150 Jahre Alexandra Kollontai

“Ich bin nicht die Frau für dich, denn ich bin zuerst ein Mensch und dann eine Frau.”
Kajal Valad

Alexandra Kollontai, geboren am 31. März 1872 in St. Petersburg/Russland, war wohl die bekannteste Frau unter den russischen Revolutionär*innen. Sie war die erste Frau, die als vollwertiges Mitglied ins Zentralkomitee der Bolschewiki und nach der Oktoberrevolution 1917 zur “Ministerin” gewählt wurde. Die zentralen Anliegen für Kollontai waren dabei Fragen, die sich damit beschäftigten, wie Frauen aus der Arbeiter*innenklasse in den Kampf für eine Veränderung der Gesellschaft miteinbezogen werden können, welche Rolle dabei die revolutionäre Partei spielt und wie geschlechtsspezifische Unterdrückung in einer neuen, gleichberechtigten Gesellschaft aufgelöst werden kann. Kollontai brach dafür nicht nur mit ihrem bürgerlichen Klassenhintergrund, sondern auch mit den Erwartungen, die an Frauen in der kapitalistischen Gesellschaft herangetragen wurden.

Kollontai selbst beschrieb als einen entscheidenden Punkt ihrer Politisierung den Besuch in einer Textilfabrik 1895. Die Bedingungen, die sie dort sah, waren fatal. Arbeiter*innen, die täglich 12-18 Stunden am Tag schufteten, viele von ihnen so ausgehungert, dass sie nicht älter als 30 Jahre wurden. Gleichzeitig aber entwickelten sich zu der Zeit viele Revolten von Frauen aus der Arbeiter*innenklasse. So streikten im selben Jahr mehrere tausend Frauen in einer Zigarettenfabrik in St. Petersburg gegen sexuelle Übergriffe durch ihre Chefs. 1903 schloss Kolontai sich der marxistischen “Russischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei” (RSDLP) an. Eines der Hauptanliegen von Kollontai war, das Bewusstsein der arbeitenden Frauen zu stärken und die Mehrfachbelastung, der sie durch Haushalt, Kindererziehung und Lohnarbeit ausgesetzt waren, und die sie an der Teilnahme an politischer Arbeit abhielt, abzuschaffen.

Bürgerliche Feminist*innen zu der Zeit behaupteten, dass sie für die Rechte aller Frauen unabhängig ihrer Klassenzugehörigkeit kämpften und dass Gleichberechtigung für Frauen innerhalb des kapitalistischen Systems erlangt werden könne. Dies stand im Gegensatz zur Realität und zur Position der RSDLP, die vertrat, dass die Befreiung der Frauen nur durch einen grundlegenden wirtschaftlichen und sozialen Wandel möglich sei, der die Abschaffung des Privateigentums und die Errichtung einer sozialistischen Gesellschaft einschließt. 

Nach dem Studium in Zürich war Kollontai 1908 anlässlich eines Frauenkongresses nach Russland zurückgekehrt und die Rede, die sie dort hielt, war so gewagt, dass die im Saal anwesende Geheimpolizei sie sofort in Haft nehmen wollte. In letzter Minute konnte sich Kollontai der Verhaftung entziehen und landete in Deutschland. Die Reichstagsfraktion der SPD trug aber 1914 den Kriegskurs der eigenen Regierung mit - die 2. Internationale zerfiel. Kollontai organisierte daraufhin in Deutschland Antikriegs-Treffen für Arbeiter*innen. Sie war damit im Visier der Polizei, die sie nach Russland abschieben wollte, wo ihr Haft und Repression drohten. Durch Karl Liebknechts Intervention war es ihr möglich, nach Norwegen auszureisen. Dort schloss sie sich der Opposition zum Kriegskurs der Sozialdemokratie an und baute sie mit auf.

Nach der Februarrevolution 1917 kam Kollontai sofort nach Petrograd, unterstütze in Folge die “Aprilthesen” von Lenin, die den Sturz der provisorischen Regierung forderten, sich klar gegen den imperialistischen Krieg positionierten und sich für eine Machtergreifung durch Arbeiter*innen- und Bäuer*innenräte aussprachen. Nachdem der Zar schon im Februar gestürzt worden war, gelang im Oktober 1917 die siegreiche proletarische Revolution. Kollontai wurde Teil der ersten Sowjetregierung, wo sie für die soziale Wohlfahrt zuständig war. Die Verbesserungen für Frauen, die durch die Revolution und ihr Amt erkämpft wurden, waren enorm.

Nach dem Tod von Lenin und dem Aufstieg Stalins schloss sich Kollontai zunächst der “Arbeiteropposition” an und veröffentlichte Schriften für diese Fraktion der Bolschewiki. Ab 1927 jedoch, als sich angesichts von Bürgerkrieg, Mangel und Isolation der Sowjetunion der bürokratische Flügel durchsetzte, Revolutionäre wie Trotzki ins Exil verbannt bzw. ermordet wurden und Stalin die “Linke Opposition” innerhalb der Partei zerschlug, war Kollontai mehr Teil des Regimes als der Opposition. Sie beugte sich dem Terror. Das führte dazu, dass viele Errungenschaften wie das Scheidungsrecht erschwert oder das Recht auf Abtreibung abgeschafft wurden und das “traditionelle” Familienbild wieder propagiert wurde. Auch die Frauenabteilung im Zentralkomitee der Bolschewiki wurde durch Stalin aufgelöst. Anders als Revolutionäre wie Zetkin und Trotzki, die öffentlich gegen die Repression des Stalin-Regimes protestierten, sah Kollontai untätig zu, als die Parteibürokratie rund um Stalin die Errungenschaften der Oktoberrevolution zerstörte. Trotz dessen, dass sie sich letztlich mit dem Stalinismus arrangierte, schmälert dies nicht Kollontais enorme Bedeutung und Rolle für die Russische Revolution und die internationale proletarische Frauenbewegung.

 

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