäsche zu hören war, er mimt auch gleich den stillen Beobachter im Hintergrund. Damit aber noch nicht genug, er wird in den folgenden Jahren zum „Wiederholungstäter“, tritt in patriotischangehauchten Werbespots der US-amerikanischen Automobilindustrie auf. Für ihn gilt nicht einmal das Argument, dass er das Geld gebraucht hätte. Dylan lebt zurückgezogen, ist kein „Protzer“ und ist im Gegensatz zu vielen anderen Musiker*innen im Besitz der Rechte an allen seinen Songs und Werken. Geldnot kann es nicht sein, das muss eigentlich reichlich fließen. Dazu passend verscheppert er2016 sein umfassendes Privatarchiv für geschätzte 20 Millionen Dollar an die Universität Tulsa. Zumindest liegt esnun am selben Ort wie das Archiv von Woody Guthrie, den der junge Dylan so verehrte. Umso überraschender war die im Frühjahr 2020 mit „Rough and Rowdy Ways“ vollzogene Wende vom Sinatra-Sound der letzten drei Alben zurück zu Folk und Blues. Überhaupt gibt sich Dylan darin wieder politischer, kritisiert die um sich greifende Korruption, den Rassismus und schließlich den Verfall der USA und des amerikanischen Traums. Und was kommt dann? Dann verkauft er Ende 2020, wie um sein Image wirklich restlos nachhaltig zu schädigen, seine sämtlichen Songrechte um knapp 400 Millionen Dollar an den Unterhaltungskonzern Universal.

Die ewige Kunstfigur

Dabei ist es nicht einmal fix, ob es diesen Bob Dylan, der 2016 den Literaturnobelpreis erhalten hatte, überhaupt gibt. Bob Dylan ist eigentlich eine Kunstfigur, die um 1959 herum von Robert Allen Zimmermann erschaffen wurde. Der wurde am 24. Mai 1941 in Dulluth, Minnesota in eine jüdische Mittelklasse-Familie geboren. Selbst um die Entstehung des Namens streute er bis heute unterschiedliche, sich teils widersprechende Gerüchte. Dylan ist für ihn zumindest die ersten Jahre mehr als ein Künstlername, eher eine Kunstfigur. Immer wieder spricht Dylan über Dylan in Interviews nicht in der Ich-Form, sondern der dritten Person. Ganz angelehnt an weiteres Vorbild, den französischen Dichter und Lebemann Jean Arthur Rimbaud, der über sich schrieb: „Ich ist ein anderer“. Dylan spielt bis heute damit und somit auch mit uns. Dabei ist Dylan nur einer von vielen Namen, die er im Lauf der Jahrzehnte für die unterschiedlichsten Dinge verwenden wird. Wie wir schon gesehen haben, auf manchen Alben ist er gleich mit mehreren vertreten. Einen Namen verwendet er allerdings so gut wie nie: seinen echten, Robert Allen Zimmermann. Inwieweit also die reale mit der künstlichen Person irgendwann verschmolzen ist, ist für uns nicht einzuschätzen. Wahrscheinlich weiß das nicht einmal er selbst. Vielleicht ist es auch umgekehrt und es gibt nur mehr Bob Dylan und keinen Robert Zimmermann mehr. In seiner 2004 erschienenen Autobiographie „Chronicles“ schreibt er dazu passend, dass Bobby Zimmermann 1964 bei einem Motorradrennen ums Leben gekommen sei: „Jetzt gibt es keinen Bobby Zimmermann mehr. Das war sein Ende.“ Sein Motorradunfall war 1966 und nicht bei einem Rennen. Biographie und Fiktion verschmelzen. Seine unterschiedlichen Lebensabschnittspartnerinnen bezeichnet er in seinem Buch konsequent und durchgehend immer nur als “seine Frau”, als hätte es nur eine Partnerin gegeben. Insgesamt ist es weniger eine Autobiographie, sondern mehr ein Roman über das Leben eines Bob Dylan. Es ist eben Dylans „Bob Dylan“ aus dem Jahr 2004. Fragezeichen ziehen sich überhaupt wie ein roter Faden durch die Geschichte “Bob Dylan”. Zum größten Teil hat er sie selbst gesetzt. Immer und immer wieder, ein kleiner versteckter Hinweis hier, einer dort.Ist es wirklich so gewesen? Manchmal schleicht sich der Verdacht ein, Dylan könnte eine reine Kunstfigur sein. Bob Zimmermann amüsiert sich dann dabei uns zuzusehen, allem in Bob Dylans Leben einen Sinn zu geben, wo es aber vielleicht gar keinen gibt. Ist Bob Dylan vielleicht wirklich nureine Kunstfigur, wie Borat für Sacha Baron Cohen eine ist? Nein, das sicher nicht. Dafür ist sein Fallen, sein Leiden, seine Tragik zu groß und zu echt. Und dafür nimmt er sich dann doch viel zu ernst! Es gibt eben keinen einheitlichen Bob Dylan, sondern immer nur den des Moments. Eigentlich können wir nicht einmal die Frage beantworten, ob Bob Dylan 2021 wirklich 80 Jahre alt wurde, oder ob es nicht “nur” Robert Allen Zimmermanns Geburtstag war. Am Ende des Tages bleibt das aber egal.

Was bleibt ist ein Leben des Scheiterns an von ihm an sich selbst gesteckten Ansprüchen, was Dylan – ob Kunstfigur oder nicht – wiederum zutiefst menschlich macht. Die Geschichte Bob Dylans ist aber auch die Geschichte von zigtausenden Menschen, die seit den beginnenden 1960er Jahren durch seine Musik begonnen haben, die herrschenden Verhältnisse kritischer zu sehen und einige letztlich zu politischen Aktivist*innen geworden sind. Ein Schritt, den er selbst nicht nur nie bereit war selbst zu gehen, sondern als zunehmend arroganter, alter Mannoffen ablehnt. Aus einem linken Blickwinkel ist es aber auch ein Leben der nicht genutzten Möglichkeiten. Ein Bob Dylan hätte mit seinen Fähigkeiten und seiner Bekanntheit an der Spitze der sozialen Protestbewegungen die Kraft besessen, die Welt mit aus den Angeln zu heben. Stattdessen angelt der alte Dylan lieber nach dem großen Geld und verklopfte sein musikalisches Lebenswerk an die Unterhaltungsindustrie. Es reicht eben nicht nur gute, politische Lieder zu schreiben, um die Welt nachhaltig zu verändern. Dazu braucht es politische und soziale Bewegungen der betroffenen Menschen und keine Stellvertreter*innen in der Politik, Gewerkschaften oder eben auch Musikindustrie, zu der Bob Dylan heute gehört.

Nachrichten aus dem Quarantäne-Kapitalismus

Auch auf Facebook!

25.03.2020

Die Coronoa-Krise trifft alle, aber nicht alle gleich  Aktuell rücken die Lebens- und Arbeitsrealitäten von uns allen näher zusammen. WAS wir konkret für einen Job machen ist gerade...mehr