CWI - Committee for a Workers' International
KAI - Komitee für eine Arbeiterinternationale

Eine Krise des globalen Kapitalismus
Stellungnahme zur Weltwirtschaft

Inhaltsverzeichnis:

Ein Wendepunkt
Eine Krise braute sich zusammen
"Ein ernster Schock"
Balancieren auf der Kante
Die Gefahr der Deflation
Unter dem Hammer des US-Imperialismus und des IWF
Das angebliche Wunder in Mexiko
Der Westen rutscht in die Rezession
Europa in der Krise
Zurück zum Sozialismus und Marxismus

 

"Stellen Sie sich das große Bild vor: ein Ostasien mit fallenden Währungen und zahlungsunfähigen Banken; wachsende Arbeitslosigkeit in Lateinamerikas größter Wirtschaft (Brasilien) und fallende Reallöhne in der ganzen Region; Stagnation und Arbeitslosigkeit in Europa; eine schnell näherrückende Grenze für die Fähigkeit der US-Konsumenten, mehr Kredite aufzunehmen. Wenn sich die globale Wirtschaft verlangsamt, wächst die soziale Unruhe. Diese globale ... Schrumpfung könnte zu einem Deflationszyklus führen."

Robert Reich, ehemaliger US-Arbeitsminister in der britischen Financial Times vom 15. Januar 1998

 

Ein Wendepunkt

Das gerade stattfindende Finanzchaos und die finanzelle Kernschmelze in Ostasien haben die Perspektiven bestätigt, die vom CWI beim letzten Treffen seines Internationalen Exekutivkomitees im November 1997 aufgestellt worden sind, daß sich der Weltkapitalismus in einen neuen, gleichzeitigen Abschwung hineinbewegt. Das ist ein Wendepunkt in der nachstalinistischen Periode.

Die Krise in Asien wurde im Juli letzten Jahres akut, als Thailand, nachdem es 25 Milliarden Dollar in einer verzweifelten Anstrengung zur Stützung des Wertes des Baht [thailändische Landeswährung] ausgegegeben hatte, zur Abwertung gezwungen war und den IWF um Unterstützung bat. Aber das ist nicht einfach eine "asiatische Krise"; es ist eine Krise des globalen Kapitalismus, die wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Instabilität auf der ganzen Welt verursachen wird.

Die Krise ist nicht auf Finanzen und Banken beschränkt, sondern betrifft auch das, was gewöhnlich "reale Wirtschaft" genannt wird. Es sind nicht nur Banken und Finanzinstitutionen oder Investment- und Pensionsfonds, die auf den Finanzmärkten aktiv sind; die großen Konzerne - die Multis - spielen auch aktiv in der globalen "Kasino"wirtschaft mit.

Der Zusammenbruch in Ostasien und seine Folgen haben die Illusionen erschüttert, die in die sogenannten "aufstrebenden Märkte" [auch Schwellenländer genannt] erzeugt wurden, und versetzt der Bourgeoisie einen politischen und ideologischen Schlag. Diese Volkswirtschaften wurden als Modell des Kapitalismus hochgehalten, aber was ist jetzt von diesem Modell übrig?

Die letzte Erholung (von 1991) war die schwächste Erholung des Weltkapitalismus seit 1945 und in Europa war sie eine Erholung ohne Arbeitsplätze. Der Weltkapitalismus steuert auf eine neue Rezession zu und ist in einer verletzlicheren und zerbrechlicheren Lage als vorher.

Ostasien und Japan werden dieses Jahr kaum irgendein Wachstum erleben. Indonesien, Thailand und Südkorea werden einen absoluten Fall der Produktion erleben. Millionen von ostasiatischen ArbeiterInnen sind schon arbeitslos geworden. In Südkorea allein könnten dieses Jahr eine Million Arbeitsplätze verlorengehen - zwölf Prozent des Arbeitskräftepotentials - in einem Land, das kein soziales Sicherheitssystem hat. Bei einer Demonstration in Südkorea stand auf einem Plakat: "IMF = I'm fired" (IWF = Ich bin gefeuert).

Die jüngsten Zahlen, die bekanntgegeben wurden, besagen, daß sieben Millionen Arbeitsplätze in diesem Jahr in der Region vernichtet werden. Die Arbeitslosen werden direkt in die Armut zurückgestoßen. In Indonesien allein kann die Zahl der als arm eingestuften Menschen von 24 Millionen auf 42 Millionen anschwellen - eineR von fünf IndonesierInnen. "Ostasien steuert auf 'eine soziale Katastrophe' zu", warnte ein Sprecher der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) in Bangkok. Die bestehende politische Ordnung der Region kann die gegenwärtige Krise nicht überleben; sie wird völlig umgestülpt werden.

In den letzten paar Monaten hat die Welt eine allgemeine Verlangsamung der Wachstumsraten erlebt, eine schrumpfende Nachfrage, Produktionskürzungen, Massenentlassungen und einen verschärften Wettbewerb auf den Weltmärkten. Das Finanzsystem balanciert unsicher auf einem Drahtseil. Das Schrumpfen des Kreditvolumens verursacht eine Welle von Bankrotten in ganz Ostasien.

Daneben ist das gegenwärtige finanzielle Durcheinander "vielleicht die ernsthafteste Krise seit dem Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems in den frühen 70er Jahren. Seine Auswirkungen sind global und viel ernsthafter als die der Finanzkrisen, die wir in den letzten 15 bis 20 Jahren gesehen haben" sagt Yilmaz Akyuz von der UN-Konferenz für Handel und Entwicklung im Wall Street Journal, vom 19. Januar. Im selben Interview betont er, daß die Krise "selbstverständlich ernsthafter" ist als die 'Peso-Krise' in Mexiko 1994-95 und die lateinamerikanische Krise Anfang der 80er Jahre, "weil wir eine viel größere finanzielle Integration haben. Und diese (asiatischen) Länder haben einen viel größeren Anteil an der Weltwirtschaft in bezug auf Handel und Produktion."

Am Ende von 1997 waren die verschuldeten Wirtschaften der Region am Rande der Zahlungsunfähigkeit. Der Umfang der kurzfristigen Kredite, die nicht zurückgezahlt werden konnten - im Fall Südkorea 65 Milliarden Dollar - zwang den IWF zum Eingreifen. Ein Teil des sogenannten Rettungspaketes des IWF war, sicherzustellen, daß zumindest ein Teil des Geldes seinen Weg zurück in die westlichen Banken und Fonds finden würde. Der IWF handelte im Interesse des westlichen Imperialismus. Seine Aktionen erdrosselten diese Wirtschaften. Gleichzeitig nutzten die imperialistischen Mächte die Gelegenheit, um ihren Einfluß in der Region zu stärken.

Diese neue Rezession wird sich verglichen mit der letzten Krise Anfang der 90er Jahre vor dem Hintergrund einer völlig anderen Weltlage entwickeln. Damals wurde der Abschwung von den historischen Veränderungen überschattet, die dem Zusammenbruch des Stalinismus folgten. Die Weltbourgeoisie feierte den Zusammenbruch des Stalinismus als endgültigen Triumph für den Kapitalismus und westlichen Imperialismus - die Planwirtschaften waren von der Überlegenheit des sogenannten freien Marktes und liberalen Kapitalismus geschlagen worden. Auf diese Weise wurde der Beginn der 90er Jahre trotz der Krise, mit der die Weltbourgeoisie fertig werden mußte, vom kapitalistischen Triumphalismus beherrscht, der durch den imperialistischen Sieg im Golfkrieg und die Verkündung einer "neuen Weltordnung" durch Präsident Bush verstärkt wurde.

Auf dem ganzen Globus wurde die Botschaft verbreitet: es gibt keine Alternative zum sogenannten freien Markt. Diese Idee wurde von den Führern der ArbeiterInnenbewegung wiederholt und drang in die Köpfe der Massen ein. Im allgemeinen fiel das Bewußtsein zurück und die ArbeiterInnenbewegung wurde politisch und ideologisch entwaffnet. Das spielte den Bossen in die Hände, die ihre Angriffe auf jede Errungenschaft verstärkten, die die ArbeiterInnen im langen Nachkriegsaufschwung erreicht hatten.

Die 90er Jahre wurden jedoch auch durch eine wachsenden gesellschaftliche und politische Polarisierung charakterisiert, ein wachsendes Mißtrauen in das kapitalistische Establishment und eine Untergrabung des Vertrauens in die bürgerlichen Institutionen. Die politische und soziale Unzufriedenheit, die sich sogar während der letzten Erholung aufgestaut hat, wird jetzt an die Oberfläche kommen und einer antikapitalistischen Stimmung den Weg bereiten. Diese neue Rezession entwickelt sich zur selben Zeit, in der weltweit eine Reaktion der Bevölkerung gegen den Neoliberalismus und das kapitalistische Establishment beginnt.

In den letzten Jahren hat die Bourgeoisie ständig wiederholt, daß der Prozeß der Globalisierung, Deregulierung und die rapide Entwicklung neuer Technologien auf der ganzen Welt Wohlstand hervorbringen würde. Es wurde auch viel über das "neue Pardigma" [Musterbeispiel] in der Weltwirtschaft geredet: statt Inflation und niedrigem Anstieg der Produktivität in den 80er Jahren sei die Welt in eine Periode von langandauerndem Wachstum und niedriger Inflation eingetreten, in der der Kapitalismus dabei sei, sein "Produktivitätsparadoxon" zu überwinden. Die Investitionen in IT (Informationstechnologien) kurbelten jedoch die Arbeitsproduktivität insgesamt quer durch die fortgeschrittenen kapitalistischen Länder nicht an. Statt ein neues Paradigma zu produzieren, brütete die Weltwirtschaft eine klassische kapitalistische Krise aus, die sich in Überkapazitäten und gewissem Umfang sogar Überproduktion ausdrückte.

Die blinden und chaotischen Marktkräfte, die vom spekulativen Kapital angeheizt wurden, haben in mehreren Schlüsselindustrien - von Halbleitern bis zu Autos - weltweite Überkapazitäten geschaffen. Der Überfluß an Waren oder die "Schwemme" - gemessen an der Rentabilität, nicht an den wirklichen Bedürfnissen - wird zu einer enormen Zerstörung von Kapital (Produktivkräften) und Wohlstand führen.

Jeder Kontinent wird von dieser neuen Weltrezession betroffen sein. Die Ereignisse in Asien könnten laut IWF vom potentiellen Wachstum in den entwickelten Ländern fast ein Prozent abziehen. Der Fall in der Weltproduktion wird jedoch wahrscheinlich größer als diese Zahl sein, weil es eine Menge Wunschdenken gibt, das sich auf die Anahme stützt, nach dem "Freikaufen" [den IWF-Geldspritzen] würden die Dinge langsam besser werden. Aber die jüngsten Ereignisse widersprechen dem: die schwere Krise in Indonesien, der Zusammenbruch der Handelsbank Peregrine in Hong Kong. Alan Greenspan, der Vorsitzende der US-Bundesbank, sagte kürzlich in einer Rede: "Wir haben bisher nur die ersten Ausläufer der asiatischen Krise erfahren. Aber bevor der Frühling vorbei ist werden die abrupten Wechselkursanpassungen, die mehrere unserer asiatischen Handelspartner in Finanzschwierigkeiten gezwungen haben, hier (in den USA) sichtbar werden als verringerte Nachfrage für unsere Exporte und ein verstärkter Konkurrenzkampf durch Importe."

In den 90ern funktionierte Ostasien als Motor für das globale Wachstum. Die Region erzeugte 60-65 Prozent des Wachstums in der Weltprodution zwischen 1990 und 1995. Die selbe Region war verantwortlich für 70 Prozent des Wachstums der Weltinvestitionen in den 90ern. Mitte der 90er hatte Asien insgesamt einen größeren Anteil an den Weltinvestitonen als die USA und die EU zusammengenommen. Steigende Exporte und wachsende Nachfrage in Südostasien waren wichtige Faktoren hinter der Erholung in den 90ern. Das für sich zeigt schon an, daß die schrumpfende Nachfrage in Asien, der drastische Rückgang der Importe und das viel langsamre Wachstum riesige Auswirkungen auf den Rest der Welt haben werden.

Es scheint, daß die Welt sich mit einer Geschwindigkeit in eine neue Rezession bewegt, die im November letzten Jahres nicht vorhergesehen werden konnte. Niemand kann im Voraus vorhersagen, wie tief die Krise sein wird und wie lange es dauern wird, bevor eine neue Erholung sich zu entwickeln beginnen wird.

 

Eine Krise braute sich zusammen

Der private Kapitalzufluß in die Region gründete sich auf der Annahme, daß das Wirtschaftswachstum und ein schnell boomender Immobilienmarkt unbeschränkt beibehalten werden könnten. Aber wie Marx und Engels schon vor langer Zeit betonten: Die kapitalistische Expanison stößt immer auf den Widerstand "durch die Konsumption, die Verkäufe, die Märkte für die Produkte der modernen Industrie... Die Märkte können mit der Ausdehnung der Produktion nicht schritthalten. Der Zusammenstoß wird unvermeidlich."

Schon 1996 gab es Anzeichen, daß der Investitionsboom in Südostasien zu "Überinvestitionen" oder Überakkumulation von Kapital führen würde. Er hatte Überkapazitäten an Waren und Immobilien geschaffen. Die Erträge des Kapitals begannen zu fallen und der Wert der Exporte fing an zu sinken.

Was in Südkorea stattfand ist ein anschauliches Beispiel dafür, wie sich dieser Prozeß - hin zu Überkapazitäten und einer Entwertungsspirale - entwickelte. In den Worten der britischen Financial Times vom 15. Januar: "Südkorea hatte 1994-95 einen Investitionsboom, aber nicht umsonst: Die Chaebol, die immer sehr von Krediten abhängig waren, hatten jetzt riesige Schulden - im Durchschnitt vier mal so groß wie das Eigenkapital - und überschüsige Produktionskapazitäten. Die Preise für Computer-Speicherchips, Koreas wichtigster Exportartikel, brachen auf dem überfüllten Markt zusammen. Die Gewinne für Chipproduzenten fielen um 90 Prozent. Autos, Schiffe, Stahl und petrochemische Produkte waren auch betroffen... Die Schuldenbombe der Konzerne wurde scharf gemacht. Die erste Detonation kam im Januar 1997 als Hanbo Steel pleite ging. Inzwischen war eine größere Krise in Asien unterwegs."

Später im Jahre 1997 begann ein Abfluß von ausländischem Kapital. "Die südkoreanische Währung, der Won, fiel scharf. Ausländische Banken begannen, Südkorea kurzfristige Kredite zu verweigern. Anfang November beschleunigte sich der Fall des Won. Bei Monatsbeginn betrugen die Devisenreserven den Wert der Exporte von drei Monaten. In zwei Wochen halbierten sie sich."

Mehrere Faktoren führten dazu, daß die Krise in Südostasien sofort die Krise des japanischen Kapitalismus verschärfte (siehe unser anderes Material, z.B. die beiden letzten Nummern von Socialism Today, der Theorie- und Diskussionszeitschrift der Socialist Party, der britischen Sektion des CWI). 43 Prozent der japanischen Exporte gingen in andere Länder Asiens, das war ein Anstieg gegenüber 30 Prozent im Jahre 1990. In den 90ern gingen bis zu 70 Prozent des Anstiegs der japanischen Exporte in den Rest von Asien.

 

"Ein ernster Schock"

Japan ist schon in einer Rezession. Tatsächlich hat sich das Land nicht erholt, seit die "Seifenblasenwirtschaft" Anfang der 90er Jahre platzte. Im Dezember 1997 sagte die Bank von Japan: "Die Wirtschaft erleidet einen ernsten Schock". Die Arbeitslosigkeit könnte dieses Jahr 5 Prozent erreichen - der höchste Stand seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Einzelhandelsumsätze fielen von November 1996 bis November 1997 um 4,7% - der tiefste Sturz seit 1955. Die Binnennachfrage in Japan fällt weiter, weil die Konsumausgaben sinken. Der japanische Kapitalismus muß deshalb versuchen, sich aus der Krise durch Exporte herauszukommen, aber inzwischen haben seine Konkurrenten in anderen asiatischen Ländern ihre Währungen abgewertet und versuchen genau das gleiche zu machen.

Die Welle von konkurrierenden Abwertungen, die der finanziellen "Kernschmelze" folgte, hat auch auf China und Hong Kong Auswirkungen. Der Hong-Kong-Dollar ist immer noch an den US-Dollar gekoppelt. Trotz der drohenden Krise auf dem Finanz- und Immobilienmarkt wird der Hong-Kong-Dollar zunehmend überbewertet. Asiens geschwächte Währungen haben die Konkurrenzvorteile fast ganz zunichte gemacht, die China dürch die Abwertung des Yuan um 33 Prozent im Jahre 1994 erlangte. Wachsende Konkurrenz aus dem Ausland und eine allgemeine Verlangsamung im Wachstum des Welthandels könnten die chinesische Regierung zwingen, wieder abzuwerten, ganz gleich, was die Regierung heute sagt. Nach einer Abwertung in China würde die Koppelung des Hong-Kong.Dollars an den US-Dollar sich nicht mehr durchhalten lassen. In den Worten des britischen Observer vom 11. Januar: "Die Abwertung beider Währungen ist jetzt keine vage Befürchtung mehr, sondern eine reale Möglichkeit."

Asien als Region wird jetzt Netto-Exporteur statt Netto-Importeur. Die Abschwächung in Asien bedeutet weniger Nachfrage nach japanischen Kapitalgütern. Japan muß deshalb versuchen, seinen Anteil an den Märkten in den USA und Europa zu erhöhen. Das wird Spannungen in den Weltmärkten aufbauen und für den japanischen Kapitalismus noch größere Problem verursachen.

Die Far Eastern Economic Review stellte Ende 1997 die Frage: "Wie schlecht kann es mit Japans Wirtschaft gehen? Stellen wir uns dieses Szenario für 1998 vor: Die Aktienkurse stürzen ab und verursachen den Zusammenbruch einer Anzahl von Banken. Die Konsumenten klammern sich aus Angst vor der Zukunft an ihre Ersparnisse. Die Wirtschaft rutscht in eine ausgwachsene Rezession hinein... Der Ministerpräsident tritt zurück und politisches Durcheinander herrscht. Der Alptraum wird schon zur Realität."

 

Balancieren auf der Kante

Der Finanzminister in Japan mußte schon zurücktreten, nach einem weiteren Finanzskandal und der Verhaftung mehrerer Beamte des Finanzministeriums. Die gegenwärtige Regierung muß vielleicht noch vor Jahresende gehen.

Die finanzielle Kernschmelze in Asien sandte Schockwellen in das schon extrem zerbrechliche Bankensystem in Japan. Japanische Banken haben dem Rest Asiens 275 Milliarden Dollar geliehen.

Viele der japanischen Banken wären schon völlig vernichtet worden (die letzte offizielle Zahl für die "faulen Kredite" des Bankensystems ist 600 Milliarden Dollar) wenn sie nicht ihre Zahlen manipulieren würden. Anders als andere Banken können sie zu hoch bewertete Aktien in ihrem Besitz als Teil ihres eigenen Kapitals zählen. Aber das heißt auch: Wenn der japanische Aktienindex (Nikkei) wieder zu fallen beginnt, wie es es während dem ganzen Jahr 1997 machte, und wenn der Nikkei unter 14.000 fällt, dann hätten die 20 größten japanischen Kreditbanken 96 Milliarden Dollar Verluste. Diese Zahl ist vom letzten November und ist heute wohl viel höher.

Das Gespenst eines Weltfinanzkrachs als Ergebnis einer schweren Bankenkrise in Japan kann nicht ausgeschlossen werden. Wenn die japanischen Aktienmärkte im Verlauf dieses Jahres weiter nach unten gehen und die Wirtschaft noch mehr schrumpft, dann besteht das Risiko, daß die japanischen Banken pleite gehen. Das kann trotz zwei Rettungspaketen der Regierung passieren. (Das erste im Wert von 250 Milliarden Dollar wurde schon verkündet, das zweite wird im Februar verkündet werden.)

In den drei Jahren bis 1995 pumpte die japanische Regierung 550 Miliarden Dollar in die Wirtschaft, aber die stagnierte weiterhin und Japan endete mit dem größten Haushaltsdefizit in der G7-Gruppe - sieben Prozent des BIP. Wenn diese neuen Pakete es nicht schaffen, das Wachstum zu stimulieren und die Finanzkrise zu mildern, dann können die japanischen Banken gezwungen sein, ihre Reserven im Ausland anzubrauchen und beginnen, ihre Kapitalanlagen in den USA und Europa abzuziehen. So eine Entwicklung könnte einen weltweiten Fall der Aktienkurse an den Börsen und schwere Turbulenzen an den Devisenmärkten auslösen.

Einer der Gründe, daß die US-Regierung Japan unter Druck setzt, seine Wirtschaft anzukurbeln, ist, daß die nordamerikanischen Kapitalisten von einem tatsächlichen Kapitalabfluß bedroht sind, wenn der Dollar zu fallen beginnt. Das wird besonders dann passieren, wenn die japanischen Baken beginnen, ihre Kapitalanlagen aus den USA und Europa zurückzuholen.

 

Die Gefahr der Deflation

Die neue Rezession wird die Verwirrung, Spaltungen und Teilungen verschärfen, die schon innerhalb des bürgerlichen Lagers sichtbar sind. Ein Teil der Bourgeoisie wird sich zweifellos, aus ihren eigenen Gründen, für verstärkte öffentliche Ausgaben einsetzen - eine reflationäre Politik, um die Nachfrage zu stützen - und für mehr Regulierungen, um die Märkte zu schützen.

Die weitsichtigsten Sektionen der Bourgeoisie haben begonnen, Parallelen mit der Lage vor dem Krach 1929 zu ziehen. Wie der frühere US-Arbeitsminister Robert Reich in der britischen Financial Times vom 15. Januar schrieb:

"Die Saat der Depression wurde Ende der 20er Jahre gesät, als die Nachfrage zu fallen begann. 1927 gingen die Verkäufe von Häusern, Autos und langlebigen Konsumgütern zurück, die Warenpreise sanken und die Industrieproduktion begann zu fallen. Wir treten in eine ähnliche Ära ein.

Schon vor der asiatischen Währungskrise fielen die Weltpreise für grundlegende Güter wie Nahrungsmittel, Energie, Stahl und andere Waren. Eine große ... globale Schrumpfung ist auf dem Weg. Wir erleben nur die Anfänge."

Es ist in diesem Stadium jedoch noch zu früh, um zu folgern, daß die Welt auf eine Wirtschaftskrise mit solchen Ausmaßen wie 1929-33 zusteuert. Es gibt keine exakten Parallelen zwischen der Lage heute und der, die es Ende der 20er und im Jahrzehnt danach gab. Jede Krise und Depressionsperiode hat ihre geschichtlichen Besonderheiten.

Nichtsdestotrotz, wenn aus der gegenwärtigen Stagnation ein absoluter Fall in der Weltproduktion wird, so wie 1974-75, dann wird die ganze Welt die schweste Krise seit 1929-33 erfahren. Viele Länder, sowohl in der unterentwickelten als auch in der fortgeschrittenen kapitalistischen Welt, werden eine ähnliche Katastrophe erfahren wie die, die 1929 in den USA stattfand, als sich die Wirtschaft in Trotzkis Worten "selbst in den Abgrund einer völligen Erschöpfung katapultierte".

Trotzkis Beschreibung von dem, was 1929 in den USA passierte, kann auf das angewandt werden, was jetzt in Indonesien passiert, einem Land mit fast 200 Millionen EinwohnerInnen, dem viertvolkreichsten Land der Erde. Die Währung, die Rupiah, hat in sieben Monten 85 Prozent ihres Wertes gegenüber dem Dollar verloren. Die Zinszahlungen betragen mehr als 100 Milliarden Rupiahs im Jahr, doppelt so hoch wie die Steuereinnahmen der Regierung. Laut der Zeitschrift Far Eastern Economic Review vom 29. Januar: "Mindestens sechs Milionen Menschen sind kürzlich arbeitslos geworden und in den nächsten Monaten werden unzählige weitere Millionen ihren Arbeitsplatz verlieren." Neunzig Prozent aller registrierten Firmen sind technisch zahlungsunfähig und haben ihre Tilgungszahlungen eingestellt. Indonesien ist in einer Stagflation [die Kombination von Stagnation und Inflation] versunken und die Preissteigerungen haben jetzt eine Rate von 60 Prozent im Jahr.

Auf der Suche nach Nahrungsmitteln werden Läden gestürmt und geplündert. Die Nahrungsmittelkrise wird in Indonesien zunehmend akut. Suhartos Tage sind gezählt - er wird gehen müssen.

Kein Wunder, daß ein Teil der Bourgeoisie jetzt sagt, wie es Martin Wolf in der britischen Financial Times am 20. Januar ausdrückte: "Eine wichtige Lehre aus der ostasiatischen Krise ist, daß internationale Kapitalströme die wirtschaftliche Stabilität bedrohen können. Ein paar Regulationen sind erforderlich."

Ein zynischer Witz, der bei den Spekulanten weltweit die Runde macht, faßt die Reaktion der Märkte nach den Ereignissen in Ostasien zusammen: "Was ist die Definition eines aufstrebenden Marktes [englisch: emerging market, Begriff für Schwellenländer] ? Antwort: Ein Markt, aus dem du im Notfall [englisch: emergency] dein Geld nicht mehr abziehen kannst!" Das ist eine Ausdrucksweise dafür (und das ist bestimmt nicht witzig), daß die Kapitalströme in die sogenannten aufstrebenden Märkte sich verlangsamen als Ergebnis von dem, was in Ostasien, Brasilien und selbst in der Tschechischen Republik im letzten Jahr passierte.

Der spekulative Charakter dieses Kapitals zeigte sich in Ostasien. Südkorea, Indonesien, Malaysia, Thailand und die Philippinen litten unter einem Nettoabfluß von privatem Kapital in Höhe von 12 Milliarden Dollar 1997. Laut dem US-Wall Street Journal vom 30. Januar: "Die erste 'größere Kürzung' von internationalen Investoren in den aufstrebenden Märkten in den 90ern". 1996 waren diese Länder Empfänger eines Nettozustroms von 93 Milliarden Dollar.

Insgesamt wird der Nettokapitalzustrom nach Asien von 150 Milliarden Dollar 1996 und 90 Milliarden Dollar 1997 auf 62 Milliarden Dollar 1998 sinken. Lateinamerika wird von 82 Milliarden Dollar 1996 auf 65 Milliarden Dollar 1998 rutschen.

Durch die Politik, die den ostasiatischen Ländern vom IWF aufgezwungen wurde, wurden sie gezwungen, ihre Haushalte auszugleichen, die Zinsen zu erhöhen, Subventionen für Nahrungsmittel und Elektrizität abzuschaffen, die Deregulierung und Privatisierung zu beschleunigen und ihre Banken und Industrien zum Verkauf freizugeben. Das verschärft die soziale und wirtschaftliche Krise in der Region enorm. Nicht nur die Massen, sondern auch das Kleinbürgertum und ein Teil der nationalen Bourgeoisie wird unter den Hammer des IWF kommen.

 

Unter dem Hammer des US-Imperialismus und des IWF

Der westliche Imperialismus handelt sehr arrogant; die jetzt weithin verwendete Beschreibung als "eine neue Form von Neo-Kolonialismus" ist zutreffend. Der IWF ist ein direktes Instrument des US-Imperialismus.

Der IWF und der westliche Imperialismus wurden zum Handeln gezwungen, als Südkorea wenige Tage davor stand, "am Jahresende seine fällig werdenden kurzfristigen Dollarkredite nicht bezahlen zu können" (der britische Observer vom 11. Januar). Eine Zahlungsunfähigkeit Südkoreas hätte eine Bankenkrise in Japan ausgelöst, bei dem Korea mit 25 Milliarden Dollar verschuldet ist, und hätte enorme Finanzturbulenzen in den Ländern ausgelöst, in denen südkoreanische Banken Geld investiert haben. Südkoreanische Banken waren zum Beispiel große Investoren in osteuropäischen Junk Bonds ["Schrottanleihen", Wertpapiere mit hohem Gewinn-/Verlustrisiko]. Die USA mit 37.000 SoldatInnen in Südkorea erkannten, daß eine Zahlungsunfähigkeit dieses Landes gewaltige geopolitische Auswirkungen in der ganzen Region haben würde. Aber der IWF und der Imperialismus handelten nicht nur, um eine akute Krise zu vermeiden. Weitere und strategische Faktoren standen hinter dem sogenannten Freikaufen, das in einem speziellen "Kriegsraum" des Weißen Hauses ausgearbeitet worden war.

Diesmal hatte die US-Intervention die entgegengesetzte Form der Intervention im Gefolge der chinesischen Revolution von 1949 und dem Koreakrieg von 1950-53. Damals war der Imperialismus bereit, Südkorea und andere ostasiatische Länder voll zu unterstützen - finanziell, politisch und militärisch.

Die Unterstützung des US-Imperialismus legte zusammen mit der aktiven Rolle des Staats - bis hin zum Protektionismus zur Unterstützung sich entwickelnder Industrien und der Reservierung einheimischer Märkte für sie - das Fundament für die Umgestaltung Südkoreas in eine hochentwickelte Volkswirtschaft. Diese sonderfaktoren erklären, warum Südkorea ein Exportwachstum von 34 Prozent in den 60er Jahren und 23 Prozent in den 70ern im Jahr erreichte.

Nach dem Zusammenbruch des Stalinismus änderte sich die Lage jedoch dramatisch. Der westliche Imperialismus, der sich schon lange durch das Abschneiden dieser Länder auf den Weltmärkten herausgefordert fühlte, sah innerhalb der neuen Weltordnung keinen Grund mehr, warum die Binnenmärkte in Südostasien beschränkt sein sollten oder warum der Staat weiterhin - durch Gesetze und Regulierungen - die Banken und Industrien der nationalen Bourgeoisie beschützen sollte. Die Attacken gegen die "kapitalistische Vetternwirtschaft" in Ostasien müssen in diesem Zusammenhang gesehen werden. Genau diese "kapitalistische Vetternwirtschaft" wurde mit der Unterstützung des US-Imperialismus als Bollwerk gegen die soziale Revolution aufgebaut.

Die Programme des IWF und das Ergebnis der Schuldenkrise wird den westlichen Monopolen eine Gelegenheit geben, in diesen Ländern billig Anlagevermögen zu erwerben. Banken und Industrien sind nun "zu kaufen" und, in den Worten des US-Magazins Newsweek vom 2. Februar: "Die Amerikaner sind wie verrückt zurückgekehrt. Diesmal haben sie die Form von US-Investmentbanken, Anlage- und Hedge-Fonds und von Spekulanten wie George Soros angenommen. Alle reiten sie auf der Welle des Triumphalismus, während die mächtigen westlichen Kapitalmärkte das abgeschlossene Finanzsystem überfluten, das nach Japans Vorbild in ganz Asien geschaffen wurde. Während die asiatische Krankheit eine Volkswirtschaft nach der anderen wackeln läßt, brechen die US-Firmen diese Systeme mit einer Wildheit auf, die 150 Jahre US-Handelsgespräche nicht erreichen könnten." Kurz gesagt, der westliche Imperialismus macht sich an die Ausplünderung der Region. Das wird eine starke Stimmung des Antiimperialismus hervorrufen, die sich auch gegen diejenigen Politiker und Kapitalisten richten wird, die als verantwortlich für diese Kapitulation vor dem IWF und dem US-Imperialismus gesehen werden.

Wir müssen das revolutionäre Potential in so einer Bewegung in eine anti-imperialistische Richtung sehen und die großen Kämpfe, die sich entwickeln können. Es besteht jedoch auch die Gefahr, daß diese antiimperialistische Stimmung von chauvinistischen oder sogar rassistischen Demagogen ausgebeutet und abgelenkt werden könnte, wenn die Arbeiterinnenklasse den Kampf nicht führen kann. Die jüngsten Angriffe gegen die chinesische Minderheit auf der indonesischen Insel Java sind eine Warnung dafür, was in der Zukunft passieren kann.

Trotzdem ist die Politik des IWF zusammen mit der Arroganz des Imperialismus ein Rezept für soziale Unruhen und ArbeiterInnenrevolten in Ostasien. Eine neue Generation von ArbieterInnen wird die Arena des Kampfes betreten und versuchen, ihre eigenen unabhängigen Organisationen zu bilden. In diesem Anfangsstadium jedoch könnte das Proletariat in Ostasien durch die Geschwindigkeit und Tiefe der Krise betäubt sein.

Selbst neue bürgerliche Regierungen könnten gezwungen sein, solange sich die Krise vertieft und unter dem Druck der Massen, Maßnahmen zu ergreifen, die den westlichen Imperialismus und den IWF herausfordern. Solche Maßnahmen könnten die Verweigerung zur Bezahlung der Schulden, Verstaatlichungen, Devisenkontrollen und Wiedereinführung von Lebensmittelsubventionen einschließen. Das geschah in Venezuela 1993-94, als eine neue Regierung nach einem Bankenzusammenbruch und einer Revolte der Massen an die Macht kam. Der gegenwärtige Triumphalismus des Imperialismus wird seine eigene Gegenbewegung hervorrufen.

Der US-Imperialismus beutet die Krise in Asien aus und versucht, auf Kosten anderer fortgeschrittener kapitalistischer Länder einen größeren Anteil am schrumpfenden Markt der Region zu bekommen. Die australische Regierung hat beispielsweise den USA vorgeworfen, "ihren traditionelle Exportmarkt zu stehlen", vor allem in Indonesien. Der Sprecher der australischen Baumwollproduzenten sagte kürzlich: "Die USA haben sich benommen wie Plünderer nach einem wirtschaftlichen Zyklon." Australien liefert etwa 40 Prozent der indonesischen Baumwolle und ist der größte Anbieter zahlreicher Waren. Die wachsenden Handelskonflikte zwischen den USA und der australischen Regierung spiegeln die wachsenden Spannungen wider, die sich wegen dem wirtschaftlichen Zusammenbruch in Ostasien im Bereich des Welthandels entwickelt haben.

 

Das angebliche Wunder in Mexiko

 

Die bürgerlichen Kommentatoren sagen jetzt, Asien solle "von Lateinamerika und Mexiko lernen". Das angebliche mexikanische Wunder nach der Abwertung von 1995 und dem IWF-Rettungspaket (zur Rettung der US-Investoren) hatte zur Folge: es gab eine weitere Million Arbeitsloser, 20 Millionen mehr MexikanerInnen wurden unter die Armutsgrenze gedrückt, riesige Teile der Mittelschicht wurden ruiniert und es gab den Aufstand in Chiapas! Die PRI (die regierende Partei) und der staatlich kontrollierte Gewerkschaftsdachverband endeten in völliger Unordnung. Durch die Peso-Krise brach die alte politische Ordnung Mexikos zusammen. Das BIP hat (in Dollar gerechnet) immer noch nicht den Stand von 1994 erreicht. Mexiko ist heute noch abhängiger von den USA als es vorher war. Mehr als 85 Prozent der mexikanischen Exporte gehen dorthin. Ein Abschwung in den USA und ein Fall im Wert des Dollars wird die mexikanische Wirtschaft unmittelbar treffen.

Das Wachstum in Lateinamerika insgesamt wird dieses Jahr drei Prozent nicht überschritten, nach 5,5 Prozent 1997. Brasilien ist schon in einer Rezession. Die Bank J P Morgan sagt voraus, daß die brasilianische Wirtschaft dieses Jahr absolut um 0,5 Prozent schrumpfen wird. Im Gefolge des letzten Sparpakets der Regierung im Umfang von 18 Milliarden Dollar stieg die Arbeitslosigkeit auf ein Rekordniveau - in Sao Pulo auf 16 Prozent. Wenn die brasilianische Regierung den Wert der Währung, des Real, nicht halten kann und abwerten muß, dann könnte eine Serie von konkurrierenden Abwertungen au dem ganzen Kontinent losgehen.

Die Rezession in Brasilien wurde von einer Abschwächung der Wirtschaft in Chile begleitet. Ein drittel der Exporte Chiles ging nach Asien. Der Verlust von Märkten in Asien, zusammen mit dem Zusammenbruch des Kupferpreises - Chiles Hauptexportartikel - hat zu stagnierendem Wachstum und in die Höhe schnellenden Defiziten geführt.

Der Fall von Rohstoffpreisen wird die Volkswirtschaften in weniger entwickelten Ländern weiter untergraben. Manchen Länder, die nur eine Einkommensquelle haben, wie Nigeria mit seinen Ölexporten, steht ein Alptraum bevor.

 

Der Westen rutscht in die Rezession

Im Westen wird die Bourgeoisie pssimistischer über die Zukunft, oder, wie die Financial Times am 27. Januar schrieb: "Asiens Finanzkrise fängt an, Auswirkungen auf Firmen rund um den Globus zu haben."

Nordamerika ist jetzt die einzige größere Volkswirtschaft, die Nettoimporteur ist und das US-Handelsbilanzdefizit wird unausweichlich ansteigen. Das könnte "protektionistische Gefühle hervorrufen", wie es der Economist vom 17. Januar formulierte. Angesichts der Entwicklung des Welthandels und des Prozesses der Globalisierung wurd eine Bewegung Richtung Protektionismus oder "reguliertem Handel" wahrscheinlich auf der Grundlage der Haupt-Handelsblöcke und nicht der einzelnen Nationalstaaten sein.

Solange die US-Wirtschaft mit ihrer gegnwärtigen Rate wächst, gibt es keine akute Gefahr einer Rückkehr zum Protektionismus. Aber die USA können nicht allein Lokomotive der Weltwirtschaft spielen, besonders nicht gegenwärtig, wo die Erholung in den USA ihren Höhepunkt schon erreicht hat. Die letzte Prognose der US-Bundesbank warnt auch, daß es Zeichen einer abnehmenden Nachfrage in den USA gibt und die Konkurrenzfähigkeit asiatischer Exporte zunimmt.

Eine abschwächende Nachfrage bedeutet niedrigere Profite und letztlich einen Fall der Aktienkurse. Der Dow Jones an der Wall Street muß dieses Jahr von seinen vornehmen Höhen herunterkommen. Und: "Ein dramatischer Fall im Dow könnte die Konsumtion und die Investitionen zerdrücken und die Wirtschaft in die Rezession ziehen" (Der Economist, 17. Januar)

Ein Krach an der Wall Street könnte einen weltweiten Börsenkrach auslösen. Wir haben nicht 1987. Damals war die Weltwirtschaft immer noch im Stadium der Erholung und durch die Einspritzung von über 100 Milliarden Dollar durch die Regierungen in Japan und Westdeutschland wurde der Fall des Dollars gestoppt und die Krise um zwei Jahre verschoben.

Das kann nicht einfach wiederholt werden. Der Weltkapitalismus ist jetzt in einer viel schwierigeren Lage als 1987. Die Wirtschaftskonjunktur - der Aufschwung - hat den Höhepunkt erreicht. Der deutsche und japanische Kapitalismus haben nicht mehr die enormen Überschüsse, die sie in jener Periode hatten, und der Markt in Asien schrumpft. Trotzdem werden Regierungen und Zentralbanken eingreifen und mehr Geld in die Wirtschaft pumpen müssen, wenn eine schwere Wirtschaftskrise droht. Aber angesichts der bestehenden Schwierigkeiten brauchen die Ergebnisse denen von 1987 in keiner Weise zu ähneln.

Seit 1995 erlebte fast jedes Land eine effektive Abwertung seiner Währung gegenüber dem Dollar. Die Aufwertung des Dollar hat beispielsweise die dutschen und französischen Exporte hochgetrieben. Ein starker Dollar macht die US-Firmen weniger konkurrenzfähig und steigert das Zahlungsbilanzdefizit der USA. Das könnte zusammen mit der Tendenz zu langsamerem Wachstum dazu führen, daß der Dollar allmählich fällt. Das würde ab einer gewissen Stufe zu Kapitalflucht aus den USA führen. Zur Zeit wird der Dollar allerdings als "sicherer Hafen" betrachtet. Der Kapitalzustrom in die USA, der teilweise durch die Annahme motiviert ist, daß dort die Zinsen steigen könnten, hält den Dollar-Wert hoch, trotz des hochschnellenden Handels- und Zahlungsbilanzdefizits. Trotzdem könnte sich ein entgegengesetzter Prozeß entwickeln, wenn die Spekulanten aus diesem oder jenem Grund fürchten, daß ihre Anlagen in US-Dollar in Gefahr sind. Dann werden sie nach anderen "sicheren Häfen" Ausschau halten, wie der D-Mark oder dem Schweizer Franken. Das könnte ein Durcheinander auf den europäischen Devisenmärkten auslösen. Unter solchen Umständen wäre es unmöglich, einen gesamteuropäischen Mechanismus von festen Wechselkursen aufrechtzuerhalten.

Wie in einem Artikel in The European vom 19-25. Januar betont wurde: "Die Auswirkungen des amerikanischen Abschwungs auf Europa wären besonders spürbar, wenn er, wie erwartet, den Dollar in die Gegenrichtung schickt. Die wirtschaftliche Verbesserung in Deutschland und Frankreich wurde durch Exporte erreicht, weil die D-Mark und andere EWU-Währungen gegenüber dem Dollar gefallen sind. Die Inlandsnachfrage hat sich kaum verbessert. Wenn der Dollar im Verlauf von 1998 geschwächt würde, könnte der Hauptanstoß für Europas ermutigende Wachstumsrate entfernt sein. Die Vorhersagen fangen schon an, das einzukalkulieren, je länger das Jahr schon dauert." Der Artikel fährt fort: Wenn das Wirklichkeit wird, "wird das Wachstum in Europa schnell auf das trübe Niveau von Anfang der 90er Jahre zurückfallen. Würde der Euro überleben?" Wir müssen diese Frage mit "nein" beantworten.

Es wird zunehmend wahrscheinlich, daß Europa im Verlauf des Jahres auf eine Rezession zusteuert. Die Auswirkungen der Asienkrise sind etwas verzögert, aber die jüngsten Berichte und Warnungen aus Industrien beispielsweise in Schweden und Deutschland sagen, daß Exporte und Produktion sinken werden. Eine neue Rezession in Europa wird letztlich das EWU-Projekt kaputtmachen oder die EU-Länder zwingen, es in die fernere Zukunft zu verschieben.

Eine andere Frage ist, wann das genau sein wird. Trotz allem versuchen die EU-Länder immer noch, sich zusammenzuraufen und mit dem Projekt weiterzumachen. Der Kampf gegen die Sparmaßnahmen von Maastricht wird deshalb weiterhin ein Merkmal in jedem größeren Klassenkampf in Europa sein.

 

Europa in der Krise

Die Auswirkungen der Asienkrise auf die europäischen Exporte, Produktion und Banken könnten viel größer sein als die bürgerlichen Medien vorhersagen. Europäische Banken haben selbst 1997 heftig Geld nach Ostasien verliehen, als die anderen Banken sich zurückzogen. Europas Banken haben zusammen für 365 Milliarden Dollar Kredite an Asien vergeben. Es kann nicht ausgeschlossen werden, daß von den SteuerzahlerInnen in Europa verlangt wird (in vielen Ländern zum zweiten Mal in diesem Jahrzehnt), für die auftretenden Verluste zu zahlen. Zusätzlich wird langsameres Wachstum die Haushaltsdefizite in ganz Europa erhöhen und "den Glanz aus der vorhergesagten Erholung 1998 nehmen", so der Observer vom 25. Januar. Neue Sparmaßnahmen werden notwendig sein, um die Maastricht-Kriterien zu erfüllen. Das wird zusammen mit Arbeitsplatzverlusten den Weg bereiten für einen Aufschwung im europäischen Klassenkampf. Ein Guardian-Journalist formulierte es so: "Es besteht das Risiko, daß auf die finanzielle Kernschmelze in Asien die soziale Kernschmelze in Europa folgt."

Die Kluft zwischen reich und arm ist jetzt größer als in irgendeiner Zeit in der Geschichte des Kapitalismus. Massenarbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung sind jetzt weltweit auf demselben Niveau wie in den 30er Jahren, auch wenn sie in Westeuropa noch in gewissem Umfang durch soziale Sicherungsmaßnahmen "gepolstert" sind. Die Ungleichheit in den Löhnen ist in vielen Ländern größer als zu Beginn der Industriellen Revolution, eines davon ist Großbritannien. 1997 lebten 1,3 Milliarden Menschen auf dem Erdball in absoluter Armut (gemäß der Definition der Vereinten Nationen). Selbst in der entwickelten kapitalistichen Welt gibt es jetzt 100 Millionen Menschen, die die UNO als arm betrachtet.

Die Erholung in den 90ern gründete sich vor allem auf die Super-Ausbeutung der ArbeiterInnen und unterdrückten Massen in der weniger entwickelten Welt. Der Kapitalismus in den 90ern hat all die Merkmale, die Marx im "Kapital" beschrieb: "Die Akkumulation von Reichtum auf dem einen Pol ist also zugleich Akkumulation von Elend, Arbeitsqual (...) auf dem Gegenpol, d.h. auf Seite der Klasse, die ihr eigenes Produkt als Kapital produziert." Für einen großen Teil der ArbeiterInnenklasse, vor allem die am meisten Unterdrüchten - Niedriglohn-, Teilzeit- und ungelernte ArbeiterInnen, Frauen und ImmigrantInnen - gab es einen absoluten Niedergang im Lebensstandard, trotz der Erholung.

Eine ständige Umverteilung von Wohlstand und Einkommen von der normalen Bevölkerung und dem Öffentlichen Dienst in die Taschen der Kapitalisten hat in den letzten 10-15 Jahren stattgefunden. In den letzten 15 Jahren sind die Verdienste von etwa der Hälfte aller arbeitenden Menschen in den USA real gefallen, während der Anteil des Profits am Volkseinkommen von 4,8 Prozent auf 8,4 Prozent 1995 anstieg.

Die Widersprüche in der Geselschaft, die sich in letzten wirtschaftlichen Erholung vertieft haben, werden den Weg für zukünftige soziale Explosionen bereiten. Die Bewegung der Arbeitslosen in Frankreich ist ein Anzeichen dafür, was passieren kann. Solch eine Bewegung kann als Katalysator wirken und andere Teile der ArbeiterInnen und Jugendlichen ermutigen, auf die Straße zu gehen.

Für die Parteien, Sektionen und Gruppen, die im CWI zusammengeschlossen sind, wird die kommende Periode neue Wachstumsmöglichkeiten eröffnen, sowohl in der Mitgliederzahl als auch im Einfluß. Die brennendste Frage ist es jetzt, unsere Kräfte theoretisch, politisch und organisatorisch auf die Turbulenzen und die soziale Unruhe vorzubereiten, die vor uns liegen. Die größte Gefahr ist, daß unser Programm, unsere Slogans und Taktiken und die tägliche Arbeit die Vergangenheit wiederspiegeln und nicht die Gegenwart oder die Zukunft.

Zurück zum Sozialismus und Marxismus

Die Bosse werden versuchen, die ganze Last der Krise auf die Schultern der ArbeiterInnen und Armen abzuladen: das ist ein Rezept für bittere Klassenkämpfe in Form von Streiks, Besetzungen etc. In den Bewegungen, die ausbrechen werden - zur Verteidigung von Arbeitsplätzen und Sozialleistungen, für Arbeitszeitverkürung und für Löhe, die zum Leben reichen - werden die Ideen des Sozialismus und von Öffentlichem Eigentum wieder auf die Tagesordnung zurückkehren. Eine starke Ablehnung der Diktatur des Marktes wird sich entwickeln und diejenigen werden offene Ohren finden, die argumentieren, daß sie durch eine demokratisch geplante Wirtschaft gemäß der Bedürfnisse des Volkes und nicht des Profits ersetzt werden sollte. Wir müssen als die Verfechter des internationalen Sozialismus sichtbar sein und müssen unsere Sektionen in Kampforganisationen umwandeln, die in Kämpfen eingreifen und einen Weg nach vorne zeigen können.

Die jüngsten Ereignisse haben die Krise des Kapitalismus und die bürgerliche Ideologie bloßgelegt. Die daraus folgende Frage ist: Warum funktioniert der Kapitalismus nicht und was sind die Ursprünge dieser Krise? Um eine Antwort und eine schlüssige Erklärung zu finden, werden sich Jugendliche und fortgeschrittene ArbeiterInnen den Ideen und Methoden des Marxismus zuwenden.

Dieses Jahr sieht den 150. Jahrestag des Kommunistischen Manifests, geschrieben von Marx und Engels. Das Kommunistische Manifest wurde geschrieben, um die Mitglieder des Bundes der Kommunisten zu bewaffnen und vorzubereiten für die bevorstehenden Revolutionen, die 1848 über Europa hinwegfegten. Es ragt immer noch heraus als eine der wichtigsten jemals verfaßten Schriften. Seine letzten Worte sind treffender als jemals: "Mögen die herrschenden Klassen vor einer kommunistischen Revolution zittern. Die Proletarier haben nichts zu verlieren als ihre Ketten. Sie haben eine Welt zu gewinnen. Proletarier aller Länder, vereinigt euch!"

Internationales Sekretariat des CWI, 09.02.1998

Übersetzung: Wolfram Klein, SAV Stuttgart
Anmerkungen in eckigen Klammern durch den Übersetzer und Herausgeber SAV.

Dieser Text wurde von der deutschen Sektion des CWI, der Sozialistischen Alternative, als Broschüre herausgegeben. Diese kann über die SLP in Wien bestellt werden.

 
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