50 Jahre Pride: Der Kampf geht weiter!

Erkämpfte Errungenschaften müssen heute verteidigt, echte Befreiung aber noch erkämpft werden.
Monika Jank

Am 28. Juni 1969 fanden in der Christopher Street in Manhattan/USA die Stonewall-Proteste statt. Das queere Proletariat New Yorks in seiner ganzen Vielfalt wehrte sich mit tagelangen Straßenschlachten gegen die ständigen Razzien, Kontrollen und Schikanen der zutiefst rassistischen und homophoben Staatsmacht. 50 Jahre später ist v.a. auf der offiziellen Ebene einiges erreicht: Seit Juni 2018 sieht die Weltgesundheitsorganisation Transidentitäten nicht länger als geistige Störung. Das ist ein wichtiger Schritt im Kampf gegen die Diskriminierung, der Trans- und Intersexpersonen weltweit ausgesetzt sind, da ihnen das individuelle Recht auf Selbstbestimmung und Selbstidentifikation von staatlicher Seite oder religiösen und rechten Vereinen und Parteien meist abgesprochen wird. Homosexualität wurde in vielen Ländern entkriminalisiert oder legalisiert, verschiedene Formen von Ehe für alle wurden eingeführt - in Österreich z.B. zu Beginn des Jahres. Seit 2015 haben lesbische Paare Zugang zu künstlicher Befruchtung. Es gibt offen homosexuelle Politiker*innen und die Stadt Wien schmückt zur Pride auch die Straßenbahnen. Diese Veränderungen sind auch Ausdruck der Stärke der LGBTQ-Bewegung.

Doch sie wird auch vom Kapital instrumentalisiert. So präsentieren sich einige Firmen und Teile des politischen Establishments als Unterstützer*innen von LGBTQ-Rechten. Dies ist aber nur vorgeschoben: Der Kapitalismus ist flexibel und macht alles zur Ware. Die LGBTQ-Community wird schlicht als Markt gesehen.

Auch neoliberale Parteien wie die NEOS oder Hillary Clintons US-Demokraten geben sich scheinbar progressiv. Dadurch wollen sie Stimmen einfangen und lenken von ihrer eigenen Kürzungspolitik ab. Von genau dieser und ihren Folgen - Wohnungslosigkeit, Gewalt, Arbeitslosigkeit… - sind jedoch die Mehrheit der LGBTQ-Personen noch stärker betroffen als andere. Denn sie sind in ihrer überwiegenden Mehrheit Teil der Arbeiter*innenklasse und nicht der High Society. Dieselbe scheinheilige Politik nützt auch der autoritären Rechten. Diese nutzt die Pseudo-Solidarität des Establishments für ihre Hetze, indem sie Neoliberalismus mit gesellschaftlich fortschrittlichen Positionen gleichsetzt.

Durch die Wahl von rechtsextremen Politiker*innen wie Trump und Bolsonaro wird homophobe Diskriminierung verfestigt und der Boden für homophobe Gewalt geebnet. Kurz nach der Wahl Bolsonaros in Brasilien sah sich ein offen schwuler Politiker gezwungen, das Land zu verlassen. Doch beide Präsidenten sind auch mit großem Widerstand auf der Straße konfrontiert. Dem Mord an Marielle Franco, einer offen lesbischen sozialistischen Politikerin in Rio de Janeiro, folgten Massenproteste, mitgetragen von der LGBTQ-Community. In Argentinien wird im Zuge der Bewegung für die Legalisierung von Schwangerschaftsabbruch darauf hingewiesen, dass Transmänner ebenfalls unter der Kriminalisierung von Abtreibung leiden. Ihre spezifische Situation soll nicht aus der Bewegung ausgeschlossen werden.

Es ist einiges erreicht worden, doch es ist eben immer noch nicht „normal“, schwul, lesbisch, bi- oder transsexuell zu sein oder sonst nicht ins „traditionelle“ Mann-Frau bzw. Vater-Mutter-Kinder Bild zu passen. Immer noch muss man sich „outen“ und gibt es die Notwendigkeit für eine queere „Szene“.

Um das zu überwinden ist es wichtig, sich nicht auf die Unterschiede in sexueller Orientierung, Geschlecht, Gender oder auch Hautfarbe, Religion etc. zu versteifen, sondern den Kampf gegen jede Form der Unterdrückung zu vereinen. Viele Menschen radikalisieren sich durch den Kampf für LGBTQ-Rechte und beginnen von dort aus, andere Ungerechtigkeiten, die Kapitalismus und Klassengesellschaft mit sich bringen, in Frage zu stellen. In Linz beispielsweise findet dieses Jahr zum 3. Mal die Regenbogenbogenparade statt. Im Vergleich zur Wiener Ausgabe, die eher Party-Charakter aufweist, ist sie viel kämpferischer und hat letztes Jahr inhaltlich den Kampf für LGBTQ-Rechte mit dem Kampf gegen den 12-Stunden-Tag verbunden. Diese Verbindung ist sehr wichtig, da die Unterdrückung von LGBTQ-Personen nur durch einem gemeinsamen Kampf gegen und durch die Überwindung des Kapitalismus beendet werden kann.

Der „Christopher Street Day“ fand vor dem Hintergrund der 68er Bewegung, der Bewegung gegen den Vietnamkrieg und dem Generalstreik in Frankreich statt. Auch die heutige Welle von Protesten ist Teil einer weltweiten Politisierung gegen Unterdrückung und Ausbeutung. Die sehr lebendige LGBTQ-Bewegung ist heute aber fest im Establishment verankert, beschränkt sich auf Lobbyarbeit statt auf Kämpfe. Klar ist: Queer sein bedeutet nicht automatisch, links oder fortschrittlich zu sein. Die AfD-Politikerin Alice Weidel lebt offen in einer lesbischen Beziehung… Die Debatte über das „wie“, „wofür“ und „mit wem“ kämpfen ist daher in der Bewegung dringend notwendig.

Erscheint in Zeitungsausgabe: 

Der Wahnsinn des Kapitalismus

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