Intersektionalität ist nicht die Brücke zum Marxismus

Christoph Glanninger, Sarah Moayeri, Sebastian Kugler, Sonja Grusch

In Debatten um Identitätspolitik fällt oft der Begriff Intersektionalität. Damit soll beschrieben werden, wie verschiedene Unterdrückungsformen sich „überkreuzen“ (englisch: „intersection“ = Kreuzung). In der politischen Praxis wird darunter meistens zunächst verstanden, dass es keine isolierten Kämpfe nur gegen Rassismus oder nur gegen Kürzungspolitik geben sollte, sondern dass diese Kämpfe „verbunden“ werden sollten. Überwindet Intersektionalität also die Probleme der Identitätspolitik?

Marxist*innen teilen die Ansicht, dass alle Unterdrückungsformen gemeinsam bekämpft werden müssen, vorbehaltlos. Im intersektionalen Bild verschiedener Kämpfe, die „verbunden“ werden sollten, ist jedoch auch die zentrale theoretische Schwäche benannt: Zwar können konkrete Erfahrungen als „Koordinaten“ in einem Raster verschiedener Unterdrückungs“achsen“ beschrieben werden – woher allerdings diese „Achsen“ (Rassismus, Sexismus usw.) selbst kommen, bleibt dabei offen. Es bleibt nur, sie als Bewusstseinsformen zu problematisieren. Die Grundprobleme der Identitätspolitik kann die Intersektionalität also nicht lösen, weil sie auf demselben Boden wie diese steht.

Marxist*innen meinen, dass Rassismus, Sexismus usw. nicht einfach Vorurteile sind, die man “weg-reflektieren” kann: Die Unterdrückungs”achsen” schweben nicht im luftleeren Raum. Sie müssen aus der Organisation des materiellen Lebens einer Gesellschaft erklärt werden, um sie - durch eine Umwälzung dieser Verhältnisse - wirklich überwinden zu können. Genau diese Gesamtheit von Produktion und Reproduktion – das, was eine Gesellschaft erst möglich macht – ist das Terrain, das mit einem besonderen Unterdrückungsverhältnis zusammenfällt: Klasse.

Klasse ist damit keine weitere Unterdrückungs„achse“, sondern das Verhältnis, welches die materiellen Bedingungen dafür schafft, dass Menschen auf die unterschiedlichsten Weisen unterdrückt werden. Die historischen Ursprünge verschiedener Unterdrückungsverhältnisse lagen in erzwungenen Rollen bestimmter Gruppen in klassengesellschaftlich organisierten Arbeitsteilungsprozessen: Die Verbannung der Frauen in die Reproduktionsarbeit beschreibt Engels als Zusammenfallen „der ersten Klassenunterdrückung mit der des weiblichen Geschlechts durch das männliche“ (Friedrich Engels: Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats, 1884). Sklaverei, Feudalismus und Kolonisation wiesen ganzen Völkern bestimmte Rollen im Gesamtprozess gesellschaftlicher Produktion zu. Unterdrückungsverhältnisse wie Patriarchat und Rassismus haben ihre Wurzel in der nach Klassen organisierten Arbeitsteilung. Auch wenn sie sich längst zu Ideologien verselbständigt haben, ist ihnen hier der materielle Boden zu entziehen. Es geht also nicht darum, separate Kämpfe zu „verbinden“, sondern alle Kämpfe als Klassenkämpfe zu führen. Klassenkampf ist also auch weit mehr als Kämpfe um Löhne usw. – er ist ein Kampf ums Ganze, also gegen jede Unterdrückung.

Zum Weiterlesen: Laura Fitzgerald: Jede Unterdrückung bekämpfen - ein marxistischer Blick

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