Arbeitszeit, Freizeit - Keine Zeit?

"Ich hab keine Zeit, die Zeit vergeht nicht, Zeit ist Geld,..."
Diese oft verwendeten Aussprüche kennzeichnen unseren Umgang mit Zeit. Zeit wird als „knapp“ wahrgenommen und wir scheinen ihr hinterher zu laufen und manchmal will sie auch gar nicht vergehen und wir haben „lange Weile“, je nachdem womit sie ausgefüllt ist. Dieser Gegensatz findet sich auch am Arbeitsmarkt: Während die einen ihren Arbeitsplatz verlieren und jahrelang keinen Arbeitsplatz finden, quasi zum „Nichtstun“ gezwungen sind, werden andere genötigt, länger zu arbeiten und leiden so unter der Belastung von verstärktem Zeitdruck.

In der jüngeren Vergangenheit kam es im Zusammenhang mit den Deregulierungsversuchen der Unternehmer zu zahlreichen Vorstößen in Richtung flexibler Arbeitszeiten und Ausweitung der Ladenöffnungszeiten. Im Zentrum der Diskussion um die Auflösung traditioneller Zeiteinteilung steht die Auflösung der sogenannten Normalarbeitszeit als traditioneller Arbeitszeitstruktur.

Dabei kann schon seit einiger Zeit kann nicht mehr von einer generellen „Normalarbeitszeit“ gesprochen werden. Bereits 1991 galt das „Normalarbeitsverhältnis“ (mit Regelarbeitszeit ab 35 Stunden pro Woche) nur noch für ca. 40% der unselbständig Beschäftigten – und dabei hauptsächlich für Männer-, für 60% weicht die Arbeitszeit von der Norm ab. Es gab eine gigantische Zunahme von nichtexistenzsichernden Arbeitsplätzen: Die Teilzeitarbeit lag 1997 bei 410.000 (davon 352.000 Frauen); geringfügig Beschäftigte gab es im Okt.2000 199.545 (davon 143.296 Frauen). Und das bei gleichzeitiger Zunahme von Überstunden für Beschäftigte.

Abhängig Beschäftigte sind in immer mehr Bereichen den Bedürfnissen der Unternehmer ausgeliefert. Dazu zählen Gratisüberstunden, selbstverständliche Bereitschaft rund um die Uhr, berufsfremde Arbeiten etc. Ein bekanntes Beispiel der letzten Zeit ist das Kaufhaus „Peek&Cloppenburg“, in dem bewusst die Arbeit auf Abruf je nach KundInnenfrequenz praktiziert wird.

Flexibilisierung für wen?

Diese Entwicklung wird unter dem allgegenwärtigen Begriff der Flexibilisierung zusammengefasst. Ausschlaggebend dabei ist die Frage : Flexibilisierung für wen? Die wesentliche Unterscheidung ist zwischen „Zeitsouveränität“ und „flexibler Verfügbarkeit“ zu treffen. Während ersteres Flexibilität für die ArbeitnehmerInnen bedeutet, heißt zweiteres Flexibiltät zugunsten der Unternehmer im Sinne von Macht über die zeitliche Verfügbarkeit der ArbeitnehmerInnen.

In der Diskussion über dieses Thema wird bewusst versucht, diesen Interessengegensatz zu verdecken. Der Begriff der Flexibilität wird in einen progressiv klingenden Jargon verpackt, dem die „Starrheit“, „Unbeweglichkeit“ usw. gegenübergestellt wird, Ausdrücke die sehr altmodisch klingen. Als Ergebnis haben wir eine Rhetorik, die nahelegt, dass Flexibilität etwas ganz allgemein wünschenswertes ist, dem sich nur Hinterwäldler widersetzen können.

Obwohl die Umsetzung der „Flexibilisierung“ am Arbeitsmarkt ganz offensichtlich zeigt, dass sich hinter diesem Wort eine Ideologie verbirgt, die sich im Namen der ökonomischen Vernunft präsentiert, wird die entscheidende Frage der „Flexibilität für wen und auf wessen Kosten?“ außer Acht gelassen.

Im Interesse der Unternehmer ist es, über die Arbeitszeit der Menschen möglichst frei zu verfügen oder diese wie im Fall der Arbeitslosigkeit gar nicht erst in Anspruch zu nehmen. Denn ökonomisch gesehen ist Zeit im kapitalistischen Wirtschaftssystem ein knappes Gut, das aus Unternehmerseite möglichst „rational“ eingesetzt werden soll. Auf diesem Weg kann die Ausbeutung intensiviert und der Mehrwert für die Unternehmer erhöht werden. In diesem Sinn sind Ruhezeiten und Ruhetage Störfaktoren im Wirtschaftsleben, da über diese nicht frei verfügt werden kann. Der Versuch der Unternehmer, die Maschinenlaufzeiten bzw. Betriebszeiten auszudehnen, ist so alt wie der Kapitalismus selbst. Das zeigt sich auch daran, dass die Stellungnahmen der Arbeitgeber aus dem vorigen Jahrhundert den heutigen gleichen, genauso wie die Gegenargumente der Gewerkschaften und Kirchen.

Im Zuge der Industriellen Revolution Ende 18., Anfang 19.Jahrhundert änderte sich der Arbeitsrhythmus drastisch. Die industrielle Produktion, in der die Maschine die Arbeitseinteilung beeinflusste, machte eine exakte Planung der Arbeitsabläufe notwendig. Während noch in der vorindustriellen Gesellschaft die Pünktlichkeit keine Rolle bei der Arbeitsorganisation gespielt hatte, wurde jetzt Disziplin verlangt.

In dieser Zeit fand ein massive Ausweitung der Arbeitszeiten, insbesondere in der industriellen Produktion statt. Seitens der Industrie wurde versucht, Gewinnsteigerungen mittels Verlängerung der absoluten Betriebs- und Arbeitszeiten zu erzielen. Religiöse und kulturelle Feiertage wurden abgeschafft, die Sonntagsarbeit wurde wieder eingeführt, der blaue Montag wurde ebenso bekämpft wie die Unterbrechung der Arbeitszeit durch soziale Aktivitäten. Die Umwandlung von Lebenszeit in Arbeitszeit und die Zusammenfassung der Arbeitskräfte in zentralen, vom Wohnbereich getrennten Produktionsstätten führten zu einer Auflösung der Wohnstruktur und der Ausgrenzung sozialer Handlungen aus dem Arbeitsbereich.

Diese Ausweitung der Arbeitszeit verwies auf eine neue Bedeutungszuschreibung der modernen Arbeitszeiten, nämlich als wertschaffende Größe im gesamtwirtschaftlichen Produktionsprozeß, während sie zugleich wichtiges Kriterium für die Lebens- und Arbeitsverhältnisse der neu entstandenen ArbeiterInnenklasse werden. In der Entwicklung zum Industriekapitalismus wird die Arbeitszeit somit zur dominanten Zeitstrukturordnung, was eine neue Bewertung von Zeit nach sich zieht: Als sozial wertvolle Zeit wird allein die Zeit betrachtet, die der Mensch am Arbeitsplatz verbringt, diese Zeit wird zur reinen Arbeitszeit und verliert dadurch ihre Eingebundenheit in die gesamte Lebenswelt. Sonstige Bedürfnisse müssen in die Freizeit verlagert werden.

Dadurch entstehen voneinander abgetrennte, jedoch funktional aufeinander bezogene Institutionen der Arbeitszeit und der Freizeit. Die Arbeitszeit wird für die Lohnabhängigen zu nahezu völlig fremdbestimmter Zeit und dadurch entwickeln sie ein zunehmendes Interesse an möglichst viel eigenbestimmter, privater Lebenszeit. Die kapitalistischen Unternehmer andererseits sind an möglichst viel wertschaffender betrieblicher Nutzungszeit interessiert. An diesen gegensätzlichen Interessen entsteht ein Verteilungskampf um Zeit.

Zeit ist Macht!

In der Analyse der Konflikte um die Zeit wird deutlich, dass Zeit eine zentrale Dimension von Macht darstellt, die in der in einer Gesellschaft vorherrschenden Zeitordnung zum Ausdruck kommt.

Geringe Zeitgestaltungsfreiheit im Sinne von Abweichungen von der zeitlichen Norm erhöht die Spannungen in der Gesellschaft. Persönlich betroffen davon sind SchichtarbeiterInnen, NachtarbeiterInnen und WochenendarbeiterInnen, insbesondere die am Sonntag Beschäftigten, die massive Nachteile dadurch erfahren, dass sie von der zeitlichen Norm abweichen und eine „Randgruppenexistenz" führen, wodurch soziale Probleme entstehen, die selbst durch finanzielle Entschädigung wie zum Beispiel Schichtzulage nicht völlig kompensiert werden können.

Da die Erwerbsarbeit konstituierendes Element des in der Gesellschaft vorherrschenden Zeitbewusstseins ist, kann es aber auch durch Arbeitslosigkeit zu tiefgreifenden Veränderungen des individuellen Empfindens von Zeit kommen.

Dieses Phänomen haben Jahoda, Lazarsfeld und Zeisel in ihrer Studie über die Arbeitslosen in Marienthal dokumentiert.

Im Rahmen dieser Studie wurde in den 30er Jahren die Problematik der Arbeitslosen untersucht, die sich nicht nur aufgrund der materiellen Not ergab, sondern auch durch die Strukturlosigkeit des Alltags, die dazu führte, dass die Zeit- und Lebensplanung ins Wanken geriet.

Was sich auch in der heutigen Situation von Arbeitslosen zeigt, ist, dass es, obwohl die materielle Situation weitaus besser ist als in der beschriebenen Studie aus den 30er Jahren, vergleichbare Symptome für den Zerfall der Zeitperspektive gibt. Auch wenn man davon ausgeht, dass die Formen und die Dynamik des Zerfalls von Zeitplanung und Zeitdisziplin neben anderem durch ökonomische Faktoren bestimmt werden, so ist dieses Phänomen nicht alleine durch die materielle Lage erklärbar .

Dabei zeigt sich auch für Frauen und Männer unterschiedliches Erleben von Zeit. Schon in der Untersuchung über die Arbeitslosen von Marienthal hat sich gezeigt, dass Frauen anders auf den Verlust der äußeren Zeitstruktur reagierten. Während die Männer großteils die Fähigkeit zur zeitlichen Bewältigung des Alltags verlieren, bleibt für die Frauen der Tag durch das Erledigen der Hausarbeit und Kinderversorgung strukturiert, da sie zwar erwerbs-, aber nicht arbeitslos geworden sind. „Sie haben den Haushalt zu führen, der ihren Tag ausfüllt. Ihre Arbeit ist in einem festen Sinnzusammenhang, mit vielen Orientierungspunkten, Funktionen und Verpflichtungen zur Regelmäßigkeit."(Jahoda et.al 1975, S.89)

Mit den Zeitgestaltungsmöglichkeiten ist nicht nur der eigene Status mitdefiniert, sondern auch die Macht über die Zeit von anderen. Macht bedeutet in diesem Zusammenhang die Verfügungsgewalt über die Zeit von anderen Menschen. Man kann angesichts der Tatsache, dass der Zeit ein immer wichtigerer Wert zukommt, davon ausgehen, dass Zeit auch als Gegenstand von Macht auf allen hierarchisch geordneten Ebenen der Gesellschaft an Bedeutung gewinnt.

Prognostiziert werden kann als Folgewirkung dieser Entwicklung eine tiefgreifende Veränderung des zeitlichen Gefüges, bei der auf eine bewusste Gestaltung der zeitlichen Rahmenbedingungen des Wirtschaftslebens mehr und mehr verzichtet wird.

Dagegen gilt es aufzutreten mit der Forderung nach einer 30 Stundenwoche bei vollem Lohn und geregelten Arbeitszeiten, die eine gemeinsame Gestaltung der Freizeit und auch eine gerechte Aufteilung der Hausarbeit und Kinderbetreuung ermöglichen.

Denn es ist nicht im Interesse der ArbeitnehmerInnen flexibel zu arbeiten, sondern flexibel zu leben, mehr Freiräume zu haben in der Arbeit und mehr Möglichkeiten individueller Zeitgestaltung, die nicht ständig eingebunden oder abhängig sind von betrieblichen Organisationszusammenhängen, von ökonomischen Interessen und von politischen Herrschafts- und Machtstrukturen.

Claudia Sorger

 
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