Slovakische Republik
Staatlicher Rassismus

Roma und Sinti sind in der Slowakischen und der Tschechischen Republik diskriminierte Minderheiten. Der Fall von Mario Bango hat das wieder einmal deutlich gemacht. Vorwärts führte ein Interview mit Alexandra Geisler von Socialisticka Alternativa Budoucnost, der tschechischen Sektion des CWI.

Ihr macht seit längerem Arbeit mit Roma und Sinti - warum?

Die Situation von Sinti und Roma in der Tschechischen Republik sowie in der Slowakei ist gekennzeichnet durch extrem hohe Arbeitslosigkeit, gesellschaftlichen Ausschluss und Isolation, rassistische Angriffe und Morde, etc.. Die uebrige Bevoelkerung ist Sinti und Roma gegenueber absolut distanziert und stuetzt dies auf Vorurteile, die sie niemals in der Realitaet ueberprueft haben bzw. wollen. So verweigern es zum Beispiel auch die meisten ArbeitgeberInnen Sinti und Roma anzustellen und bitten die Arbeitsämter ihnen solche BewerberInnen nicht mehr zu schicken. In der tschechischen Republik liegt die Arbeitslosigkeit unter Sinti und Roma bei über 70%. In den meisten Dörfern und Städten im Osten der Slowakei können Sinti und Roma keine Gaststätten, Geschäfte oder Kirchen betreten. Für Kinder aus Sinti und Roma Gemeinden wurden gesonderte Klassen und\oder Schulen eingerichtet. In Entbindungsstationen werden Frauen nach ihrer Hautfarbe getrennt untergebracht. Eine der sichtbarsten Trennung sind die verarmten Wohnsiedlungen. Sie sind ein Ausdruck absoluter Armut, liegen oftmals ausserhalb einer Stadt oder eines Dorfers und sind evtl. noch durch Mauern abetrennt. Dies ist eines der schwerwiegendsten Probleme der Sinti und Roma. Die Mehrheit lebt in diesen unzulänglichen Behausungen. Die Wohnbauten haben oft kein fließendes Wasser oder Elektrizität. Aufgrund der mangelnden Hygienemöglichkeiten sind Epidemien erschreckend angestiegen. Die gravierendsten gesundheitlichen Probleme sind: unzureichende hygienische Bedingungen in den Wohnhäusern, Trinkwasserversorgung und Kanalisation ist oft nicht vorhanden, keine regelmäßige Müllabfuhr, das Fehlen von Toiletten, Schwangerschaft sehr junger Frauen und kaum medizinische Versorgung Schwangerer, unzureichende Nahrung und Gesundheitsfürsorge für Kinder. Da wundert man sich kaum noch, das die Lebenserwartung unter Sinti und Roma, für Männer bei nur 55 Jahren und für Frauen bei 59 Jahren liegt. Unter dem Stalinismus hat man versucht die Sinti und Roma Gemeinden zwangsanzusiedeln, d.h. Plattenbauten errichtet und sie dort hineingepfercht. Fuer Sinti und Roma haben diese staatlichen Zwangsmassnahmen gravierende Probleme zur Folge gehabt. Oftmals mussten sie mit ihren Traditionen und Lebenweisen brechen und die geplante Integration wurde mehr zur erzwungenen Anpassung. Doch seit der Wiedereinfuehrung des Kapitalismus, hat sich die Situation fuer Sinti und Roma erheblich verschlechtert. Wir wissen das der Kapitalismus darauf beruht die Mehrheit, dh. die ArbeiterInnenklasse durch eine Minderheit, dh. die Kapitalisten auszubeuten. Doch um solch eine Ausbeutung und Unterdrueckung ueber laengere Zeit aufrecht zu erhalten, muessen die Kapitalisten verhindern, dass sich die Mehrheit zusammenschliesst und gegen die Ungleichheit und Unterdrueckung kaempft. Rassismus bedient genau dieses Interesse der Kapitalisten, indem er die auslaendischen und inlaendischen ArbeiterInnen trennt und gegeneinander kaempfen laesst. Ebenfalls lenken die Rassisten von den wirklichen Problemen ab, sie machen Fluechtlinge, AuslaenderInnen und ethnische Minoritaeten zu Suendenboecken fuer alle gesellschaftlichen Missstaende. In der Tschechischen Republik sind das besonders Sinti und Romas, gegen die sich die rassistische Hetze richtet.

Worum gehts beim Fall Mario Bango?

Mario Bango, ein 18 jähriger Sinti und Roma Aktivist aus der Slowakei, soll mit 12 Jahren Gefängnis bestraft werden, weil er seine Familie bei einem rassistischen Angriff verteidigt hat. Sein Fall ist symbolisch für die heutige Notlage der Sinti und Roma, sogenannte "Zigeuner" in Osteuropa. Am 10. März fuhren Mario, sein Bruder Edo und seine Mutter mit dem Bus durch Bratislava, der Hauptstadt der Slowakei, als Edo von einem Nazi angegriffen wurde. Mario leistete seinem Bruder erste Hilfe und in dem Handgemenge erlitt der Angreifer einen Messerstich in die Lunge. Die beiden Brüder riefen die Polizei und warteten auf deren Ankunft, während der Nazi in ein Krankenhaus gebracht wurde. Das war nicht der erste Übergriff unter dem die Bango Familie zu leiden hatte. Erst vor einem Jahr lag Edo eine Woche im Krankenhaus, nachdem er von rassistischen Skinheads verprügelt worden war. Solche Erfahrungen sind heutzutage "Routine" für Sinti und Roma in der Slowakei. Mario wurde sofort festgenommen. Als der Nazi einige Tage später starb wurde auch Edo angeklagt, "eine tödliche Verletzung verursacht zu haben". Obwohl der Verstorbene ein aktives Mitglied einer Nazi Organisation war, wird er von den Medien und rechten Politikern als unschuldiger Junge dargestellt, der von Sinti und Roma angegriffen wurde. Das Parlament hielt sogar eine Schweigeminute fuer den getoeteten Nazi, fuer die ueber hundert durch Rassisten ermordete Menschen haben sie noch nie eine Minute zum Gedenken geschwiegen. Ca. 2 Wochen nach diesem Vorfall wurde ein junger Mann erneut von Skinheads im Bus angegriffen und dabei getoetet. Nach Angaben der ZeugInnen, sprachen die Angreifer von Blutrache. Die Polizei spricht nicht von einem rassistischen Hintergrund fuer die Tat denn der Getoetete war angeblich ja kein Sinti und Roma, sondern nur ein Homosexueller.

Gibt es Unterschiede zwischen der Situation in der tschechischen und der Slowakischen Republik und warum kümmert ihr euch als TschechInnen um einen Fall in Bratislava?

Die Sinti und Roma sind zahlenmäßig die zweitgrößte ethnische Minderheit in der Slowakei. Derzeit wird von offizieller Seite eine Zahl zwischen 420,000 und 500,000 angenommen. Den Prozentsatz an der Gesamtbevölkerung genommen, hat die Slowakei die größte Sinti und Roma Gemeinde der Welt (8-9%). D.h. Sinti und Roma sind in der Slowakei zahlenmaessig staerker vertreten als in der Tschechischen Republik, doch ihre Situation ist in beiden Laendern vergleichbar. Da wir Mario aus den Protesten gegen IWF und Weltbank in Prag kennen und seit dem mit den Bruedern in Kontakt sind, haben wir direkt von diesem Vorfall erfahren. Unsere tschechische Partei, sowie die Schwesterparteien in anderen Laendern, hat eine klare internationale Ausrichtung. Wir versuchen internationale Unterstuetzung zu organisieren, sowie einen gemeinsamen Kampf mit den ArbeiterInnen und Jugendlichen der Nachbarlaender und der ganzen Welt. Da in der Slowakei kaum anti-faschistische Organisationen, kaempferische Gewerkschaften oder aktive linke Parteien existieren, die zudem auch nicht bereit waren im Unterstuetzungskommittee fuer Mario mitzuarbeiten, war es von grosser Bedeutung fuer die AktivistInnen in der Slowakei. Wir haben wiederholt GenossInnen nach Bratislava geschickt, um konkret vor Ort mit zu arbeiten und zu unterstuetzen, sowie international Druck auf den Slowakischen Staat ausgeuebt. Und wir werden natürlich auch in Zukunft im Sinne der "internationalen Solidarität" aktiv sein.

 
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