Die 51. Berliner Filmfestspiele - eine Nachbetrachtung

aus Voran, Zeitung der Sozialistischen Alternative, deutsche Sektion des CWI, 7. März 2001

In welchem Maß ist die Berlinale und das Kino allgemein dem Diktat des Marktes ausgesetzt? Wo steht der Film heute? Was waren die wichtigsten Themen bei den Berliner Filmfestspielen? Warum soviele Kriegsfilme? Was tut sich beim schwul-lesbischen Film? Welche Qualität hatten die deutschen Beiträge? Lohnt der Film über Eisenstein?

Mehr als alles andere ist die Berlinale ein Publikumsfestival: eine halbe Million Zuschauer, ein eigener Kinderfilm-Wettbewerb, eine schwul-lesbische Filmreihe... Es gibt die Gelegenheit Filme zu sehen, die man sonst nie zu Gesicht bekommen würde. Ein Angebot, das auch in großem Maß von ImmigrantInnen genutzt wird. Wenn asiatische, afrikanische oder lateinamerikanische Fime gezeigt werden, ziehen ganze Familien ins Kino und machen aus der Vorstellung ein besonderes Erlebnis.

Kino, Kommerz, Kapitalinteressen

Auch wenn die Berlinale eine Plattform für unabhängige Filmemacher und Nachwuchsregisseure ist, so sind die Berliner Filmfestspiele dennoch weitgehend vom Profitstreben der Film-Industrie und ihren politischen Repräsentanten geprägt.

Der Film, den sich Kirk Douglas bei der Übergabe des Ehren-Bären wünschte, "Wege zum Ruhm", durfte 1958 auf der Berlinale nicht gezeigt werden (auf den Einspruch des französischen Stadtkommandanten hin; in Frankreich war der Film, der ein reales Ereignis aus dem Ersten Weltkrieg darstellt, in dem französische Soldaten von ihren Vorgesetzten bei einem Angriff auf eine deutsche Stellung verheizt werden, 18 Jahre verboten). Als 1969 ein kritischer Beitrag zum Vietnam-Krieg aufgeführt wurde, "o.k." von Michael Verhoeven, wurden die gesamten Filmfestspiele von oben kurzerhand abgebrochen (allerdings wurde vom nächsten Jahr an die Reihe "Forum des Internationalen Films" eingeführt, in der mehr Freiraum für Filme fernab vom Mainstream gegeben ist - womit diese Filme jedoch auch abseits von Wettbewerb und Medienaufmerksamkeit vorgeführt werden). Viele bemerkenswerte Stücke wurden in den letzten Jahren von der Festspielleitung abgelehnt; im letzten Jahr zum Beispiel Oskar Röhlers "Die Unberührbare".

Überwiegend lärmende, lähmende und betäubende Großproduktionen dominieren den Film-Markt. Die meisten Filme aus den großen Studios haben alles - an finanziellen und technischen Möglichkeiten - außer einer Idee. Sie haben keine inhaltliche Aussage, sondern nur eine Auflage: die heutigen Gesellschafts- und Machtstrukturen zu untermauern - mittels der herrschenden Ideologie. "Es gibt zwei Typen von Filmregisseuren, den Geschäftsmann und den Künstler. Der Geschäftsmann versucht einfach, das Publikum mit einem Haufen von Sound- und visuellen Effekten vollzuknallen. Der Künstler, und dazu möchte ich mich zählen, versucht, die menschlichen Seiten zu durchdringen, die Substanz dessen, was Kunst ist, die Gefühle herauszufiltern (...) Es gibt eine Tendenz, insbesondere in Hollywood, die uns totschlägt mit etwas, was diesem Film diametral entgegensteht" (Emir Kusturica, Regisseur von "Time of the Gypsies", der auf der Berlinale den Dokumentarfilm "Super 8 Stories" über seine Band No Smoking vorstellte).

Der Eröffnungsfilm der diesjährigen Berlinale war "Duell - Enemy at the gates", mit 180 Millionen Mark Kosten der teuerste europäische Film. Unter den Filmen, die im Wettbewerb gezeigt wurden, war mit "Traffic" ein Streifen, dessen Produktion von den Hollywood-Studios abgelehnt worden war, und das obwohl sich darum ein Steven Soderbergh bewarb, der sich mit seinem Erstling "Sex, Lügen und Video", ein Independent-Film, einen Namen gemacht hatte. Der Grund: Das Projekt beschäftigt sich mit der Drogenfrage in den USA und behandelt auch das Schicksal der Latinos (ein Drittel des Films ist in spanischer Sprache). Anders als es den meisten seiner KollegInnen möglich ist, konnte Soderbergh den Filmetat in diesem Fall an den Studios vorbei zusammenbekommen (in der April-VORAN wird der Film besprochen werden). Es ist richtig, dass auch Filmfonds zur Förderung einzelner Projekte existieren. Allerdings wird auch hier gerade denen gegeben, die schon haben: "Nach Angaben der Berliner Filmförderungsanstalt (FFA) wanderte im Jahr 2000 jede fünfte Mark aus deutschen Filmfonds in Hollywood-Produktionen. Für FFA-Vorstand Rolf Bär war das "filmpolitisch sicher nicht gewollt". Die Banken hätten aber "offenbar gut verdient" (Tagesspiegel vom 17.2.01).

Aber selbst wenn Mittel und Wege gefunden werden, einen Film zu realisieren und sogar auf ein Festival zu bringen, ist es eine offene Frage, ob der Film jemals einen Verleih findet und überhaupt in den Kinos laufen kann. "The big one" von Michael Moore erhielt vor drei Jahren auf der Berlinale sogar den Publikumspreis und ist bis heute nicht in den deutschen Kinos aufgeführt worden. Michael Moore, der letztes Jahr den Wahlkampf von Ralph Nader unterstützte, ist der Regisseur von "Roger & me", in dem am Beispiel der Autostadt Flint bei Detroit gezeigt wird, wie die Folgen der kapitalistischen Krise Anfang der 80er Jahre auf die Arbeiterklasse abgewälzt wurden (wird auf den Sozialismus-Tagen 2001 zu sehen sein). In "The big one" tourt Moore durch die Vereinigten Staaten, um sein neuestes Buch "Downsize this" über Armut und Reichtum in den USA vorzustellen, und in jeder Stadt einen Preis an den Konzernchef zu überreichen, der die meisten Entlassungen durchgeführt hat. Über General Motors (GM) sagt Moore im Film: "GM machte ungefähr 7 Milliarden Dollar Gewinn im letzten Jahr. Es könnte aber 7,1 Milliarden Gewinn machen, wenn es eine Fabrik in Ohio schließen und eine andere in Mexiko eröffnen würde. Im heutigen Verständnis der Wirtschaftsbosse wäre die Schließung eine Pflicht, denn der Profit geht über alles, selbst wenn damit eine ganze Stadt in Ohio ruiniert wäre." Selbst wenn solch ein Film einen Verleih findet, hat er nicht die besten Karten, ins Kino zu kommen. Mit der Welle von Multiplex-Bauten werden derzeit reihenweise Programmkinos und Stadtteilkinos plattgemacht. Allein für Berlin wurden bis zu 40 Multiplexe geplant. Allerdings wachsen auch für die Multiplexe die Bäume nicht in den Himmel: Bei den Bauten wurde für das vergangene Jahr mit 200 Millionen Kinobesuchern in Deutschland gerechnet - gekommen sind jedoch nur 150 Millionen. "Erstes Opfer in der Entscheidung über den deutschen Kinomarkt der Zukunft war bereits vor einem Jahr die Düsseldorfer Kinokette Ufa. Dem Riesenunternehmen war die Puste ausgegangen, und das ganze Imperium daraufhin in die Hände des einstigen Erzrivalen Flebbe gewandert. Dessen Hamburger Cinemaxx-Unternehmen gerät nun allerdings selbst unter Druck und hat einen radikalen Sparkurs eingeschlagen. Das bedeutet, dass für 150 der konventionellen Leinwände aus dem Ufa-Erbe der Vorhang endgültig fällt" (taz vom 14.2.01).

Da das Filmgeschäft heute ein "Geschäft" ist, sind dem Film genauso wie allen anderen Aspekten von Kunst und Kultur im Kapitalismus enge Grenzen gesetzt. In seinem ersten Artikel prangerte Karl Marx bemerkenswerterweise die Zensur an, die bis heute direkt oder indirekt weiter gilt. Auch in den bürgerlichen Demokratien ist die große Mehrheit der Bevölkerung zwar frei von etwas (Diktatur oder Militärherrschaft), aber nicht frei für etwas. "Ihr bewundert die entzückende Mannigfaltigkeit, den unerschöpflichen Reichtum der Natur. Ihr verlangt nicht, dass die Rose duften soll wie das Veilchen, aber das Allerreichste, der Geist soll nur auf "eine" Art existieren dürfen?" ("Bemerkungen über die preußische Zensurinstruktion"). Marx schreibt weiter, dass es "die Pflicht des Wahrheitsforschers" ist, "direkt auf die Wahrheit loszugehen, ohne nach links oder rechts zu sehen". In diesem Sinn darf es für den Künstler keine Tabus geben. "In der Kunst ist alles erlaubt!" (Leo Trotzki). Die Aufgabe des Künstlers ist es, allen Bereichen des menschlichen Lebens und der gesellschaftlichen Verhältnisse auf den Grund zu gehen. Im heutigen Popcorn-Kino passiert das Gegenteil.

Der heutige Stand der Technik eröffnet auch den Filmemachern bis zu einem gewissen Grad Möglichkeiten, sich der Umklammerung von Studios und Produzenten zu entziehen. Die Digitalvideo-Kamera senkt die Kosten erheblich. In diesem Jahr haben sich 200 DV-Produktionen (unter anderem auch Spike Lees neuer Film "Bamboozled") mehr bei der Berlinale-Leitung beworben als noch im Jahr 2000 (insgesamt wurden 300 Filme in 800 Vorführungen gezeigt). Auch das Internet kann ein Hilfsmittel sein. Die low-budget-Produktion "Das Blair Witch Project" konnte über seine monatelangen Vorankündigungen im Netz zum Beispiel international auf sich aufmerksam machen.

Aber diese und andere Entwicklungen lösen in 99 Prozent der Fälle nicht die Geldprobleme. Und einem Filmprojekt wie "Land and Freedom" hilft eine DV-Kamera oder das Internet nicht viel.

Der Film in den 90er Jahren

Auf der 51. Berlinale nahmen teure, in Form und Inhalt jedoch armselige Produktionen großen Raum ein. Aber auch die meisten Filme mit einem bescheidenen Etat orientierten sich am Mainstream. Und auch die größte Zahl der Filme, die in Abgrenzung dazu gemacht wurden, greifen weder die brennenden Fragen der Zeit auf noch gehen sie in die Tiefe bei der Behandlung von Fragen des menschlichen Lebens und Denkens. Damit hat die Berlinale nur den Stand des Films zum gegenwärtigen Zeitpunkt widergespiegelt.

Kunst findet nicht im luftleeren Raum statt. Kunst kann nicht isoliert von den Entwicklungen und Ereignissen in Wirtschaft und Gesellschaft betrachtet werden. Mehr als für alle anderen künstlerischen Formen und Richtungen gilt das für den Film. Der Film ist erst vor hundert Jahren entstanden. Die Entwicklung des Films ist eng verbunden mit dem 20. Jahrhundert. Nicht nur in der Arbeiterbewegung wurde das Bewusstsein in den letzten zehn Jahren zurückgeworfen. Die Zweifel an einer Alternative zum Kapitalismus und die Propagandaoffensive der Bourgeoisie hatten auch in Künstlerkreisen ihre Auswirkungen.

Das Film-Geschäft war auch schon vor achzig Jahren ein Geschäft, das unter der Fuchtel des Kapitals stand. Dennoch trugen der Aufschwung der Klassenkämpfe und die erfolgreiche sozialistische Revolution in Russland damals maßgeblich zu einem künstlerischen Aufbruch bei. Das Kleinbürgertum, das unter Künstlern am stärksten vertreten ist, ließ sich von der Arbeiterklasse mitreißen. Ein Auszug aus Sebastian Haffners "Der Verrat" über die Deutsche Revolution 1918/19 wirft ein Licht darauf: "Rainer Maria Rilke zum Beispiel, alles andere als ein Revolutionär, eher ein Snob, schrieb am 7. November nach einer Münchner Revolutionsversammlung an seine Frau: (...) Man kann nicht anders als zugeben, dass die Zeit recht hat, wenn sie große Schritte zu machen sucht." Auch nach dem Oktober 1917 führten revolutionäre Stimmungen wie im Mai 1968 in Frankreich oder vor dem Pinochet-Putsch in Chile 1973 zu Höhenflügen in Kunst und Kultur. Schon Hegel zeigte auf, dass diese Wechselbeziehungen zwischen Kunst und Gesellschaft kein Zufall sind. Für Hegel war es nur möglich, durch das eine das andere ganz verstehen zu können.

Seit Mitte der 90er Jahre waren wir Zeuge von einer ersten Welle verallgemeinerter Kämpfe in Westeuropa gegen die Folgen der neoliberalen Politik, erlebten erste Aufstände und revolutionäre Erhebungen in Teilen von Südostasien und Lateinamerika, die schwer gebeutelt von der Wirtschaftskrise waren, und sahen die Anfänge einer internationalen antikapitalistischen (Jugend-)Bewegung. Trotz dieser Prozesse reicht die gegenwärtige Stufe des Klassenkampfes offensichtlich noch nicht aus, um eine größere Zahl von Regisseuren, Drehbuchautoren, DarstellerInnen oder Kameraleuten zu beflügeln. Es wäre jedoch undialektisch, eine mechanische Wechselbeziehung zwischen den gesellschaftlichen Verhältnissen und der Kunst zu erwarten. Mal werden Filmschaffende Ereignisse im politischen Leben vorwegnehmen, mal wird das Kino den Entwicklungen hinterherhinken.

"Wirklicher Dichter, wirklicher Künstler ist, wer Ideen sieht", schrieb Alexander Woronski, Mitglied der Linken Opposition in der UdSSR, in seinem Werk "Die Kunst als Erkenntnis des Lebens". "Wie die Wissenschaft erkennt auch die Kunst das Leben. Kunst und Wissenschaft haben dasselbe Thema: das Leben, die Wirklichkeit. Aber die Wissenschaft analysiert, die Kunst synthetisiert, die Wissenschaft ist abstrakt, die Kunst konkret; die Wissenschaft wendet sich an den Kopf des Menschen, die Kunst an seine Sinne." Diesem Anspruch wird das Kino heute nicht gerecht. Allerdings gab es auch in den 90er Jahren Ausnahmen, die die Regel bestätigen: unter anderem Abbas Kiarostami aus dem Iran ("Quer durch den Olivenhain" (1)), Hou Hsiao-hsien aus Taiwan ("Eine Stadt der Traurigkeit" (2)), Mike Leigh aus Britannien oder der britische Regisseur Ken Loach für seine Prinzipienfestigkeit, über drei Jahrzehnte hinweg eine sozialistische, antistalinistische Perspektive zu verfolgen. Erwähnenswert sind ebenfalls Filme wie "Vor dem Regen" (3) von Milcho Manchevski aus Mazedonien oder "Der schmale Grat" (4) vom US-Amerikaner Terrence Malick.

Eine neue Richtung eingeschlagen haben auch die Dogma-Filme mit ihrer Absage an Spezialeffekte, Kunstlicht oder Studiokulissen. Solange die Handkamera kein Selbstzweck ist, sondern der Annäherung und Einmischung dient, hat das "Dogma" seine Berechtigung; wie bei "Das Fest" von Thomas Vinterberg. Dazu kommt das Schaffen von Lars von Trier ("Breaking the weaves") trotz seiner exzentrischen Art.

Der Niedergang des osteuropäischen Films im Zuge der Einführung der Marktwirtschaft beweist einmal mehr, dass der Kapitalismus nichts anzubieten hat und dass es auch mit den demokratischen Rechten nicht weit her ist (vor zehn Jahren hatten die Bürgerlichen noch einen großen kulturellen Aufbruch im ehemaligen Ostblock prophezeit). Bis auf wenige Ausnahmen ist nach dem Tod des Polen Kieslowski (der sich weniger durch die Wahl seiner Motive - obwohl er mit "Ein kurzer Film über das Töten" einen Beschluss über die fünfjährige Aussetzung der Todesstrafe erreichte - auszeichnet, als durch seine filmischen Mittel) nicht viel gekommen. Demgegenüber konnten im Konflikt mit dem Stalinismus vor 1989 noch Filme wie die Frühwerke von Andrzej Wajda über die politische Revolution in Polen oder "Tagebuch für meine Lieben" von der ungarischen Regisseurin Marta Meszaros entstehen.

Es springt ins Auge, dass sich gerade in Ländern wie Taiwan und dem Iran in Sachen Film in den 90er Jahren viel getan hat; Länder, die vor 1989 dem Einfluss des US-Imperialismus stark ausgesetzt waren, und in denen es weniger Illusionen in die "neue Weltordnung" gab.

Mehr als in anderen Jahrzehnten überwogen in den letzten zehn Jahren in der Filmwelt VertreterInnen der Mittelklasse. Darum bleibt die Arbeitswelt, darum bleiben die Nöte der arbeitenden Bevölkerung in den meisten Streifen außen vor. Das galt ebenfalls für die diesjährige Berlinale. Auch wenn es Beiträge gab wie den chinesischen "Beijing Bicycle", in dem angelehnt an Vittorio de Sicas "Fahrraddiebe" aus den vierziger Jahren zwei Teenager verzweifelt nach ihrem gestohlenen Fahrrad suchen, das sie für ihren Lebensunterhalt brauchen (der vorherige Film des Regisseurs Wang Xiaoshuai, der die Probleme von zwei Landarbeitern, die in die Stadt ziehen, zum Thema hat, wurde in China nach der Herstellung verboten). Allerdings waren auf der Berlinale nur wenige Filme, die handfeste reale Probleme auf die Leinwand gebracht haben im Sinne von dem iranischen Filmemacher Abbas Kiarostami, der sagte, dass die Poesie ihre "Wurzeln im Leben hat". Es ist bezeichnend, dass gerade der Film "Intimacy" den Goldenen Bären erhielt, der mit dem erklärten Rückzug ins Private am weitesten ging. Dem Film wurde der Vorwurf gemacht (ich selber habe ihn nicht gesehen), so nah an seine Protagonisten heranzugehen, dass soziale Zwänge nicht mehr erkennbar sind und gesellschaftliche Zusammenhänge ausgeklammert bleiben.

Abbau demokratischer Rechte thematisiert

Der Kapitalismus als angeblich beste aller Welten wird inzwischen von einer Reihe von Filmleuten hinterfragt. Da die meisten jedoch bislang keinen Zugang zur Arbeiterklasse gefunden haben, äußert sich das zunehmende Problembewusstsein im Aufgreifen anderer Fragen: Militiarisierung und Kriegsgefahr, Benachteiligung von Schwulen, Lesben, Bi- und Transsexuellen, Immigrantenschicksale, "Reality TV" oder Frauenunterdrückung waren zentrale Themen auf der Berlinale.

Ein Film, der das Schicksal von ImmigrantInnen thematisierte, war "My Sweet Home", der einzige deutsche Wettbewerbs-Beitrag von dem griechischen Regisseur Filippos Tsitos. "My Sweet Home" nimmt einen Polterabend vor der Hochzeit zwischen einem Amerikaner und einer Deutschen in der Kneipe "Globus" zum Aufhänger, die Lage von Nordafrikanern, Osteuropäern, Asiaten und anderen in Berlin zu hinterfragen. Leider kann sich der Film zwischen Komödie und Tragödie nicht entscheiden. Auf der einen Seite greift er große Fragen (Bleiberecht, soziale Sicherheit, Mauerfall in Berlin) auf, auf der anderen Seite flüchtet er sich im Verlauf des Films in Banalitäten, offensichtlich weil er keinen Antworten auf die gestellten Fragen geben kann.

In mehreren Beiträgen wurde die Geldmacherei im Fernsehen und die neuen Dimensionen mit dem Reality-TV problematisiert. In "Series 7" aus den USA steht eine im achten Monat schwangere Frau im Mittelpunkt, die als aktuelle Titelverteidigerin einer US-Fernsehshow mit einer Pistole ausgestattet vor laufender Kamera ihre Konkurrenten jagen - und töten - muss.

In "Bamboozled", dem neuen Film von Spike Lee, will ein schwarzafrikanischer Produzent und Autor die Kündigung in seinem Fernsehsender provozieren. Für den Sender entwickelt er eine Neuauflage der Minstrel-Shows aus der Zeit des Vaudevilles - in diesem Fall sind es allerdings nicht Weiße, die sich schwarz schminken, sondern Schwarze. Die Provokation führt nicht zu seiner Entlassung, sondern zu hohen Einschaltquoten. Der Filmtitel ist einem Ausspruch von Malcolm X entnommen, dessen Ideen sich Spike Lee nach eigener Aussage verpflichtet sieht. Allerdings übernimmt er die Position, die Malcolm X vertrat, bevor er mit dem "Nation of Islam" gebrochen hatte. Lee kommt nicht zu den selben Schlussfolgerungen wie Malcolm X, der verstand, dass der Kampf gegen Rassismus mit dem Kampf gegen das kapitalistische System verbunden werden muss. Spike Lee setzt dagegen darauf, mehr Schwarze in führende Positionen in Staat und Gesellschaft zu bringen. Ein Blick nach Südafrika genügt, wo der ANC inzwischen die Hauptpartei der Bourgeoisie geworden ist, um die politische Schwäche seines Ansatzes klar zu machen.

Ein weiterer Film zur aktuellen Fernsehpolitik war auf der Berlinale der britische "Gaea Girls". Dieser Streifen ist nicht Fiktion, sondern Dokumentation. Thema ist das Frauen-Catchen in Japan und ihre Vermarktung in den Medien sowie das Schicksal der Frauen.

Die meisten Filme, die sich mit diesem Komplex befassen (darunter auch "Magnolia", der letztjährige Berlinale-Preisträger), hinterfragen leider nicht die Bedürfnisse der Fernsehzuschauer. Sensationslust und das Interesse an immer mehr Sex und Gewalt im TV wird als gegeben genommen. Dem ist jedoch nicht so. Es wird beim Reality-TV keine Nachfrage befriedigt, sondern künstlich geschaffen. Einschaltquoten und Umfragen in der BRD beweisen darüber hinaus, dass sich die Zuschauer mittlerweile verstärkt davon abwenden: "Girlscamp" floppt auf Sat 1; die RTL 2-Serie "to club" wurde vorzeitig eingestellt und die nächste "Big Brother"-Staffel vom Herbst in das Jahr 2002 verschoben. Laut Emnid-Umfrage können 87 Prozent der Fernsehzuschauer auf weitere Container-Soaps gut verzichten" (Tagesspiegel vom 4.3.01).

In Filmen wie dem Wettbewerbsbeitrag "A ma soeur" (Frankreich/ Italien) wird aus Sicht von Frauen die Erfahrung mit Liebe und Sex dargestellt und aufgezeigt, dass Mädchen und Frauen in Beziehungen oft zu Objekten degradiert werden. Im offiziellen Programmheft der Berlinale heißt es, dass das Regiedebüt der Regisseurin Catherine Breillat "Une vraie jeune fille" jetzt erst "mit fast einem Vierteljahrhundert Verspätung uraufgeführt wurde", weil es "den Argwohn der Zensoren" erregte.

Inzwischen wird nicht nur die Benachteiligung und Unterdrückung der Frau häufiger auf die Leinwand gebracht, der Einfluss der Frauen im Kino nimmt quantitativ und qualitativ zu. Im übrigen ist der neue Dogma-Film "Italienisch für Anfänger" der erste, der von einer Regiesseurin (Lone Scherfig) gedreht wurde. Bei "Wit", in dem Emma Thompson eine krebskranke Literaturwissenschaftlerin spielt, die erfahren muss, dass ihr alle Bildung nicht reicht, um mit der tödlichen Krankheit fertig zu werden, stammt die Buchvorlage von Margret Edson, die mit ihrem Theaterstück als Grundschullehrerin und Hobby-Dramatikerin den Pulitzerpreis gewinnen konnte. Überwiegend kommt die Einmischung in der männlich dominierten Filmszene von Frauen aus der Mittelklasse, die in den meisten Fällen auch die Situation von Frauen aus ihrer Klasse behandeln, und die Lage von Arbeiterinnen und Frauen in Arbeiterfamilien selten beleuchten.

Kriegsfilme auf der Berlinale

Wie wir als MarxistInnen vorausgesagt hatten, läutete das Ende des "Kalten Krieges" keine Ära des Weltfriedens ein, sondern führte zu einer Zunahme an "heißen" militärischen Konflikten. Während der US-Imperialismus zum Beispiel in der so genannten Nachkriegszeit in vierzig Jahren zehn größere militärische Interventionen durchführte, zog er allein im letzten Jahrezehnt die dreifache Zahl durch. Die Zunahme von Kriegen und Bürgerkriegen trug zu einer verstärkten Behandlung dieser Fragen im Kino bei. Bei dem Wettbewerbsbeitrag aus Südkorea, "J.S.A. (Joint Security Area)", wird die Fortsetzung des Konfliktes zwischen Nord- und Südkorea trotz Wegfall des Ost-West-Gegensatzes im Weltmaßstab aufgegriffen. Ausgangspunkt dieser Geschichte ist ein Todesfall in einem "befriedeten Dorf" innerhalb der entmilitarisierten Zone. Das Militär beider Lager liefert sich widersprechende Versionen. Bei den Ermittlungen kommt eine Schweizer Offizierin zu der Feststellung, dass nicht die Feindschaft sondern die Freundschaft von Grenzsoldaten auf beiden Seiten dem tödlichen Ereignis vorausging. Gezeigt werden zwei südkoreanischen Soldaten, die sich mit zwei Grenzwächtern von Nordkorea verbrüdern, ohne Wissen und gegen den Willen der Vorgesetzten und den USA. Zur Eskalation kommt es erst, als ein heimliches Treffen der Grenzsoldaten auffliegt. Bemerkenswert ist der unterhaltsame, aber sehr konventionell gemachte Film vor allem, weil er dem "Feind" ein Gesicht gibt. In Südkorea ist "J.S.T." ein Kassenschlager. Südkoreanische Armeeveteranen sehen das jedoch anders, und demolierten aus Protest gegen den Streifen das Büro der Filmfirma.

Während im Ersten Weltkrieg neunzig Prozent der Opfer Soldaten und zehn Prozent ZivilistInnen waren, sind heute über achzig Prozent der Opfer Zivilbevölkerung. Das ist ein Thema der Berlinale-Filme aus Vietnam gewesen. Auf der Berlinale wurde Vietnam eine eigene Reihe gewidmet. Obwohl der Krieg des US-Imperialismus gegen die vietnamesische Revolution ein Vierteljahrhundert zurückliegt war der Krieg das zentrale Thema der aufgeführten Filme und zeigt, in welchem Maß der Krieg und seine Folgen bis heute präsent sind (aufgrund des Geldmangels wird übrigens bei den Dreharbeiten zu allen Filmen echte Munition eingesetzt).

Es ist kein Zufall, dass auch in den führenden kapitalistischen Staaten vermehrt Kriegsfilme hergestellt werden. In den 90er Jahren ist es zu keiner Abrüstung, sondern nur zu einer Umrüstung gekommen. Es gab zwar eine quantitative Abrüstung in dem Sinn, dass die Armeeeinheiten reduziert wurden, demgegenüber aber eine qualitative Aufrüstung. Um die Akzeptanz dafür zu fördern, müssen Filme her, die die Notwendigkeit der Aufrechterhaltung von Rüstung und Militär suggerieren. Die US-amerikanischen Filmmogule bemühen hier bevorzugt den Zweiten Weltkrieg. Nach dem "Soldat James Ryan" von Spielberg kommt mit "Pearl Harbour" im Sommer ein neues Großprojekt in die Kinos.

Pünktlich zur Schaffung des neuen Rüstungs-Riesen EADS auf EU-Ebene und der Bildung eines 60.000 Mann starken EU-Korps wurde auf der Berlinale die bislang teuerste europäische Produktion, der Stalingrad-Film, "Duell - Enemy at the gates", vorgestellt (allerdings mit starken US-Einflüssen und einer Reihe von Hollywood-Schauspielern wie Jude Law). Bei Stalingrad wurden im Zweiten Weltkrieg von Krupp, Tyssen und Hitler eine Million Soldaten verheizt. Auch auf sowjetischer Seite kamen eine Million Menschen um. Davon im ganzen Film keine Spur. Die Schlacht wird auf das Duell eines sowjetischen und eines deutschen Scharfschützen reduziert. Der durch und durch patriotische "Soldat James Ryan" (der Film beginnt und endet mit dem Ablichten der US-Nationalfahne) hatte nichtsdestotrotz eine authentische erste Viertelstunde, in der die Willkür des Krieges und die Ohnmacht des einzelnen Soldaten gezeigt wird. Wie im Rest von Spielbergs "Soldat James Ryan" erweckt der ganze "Duell"-Film den Eindruck, dass einzelne Individuen über den Verlauf eines Krieges entscheiden. Die Geldgeber wirkten übrigens auch darauf ein, dass das Ende des Films geändert wurde. Mit dem Verweis auf die anstehende Rezession und der These, dass die Zuschauer deshalb erst recht ein Happy-End sehen möchten, erreichten sie, dass neben russischen Scharfschützen Jude Law auch seine "große Liebe" Rachel Weisz im Film überlebt.

Deutschland-Premiere hatte auf den Berliner Film-Festspielen auch der neue Kevin Costner-Streifen "Thirteen Days" über die Kuba-Krise 1962. Der Film zielt bewusst oder unbewusst darauf ab, mit Hilfe des "Schreckgespenstes" UdSSR heutige Rüstungsvorhaben (aktuell das 150 Milliarden Dollar teure Raketenabwehrsystem NMD) zu rechtfertigen (auch Clinton hatte die NMD-Pläne schon in der Schublade, Bush forciert dieses Vorhaben nur). Was das Big Business und ihre Regierungsvertreter damals umtrieb, war nicht ausschließlich der Aufbau von sowjetischen Abschussrampen für Atomraketen auf Kuba, sondern vor allem auch die kubanische Revolution von 1959 und ihre enorme Ausstrahlungskraft im "Hinterhof" der USA. "Thirteen Days" unterstützt darüber hinaus die Legendenbildung um den angeblich friedliebenden Präsidenten Kennedy (unter dem zum Beispiel auch die Vorbereitungen für den Vietnamkrieg getroffen worden waren).

Im Vorspann von "Thirteen Days" werden Atompilze ästhetisch ins Bild gesetzt. Anders als bei Stanley Kubricks Satire "Dr. Seltsam oder wie ich lernte, die Bombe zu lieben", in dem diese Bilder als Warnung gezeigt werden, wird die Gefahr des atomaren Holocaust offensichtlich unüberlegt als Leinwandeffekt verwertet. Mit "B 52" (Deutschland/ USA) wurde auf der Berlinale dem US-Langstreckenbomber, der in Hiroshima und Nagasaki, im Vietnamkrieg, beim Golfkrieg und auf dem Balkan zum Einsatz kam, ein ganzer Dokumentarfilm von 122 Minuten Länge gewidmet, dessen Regisseur Hartmut Bitomsky in Interviews kein kritisches Wort über Rüstungspolitik und Kriegsgefahr verlor. Am Schluss von "B 52" kommt ein US-Künstler zu Wort der davon schwadroniert, dass die Wahl zwischen vierzig verschiedenen Cornflakes-Sorten letztendlich der "Gewalt" zu verdanken sei.

Die schwul-lesbische Filmreihe

Der schwul-lesbische Film besteht nach wie vor fast ausschließlich aus low-budget-Produktionen. Schwule, Lesben oder Bisexuelle kommen in 90 Prozent der Studioproduktionen nicht vor; zumindest kann man die Zahl der Großproduktionen im letzten Jahr an den Fingern einer Hand abzählen, in denen die Hauptfiguren oder "Helden" homo- oder bisexuell sind. Ein neuer Trend ist allerdings, dass eine größere Zahl von Prominenten in schwul-lesbischen Filmen mitwirkt. So war auf der Berlinale beispielsweise "Julie Johnson" (USA) mit der großartigen Lily Taylor und der ungemein präsenten Courtney Love zu sehen. Lily Taylor spielt eine Hausfrau in New Jersey, die nach einem Nervenzusammenbruch ihren Macho-Mann aus dem Haus wirft, sich allein um die Kinder kümmert, einen Computerkurs belegt und ihrem Steckenpferd Astronomie nachgeht, und sich in ihre beste Freundin, gespielt von Courtney Love, verliebt. Lily Taylor oder Julie Johnson muss dann die Erfahrung machen, wie tief rückständige Vorurteile der bürgerlichen Gesellschaft nicht nur in der Nachbarschaft, sondern auch im Freundeskreis verankert sind. Sie muss die Erfahrung machen, dass alle Schritte in Richtung Selbstverwirklichung und individuellem Ausweg unter den bestehenden Verhältnissen Grenzen haben.

Ein extrem irritierender Film war der kanadische Beitrag "Lost and Delirious" von Lea Pool. Zentrum des Films ist ein stockkonservatives Mädcheninternat. Der Film behandelt Freundschaft und Liebe der Schülerinnen Paulie und Tony. Als ihre Liebe zufällig "entdeckt" wird, kommt es zur Entladung reaktionärer Denkens- und Verhaltensweisen seitens der Elternschaft, des Lehrerkollegiums und der Mitschülerinnen. Dann zeigt der Film, wie die beiden Schülerinnen damit klar kommen, beziehungsweise nicht klar kommen. Irritierend ist der Film deshalb, weil er beginnt wie ein konventioneller Teenagerstreifen mit allen Klischees. Darum berührt der Film einen ganz anders, wenn es in dieser "heilen Welt", wie sie in den TV-Vorabendserien regelmäßig vorgegaugelt wird, zu einem Konflikt kommt, der in gewöhnlichen soap-operas nicht denkbar wäre. Eine Schlüsselszene ist der Literatur-Unterricht, in der die Lehrerin zwar das größte Verständnis der Schülerin Paulie gespielt von der hervorragenden Piper Perabo für die Liebe von Lady Macbeth anerkennt, nicht aber ihre eigenen Gefühle der Liebe. Während der Film zunächst die gesellschaftlichen Verhältnisse angreift, stellt er gegen Ende individuelles Verhalten in den Vordergrund: Paulie, die einen Falken gepflegt hatte, kann sich am Schluss von dem Falken genauso wenig trennen wie von Tony und stürzt dem Falken, den sie vom Schulhausdach nach der Genesung frei lässt, hinterher - in die Tiefe.

Bei der Wahl des Publikumspreises, an der sich mehr als 10.000 Zuschauer beteiligten, kamen die Filme "Southern Comfort" und "Sa tree lex" auf die Plätze 2 und 3. "Southern Comfort" ist die Dokumentation über das letzte Lebensjahr des an Gebärmutterkrebs erkrankten Transsexuellen Robert, der sich in die ebenfalls Transsexuelle Lola verliebt. Sein letzter Wunsch ist die Teilnahme an der "Southern Comfort Conference", einer Konferenz von Transsexuellen in Atlanta. In "Sa tree lex" gewinnt eine überwiegend aus Transsexuellen, Transvestiten und Homosexuellen bestehende Volleyballmannschaft die thailändische Meisterschaft. Eine Begebenheit, die 1996 real stattgefunden hat; im Film sind auch viele Originalszenen zu sehen.

Deutsche Beiträge bei den Filmfestspielen

Mehr als die anderen Filmfabriken in Europa krankt der deutsche Film an einem fehlenden Realismus. Berlin-Babelsberg und München liegen zwar nicht in Kalifornien, dennoch versucht der deutsche Film Hollywood zu kopieren. Mangels vergleichbarer Mittel und Gelder ist das Ergebnis nur ein schwacher Abklatsch. "Seit zehn Jahren haben wir die Berliner Republik, das Leben ändert sich täglich - aber der Film erzählt nichts davon. Das Kino ist nicht mehr der Ort, wo die eigene Gesellschaft befragt wird." Man muss "von diesem Münchner Unsinn wieder wegkommen, von diesen Rucola-Salat-Wohnungen und diesen Berufen, die die Figuren haben, wo nichts der Wirklichkeit entspricht. Wo unsere Patchwork-Biografien, die Migrationsgeschichten überhaupt nicht stattfinden" (Christian Petzold, Regisseur von "Die innere Sicherheit" im Filmdienst 3/01).

Allerdings erhielt ein deutscher Beitrag den Publikumspreis auf der Berlinale: "Berlin is in Germany" von Hannes Stöhr. Die Geschichte beginnt vielversprechend: Noch vor dem Fall der Mauer in Ost-Berlin eingeknastet, wird der stark beeindruckende Jörg Schütthauf als Martin Schulz elf Jahre später entlassen, bekommt sein DDR-Geld, seinen DDR-Personalausweis, seine Fahrerlaubnis zurück und steht Berlin im Jahr 2000 gegenüber wie jemand vom anderen Stern. Leider beschränkt sich der Film auf eine Aneinanderreihung komischer Szenen (zum Beispiel die Vorbereitung auf den Taxi-Führerschein für einen, der weder West-Berlin kennt noch mit den haufenweisen Straßenumbennungen im Osten der Stadt vertraut ist). Auf der großen Leinwand wirkt der Film merkwürdig, weil er größtenteils vom Fernsehen finanziert wurde und von den Bildern und Bildausschnitten her fürs Fernsehen gedacht ist. Die finanzielle Abhängigkeit und die Auflagen von den Fernsehstudios sind nicht selten ein Problem für Projekte ohne Riesenbudget oder Filme von Nachwuchsregisseuren.

Im Forum wurde der dritte Teil einer Trilogie von Thomas Arslan ("Geschwister" und "Dealer") gezeigt: "Der schöne Tag". Neben Bilge Bingül ("Die innere Sicherheit") spielt Serpil Turhan die Hauptrolle als eine junge Schauspielerin in Berlin. Der Film zeigt einen Tag in ihrem Leben: Die Trennung von ihrem Freund, die Arbeit beim Synchronsprechen, einen Besuch bei ihrer türkischen Mutter, ein Casting, eine U-Bahn-Bekanntschaft... Der Film zeigt vor allem den Alltag einer 21-Jährigen ohne viel Geld und Einfluss und alles das, was in Mainstream-Produktionen herausgeschnitten würde. Erfrischend ist "Der schöne Tag" durch seine Unaufgeregtheit, in bewusster Abgrenzung zu den lauten Videoclip-Manierismen.

Wieland Speck, Leiter der Panorama-Reihe auf der Berlinale, stellte in diesem Jahr auch einen eigenen Film vor, "Flucht ins Leben", den er mit Andrea Weiß zusammen gemacht hat. "Flucht ins Leben" ist ein Dokumentarfilm über Leben und Werk der Geschwister Klaus und Erika Mann, Kinder von Thomas Mann. Die englischen Synchronstimmen sind übrigens von den Geschwistern Corin und Vanessa Redgrave. Erika Mann engagierte sich vor Hitlers Machtergreifung mit dem von ihr initiierten Kabarett "Die Pfeffermühle", mit der sie nach 1933 in anderen europäischen Ländern und in den USA auftrat. Von Klaus Mann stammen unter anderem die Werke "Mephisto" über Gustaf Gründgens' Opportunismus gegenüber den Nazis und die Autobiografie "Der Wendepunkt". Der Film gibt eine Vorstellung davon, wie sich das Kleinbürgertum, ohne eigene Perspektive, an der Arbeiterklasse oder der Bourgeoisie orientiert. 1934 besuchte Klaus Mann Moskau, um beeinflusst von der Arbeiterbewegung dem internationalen Schriftstellerkongress beizuwohnen. In seinem Tagebuch fällt Mann ein vernichtendes Urteil über die Lage der arbeitenden Bevölkerung unter Stalin. Abgestoßen vom Stalinismus, aber ohne Verständnis für dessen Ursachen und ohne Vorstellung von einer unverfälschten sozialistischen Alternative, verlor Klaus Mann jede Perspektive. Die Verlogenheit der deutschen Bourgeoisie, die in den Jahren nach 1945 sein Buch "Mephisto" über den Aufstieg des Faschismus und der Kritik gegenüber seinen Steigbügelhaltern nicht drucken ließ, gab Mann den Rest und ließ ihn den Freitod wählen.

Das alles wird in "Flucht ins Leben" leider nur angedeutet. Klaus Manns Auseinandersetzung mit der Kommunistischen Internationale unter Stalin und sein Besuch in Moskau wird im Film ausgeklammert. Nach der Vorführung begründete Andrea Weiß dies lediglich mit Platzproblemen. Wieland Speck und Andrea Weiß wollen letztendlich zuviel und erreichen zu wenig. Sie wollen die künstlerische, politische und persönliche Entwicklung von Erika und Klaus Mann über drei Jahrzehnte in weniger als zwei Stunden darstellen, und scheitern dabei, auch nur einen Aspekt zu vertiefen.

Ein Film über Eisenstein

Der Spielfilm "Eisenstein" von Renny Barlett (Kanada) hat die Lebensgeschichte des russischen Filmemachers Sergej Eisenstein (1898 - 1948) zum Thema.

Eisenstein brachte nicht nur die russischen Revolutionen von 1905 und 1917 auf die Leinwand, sondern revolutionierte auch den Film selbst in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg. In seinen Stummfilmen machte er Schluss mit dem individuellen Helden. Die "Helden" seiner ersten Filme waren die unterdrückten Arbeiter- und Bauernmassen im zaristischen Russland. Er verabschiedete sich von der einfallslosen Aneinanderreihung einzelner Szenen und setzte auf die Montage. Durch den "unvermittelten Zusammenprall der Bilder" wollte Eisenstein beim Zuschauer "Ideen auslösen und Einsichten bewirken". In seinem Erstlingswerk "Streik" von 1924 schnitt er in die Darstellung eines berittenen Polizeieinsatzes gegen streikende ArbeiterInnen Bilder aus einem Schlachthof. Mit "Panzerkreuzer Potemkin" zum 20. Jahrestag der russischen Revolution von 1905 gelang ihm eines der "dynamischsten" Werke der Filmgeschichte. Die "Kinderwagenszene" ist ein Meisterstück der Dialektik: Nach dem Matrosenaufstand von Odessa stellt er im Filmschnitt auf der Freitreppe der Hafenstadt den Vormarsch der Kosaken eine Mutter mit einem Kinderwagen gegenüber. Aus der Kamera des "letzten Mannes" macht Eisenstein die "entfesselte" Kamera. Der Film war damals übrigens weltweit ein Riesenerfolg. In Berlin waren über ein halbes Jahr alle vier Vorstellungen am Tag ausverkauft. Unter Stalin in den dreißiger Jahren wurden diese Montage-Techniken im Zeichen des "sozialistischen Realismus" als "formalistisch" verurteilt.

Der Film "Eisenstein" beginnt mit seiner Arbeit beim Proletkult-Theater in Moskau als Regisseur und Bühnenbildner. Bei den Dreharbeiten zu "Oktober" zum zehnten Jahrestag der Revolution von 1917 erfährt Eisenstein die Bürokratisierung. Alle Szenen mit Trotzki, neben Lenin Führer der Oktoberrevolution und zentrale Figur beim Aufbau der Roten Armee, der im Drehbuch und in der Rohfassung von "Oktober" einen herausragenden Platz einnimmt, müssen vor der Aufführung des Films von Eisenstein herausgeschnitten werden. Der Spielfilm "Eisenstein" zeigt auch, wie er kurz darauf erleben muss, wie einer seiner besten Freunde die Arbeit im Betrieb verliert, weil er die "Permanente Revolution" verteidigte.

Von 1929 bis 1932 war Eisenstein im Ausland und begann in Mexiko mit den Dreharbeiten zu "Que viva Mexico!", den er jedoch nie fertig stellen konnte. Unter den Repressalien der stalinistischen Diktatur flüchtete sich Eisenstein in die Dreharbeiten zu "Iwan der Schreckliche", und "traf" sich mit Stalin beim ersten Monarchen, der sich den Beinamen Zaren gab. Für Eisenstein war das unverfänglicher als ein Film über das 20. Jahrhundert. Für Stalin war das begrüßenswert, weil er sich die glorifizierende Darstellung eines Machthabers erwünschte, um seine Politik der Säuberungen, so unvorstellbar das klingen mag, zu rechtfertigen. Bei Eisenstein stand nicht mehr die Masse im Zentrum des Films, sondern eine überragende Einzel-Persönlichkeit; an die Stelle der "Kollisionsmontage" trat der Expressionismus im Schauspiel. Im zweiten Teil schilderte Eisenstein, wie Iwan der Schreckliche seine Gegenspieler mit blutigem Terror bekämpft. Im September 1946 verurteilte eine Resolution des Zentralkomitees öffentlich den zweiten Teil. Eisenstein leistete "Selbstkritik" und erklärte seinen eigenen Film für "wertlos und sogar gefährlich im ideologischen Sinn". Danach kam Eisenstein mit Stalin überein, den Film zu überarbeiten und in einem dritten Teil Iwan den Schrecklichen wieder als Kriegshelden zu zeigen. Diese Pläne machte Eisensteins Tod im Februar 1948 zunichte. Dieses bewegte Leben versucht der Spielfilm nachzuzeichnen. Allerdings bleibt bei diesem Vorhaben eine wirkliche Annäherung an das künstlerische Werk von Eisenstein auf der Strecke. Auch die Person Eisenstein lässt sich nur erahnen. Die vielen Kompromisse, die Eisenstein mit dem Stalinismus schloss, werden ein Stück weit in der Darstellung von Simon McBurney als Spielereien eines Schelms abgetan. Der Film zeigt, wie Eisenstein trotz seiner Homosexualität 1934 heiratete. Unerwähnt bleibt hier jedoch, dass zu diesem Zeitpunkt ein Gesetz verabschiedet wurde, der nicht nur homosexuelle Handlungen, sondern bereits homosexuelle Neigungen strafbar machte. Während des Hitler-Stalin-Paktes führte Eisenstein eine Wagner-Oper auf. An diesen und anderen Stellen kommt die kritische Darstellung von Eisensteins opportunistischen Zügen zu kurz. Die Opposition gegen Stalin seitens der Trotzkisten und anderer und der Kampf um einen anderen Kurs in der Sowjetunion wird nur oberflächlich gestreift. Dennoch lohnt es sich trotz aller Mängel den Film zu sehen, falls er in die deutschen Kinos kommen sollte.

Der Film "Eisenstein" erinnert in jedem Fall daran, dass eine erfolgreiche revolutionäre Massenbewegung möglich ist und gibt eine Ahnung davon, in welchem Maß die kommenden Kämpfe von ArbeiterInnen und Jugendlichen ihren Niederschlag nicht zuletzt in Kunst und Kultur finden können - und werden.

Aron Amm, Berlin, 7. März 2001

  1. "Quer durch den Olivenhain" (Iran, 1994) erzählt eine Liebesgeschichte vor dem Hintergrund von Filmarbeiten in einer durch ein Erdbeben kürzlich zerstörten Ortschaft. Während sich die BewohnerInnen als Laiendarsteller aus der Region mit eigenen Ansichten in die Dreharbeiten einschalten, setzen sie sich damit auseinander, dass nicht nur ihre Häuser, sondern auch ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen "ruiniert" sind. Ein Bauarbeiter, der jahrelang Häuser für andere errichtete, wird ein Heiratsantrag ausgeschlagen, weil er selber kein eigenes Dach über dem Kopf hat. An einer Stelle erklärt er sinngemäß gegenüber dem Filmemacher im Film: "Ich bin dafür, dass Reiche Arme heiraten, Gebildete Ungebildete und diejenigen ohne Haus jemanden mit Haus. Warum sollen Leute mit Haus jemand anderes mit Haus heiraten? Man kann doch nicht mit dem Kopf in einem Haus und mit den Füßen in einem anderen Haus aufwachen?"
  2. "Eine Stadt der Traurigkeit" (Taiwan, 1989) ist eine Stadt in Taiwan, im Zeitraum 1945 bis 1950: Anhand einer Familie werden die Erschütterungen für die arbeitenden Menschen durch das Ende der japanischen Herrschaft, der chinesischen Revolution und dem Rückzug der Truppen von Kiang Kai-Tschek nach Taiwan geschildert. Die sich überschlagenden Ereignisse werden immer wieder unterbrochen durch lange Stativaufnahmen, in denen auf vielfältige Weise die dramatischen Erlebnisse verarbeitet werden. Das Wechselverhältnis zwischen welthistorischen Entwicklungen und persönlichen Schicksalen wird in einer "perfekte Balance zwischen dem Inneren und dem Äußeren" dargestellt (wie es Andre Breton, der 1938 mit Trotzki zusammen das Manifest für eine unabhängige revolutionäre Kunst verfasste, forderte).
  3. "Vor dem Regen" (GB/ Jugoslawien, 1996) stellt drei ineinander verwobene (Liebes-)Geschichten zwischen London und den Kriegen in Jugoslawien in den 90er Jahren dar, deren Zusammenhänge erst in den letzten Sequenzen klar werden. Über die Verwicklung persönlicher Einzelschicksale werden Ursachen und Auswirkungen des Krieges über den Balkan hinaus aufgezeigt.
  4. "Der schmale Grat" (USA, 1999) zeigt GIs im Zweiten Weltkrieg bei der Eroberung einer von japanischer Seite besetzten Insel im Südpazifik. Der Film zeigt viel mehr als nur die militärische Auseinandersetzung. Er geht auf die Inselbevölkerung ein, auf die japanischen Gefangenen und auf die Gedanken und Gefühle der US-Soldaten. Leider wirkt "Der schmale Grat" etwas "verkopft", weil er zuviele Gedanken bringt, die er nicht alle vertieft und in Bildern ausdrücken kann.
  5. Terrence Malick hat fast zwanzig Jahre keinen Film gemacht, sondern um die Verwirklichung von diesem Projekt gekämpft. Er konnte dafür Schauspieler wie Sean Penn, Nick Nolte und Jim Caviezel gewinnen. Der "Soldat James Ryan", der im gleichen Jahr ins Kino kam, und wie eine Auftragsarbeit aus Washington D.C. erscheint, bekam fast ein Dutzend Oscars, während ein Film wie "Der schmale Grat" gänzlich leer ausging.

Aron, 6.3.2001

 
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