CWI - Committee for a Workers' International
KAI - Komitee für eine Arbeiterinternationale
Eine Krise des globalen Kapitalismus Stellungnahme zur Weltwirtschaft
Inhaltsverzeichnis:
Ein Wendepunkt
Eine Krise braute sich zusammen
"Ein ernster Schock"
Balancieren auf der Kante
Die Gefahr der Deflation
Unter dem Hammer des US-Imperialismus und des IWF
Das angebliche Wunder in Mexiko
Der Westen rutscht in die Rezession
Europa in der Krise
Zurück zum Sozialismus und Marxismus
"Stellen Sie sich das große
Bild vor: ein Ostasien mit fallenden Währungen und
zahlungsunfähigen Banken; wachsende Arbeitslosigkeit in
Lateinamerikas größter Wirtschaft (Brasilien) und fallende
Reallöhne in der ganzen Region; Stagnation und Arbeitslosigkeit
in Europa; eine schnell näherrückende Grenze für die
Fähigkeit der US-Konsumenten, mehr Kredite aufzunehmen. Wenn
sich die globale Wirtschaft verlangsamt, wächst die soziale
Unruhe. Diese globale ... Schrumpfung könnte zu einem
Deflationszyklus führen."
Robert Reich,
ehemaliger US-Arbeitsminister in der britischen Financial
Times vom 15. Januar 1998
Ein
Wendepunkt
Das gerade stattfindende
Finanzchaos und die finanzelle Kernschmelze in Ostasien haben die
Perspektiven bestätigt, die vom CWI beim letzten Treffen seines
Internationalen Exekutivkomitees im November 1997 aufgestellt
worden sind, daß sich der Weltkapitalismus in einen neuen,
gleichzeitigen Abschwung hineinbewegt. Das ist ein Wendepunkt in
der nachstalinistischen Periode.
Die Krise in Asien wurde im Juli
letzten Jahres akut, als Thailand, nachdem es 25 Milliarden
Dollar in einer verzweifelten Anstrengung zur Stützung des
Wertes des Baht [thailändische Landeswährung] ausgegegeben
hatte, zur Abwertung gezwungen war und den IWF um Unterstützung
bat. Aber das ist nicht einfach eine "asiatische
Krise"; es ist eine Krise des globalen Kapitalismus, die
wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Instabilität
auf der ganzen Welt verursachen wird.
Die Krise ist nicht auf Finanzen
und Banken beschränkt, sondern betrifft auch das, was
gewöhnlich "reale Wirtschaft" genannt wird. Es sind
nicht nur Banken und Finanzinstitutionen oder Investment- und
Pensionsfonds, die auf den Finanzmärkten aktiv sind; die großen
Konzerne - die Multis - spielen auch aktiv in der globalen
"Kasino"wirtschaft mit.
Der Zusammenbruch in Ostasien und
seine Folgen haben die Illusionen erschüttert, die in die
sogenannten "aufstrebenden Märkte" [auch
Schwellenländer genannt] erzeugt wurden, und versetzt der
Bourgeoisie einen politischen und ideologischen Schlag. Diese
Volkswirtschaften wurden als Modell des Kapitalismus
hochgehalten, aber was ist jetzt von diesem Modell übrig?
Die letzte Erholung (von 1991) war
die schwächste Erholung des Weltkapitalismus seit 1945 und in
Europa war sie eine Erholung ohne Arbeitsplätze. Der
Weltkapitalismus steuert auf eine neue Rezession zu und ist in
einer verletzlicheren und zerbrechlicheren Lage als vorher.
Ostasien und Japan werden dieses
Jahr kaum irgendein Wachstum erleben. Indonesien, Thailand und
Südkorea werden einen absoluten Fall der Produktion erleben.
Millionen von ostasiatischen ArbeiterInnen sind schon arbeitslos
geworden. In Südkorea allein könnten dieses Jahr eine Million
Arbeitsplätze verlorengehen - zwölf Prozent des
Arbeitskräftepotentials - in einem Land, das kein soziales
Sicherheitssystem hat. Bei einer Demonstration in Südkorea stand
auf einem Plakat: "IMF = I'm fired" (IWF = Ich bin
gefeuert).
Die jüngsten Zahlen, die
bekanntgegeben wurden, besagen, daß sieben Millionen
Arbeitsplätze in diesem Jahr in der Region vernichtet werden.
Die Arbeitslosen werden direkt in die Armut zurückgestoßen. In
Indonesien allein kann die Zahl der als arm eingestuften Menschen
von 24 Millionen auf 42 Millionen anschwellen - eineR von fünf
IndonesierInnen. "Ostasien steuert auf 'eine soziale
Katastrophe' zu", warnte ein Sprecher der Internationalen
Arbeitsorganisation (ILO) in Bangkok. Die bestehende politische
Ordnung der Region kann die gegenwärtige Krise nicht überleben;
sie wird völlig umgestülpt werden.
In den letzten paar Monaten hat
die Welt eine allgemeine Verlangsamung der Wachstumsraten erlebt,
eine schrumpfende Nachfrage, Produktionskürzungen,
Massenentlassungen und einen verschärften Wettbewerb auf den
Weltmärkten. Das Finanzsystem balanciert unsicher auf einem
Drahtseil. Das Schrumpfen des Kreditvolumens verursacht eine
Welle von Bankrotten in ganz Ostasien.
Daneben ist das gegenwärtige
finanzielle Durcheinander "vielleicht die ernsthafteste
Krise seit dem Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems in den
frühen 70er Jahren. Seine Auswirkungen sind global und viel
ernsthafter als die der Finanzkrisen, die wir in den letzten 15
bis 20 Jahren gesehen haben" sagt Yilmaz Akyuz von der
UN-Konferenz für Handel und Entwicklung im Wall Street
Journal, vom 19. Januar. Im selben Interview betont er, daß
die Krise "selbstverständlich ernsthafter" ist als die
'Peso-Krise' in Mexiko 1994-95 und die lateinamerikanische Krise
Anfang der 80er Jahre, "weil wir eine viel größere
finanzielle Integration haben. Und diese (asiatischen) Länder
haben einen viel größeren Anteil an der Weltwirtschaft in bezug
auf Handel und Produktion."
Am Ende von 1997 waren die
verschuldeten Wirtschaften der Region am Rande der
Zahlungsunfähigkeit. Der Umfang der kurzfristigen Kredite, die
nicht zurückgezahlt werden konnten - im Fall Südkorea 65
Milliarden Dollar - zwang den IWF zum Eingreifen. Ein Teil des
sogenannten Rettungspaketes des IWF war, sicherzustellen, daß
zumindest ein Teil des Geldes seinen Weg zurück in die
westlichen Banken und Fonds finden würde. Der IWF handelte im
Interesse des westlichen Imperialismus. Seine Aktionen
erdrosselten diese Wirtschaften. Gleichzeitig nutzten die
imperialistischen Mächte die Gelegenheit, um ihren Einfluß in
der Region zu stärken.
Diese neue Rezession wird sich
verglichen mit der letzten Krise Anfang der 90er Jahre vor dem
Hintergrund einer völlig anderen Weltlage entwickeln. Damals
wurde der Abschwung von den historischen Veränderungen
überschattet, die dem Zusammenbruch des Stalinismus folgten. Die
Weltbourgeoisie feierte den Zusammenbruch des Stalinismus als
endgültigen Triumph für den Kapitalismus und westlichen
Imperialismus - die Planwirtschaften waren von der Überlegenheit
des sogenannten freien Marktes und liberalen Kapitalismus
geschlagen worden. Auf diese Weise wurde der Beginn der 90er
Jahre trotz der Krise, mit der die Weltbourgeoisie fertig werden
mußte, vom kapitalistischen Triumphalismus beherrscht, der durch
den imperialistischen Sieg im Golfkrieg und die Verkündung einer
"neuen Weltordnung" durch Präsident Bush verstärkt
wurde.
Auf dem ganzen Globus wurde die
Botschaft verbreitet: es gibt keine Alternative zum sogenannten
freien Markt. Diese Idee wurde von den Führern der
ArbeiterInnenbewegung wiederholt und drang in die Köpfe der
Massen ein. Im allgemeinen fiel das Bewußtsein zurück und die
ArbeiterInnenbewegung wurde politisch und ideologisch entwaffnet.
Das spielte den Bossen in die Hände, die ihre Angriffe auf jede
Errungenschaft verstärkten, die die ArbeiterInnen im langen
Nachkriegsaufschwung erreicht hatten.
Die 90er Jahre wurden jedoch auch
durch eine wachsenden gesellschaftliche und politische
Polarisierung charakterisiert, ein wachsendes Mißtrauen in das
kapitalistische Establishment und eine Untergrabung des
Vertrauens in die bürgerlichen Institutionen. Die politische und
soziale Unzufriedenheit, die sich sogar während der letzten
Erholung aufgestaut hat, wird jetzt an die Oberfläche kommen und
einer antikapitalistischen Stimmung den Weg bereiten. Diese neue
Rezession entwickelt sich zur selben Zeit, in der weltweit eine
Reaktion der Bevölkerung gegen den Neoliberalismus und das
kapitalistische Establishment beginnt.
In den letzten Jahren hat die
Bourgeoisie ständig wiederholt, daß der Prozeß der
Globalisierung, Deregulierung und die rapide Entwicklung neuer
Technologien auf der ganzen Welt Wohlstand hervorbringen würde.
Es wurde auch viel über das "neue Pardigma"
[Musterbeispiel] in der Weltwirtschaft geredet: statt Inflation
und niedrigem Anstieg der Produktivität in den 80er Jahren sei
die Welt in eine Periode von langandauerndem Wachstum und
niedriger Inflation eingetreten, in der der Kapitalismus dabei
sei, sein "Produktivitätsparadoxon" zu überwinden.
Die Investitionen in IT (Informationstechnologien) kurbelten
jedoch die Arbeitsproduktivität insgesamt quer durch die
fortgeschrittenen kapitalistischen Länder nicht an. Statt ein
neues Paradigma zu produzieren, brütete die Weltwirtschaft eine
klassische kapitalistische Krise aus, die sich in
Überkapazitäten und gewissem Umfang sogar Überproduktion
ausdrückte.
Die blinden und chaotischen
Marktkräfte, die vom spekulativen Kapital angeheizt wurden,
haben in mehreren Schlüsselindustrien - von Halbleitern bis zu
Autos - weltweite Überkapazitäten geschaffen. Der Überfluß an
Waren oder die "Schwemme" - gemessen an der
Rentabilität, nicht an den wirklichen Bedürfnissen - wird zu
einer enormen Zerstörung von Kapital (Produktivkräften) und
Wohlstand führen.
Jeder Kontinent wird von dieser
neuen Weltrezession betroffen sein. Die Ereignisse in Asien
könnten laut IWF vom potentiellen Wachstum in den entwickelten
Ländern fast ein Prozent abziehen. Der Fall in der
Weltproduktion wird jedoch wahrscheinlich größer als diese Zahl
sein, weil es eine Menge Wunschdenken gibt, das sich auf die
Anahme stützt, nach dem "Freikaufen" [den
IWF-Geldspritzen] würden die Dinge langsam besser werden. Aber
die jüngsten Ereignisse widersprechen dem: die schwere Krise in
Indonesien, der Zusammenbruch der Handelsbank Peregrine in Hong
Kong. Alan Greenspan, der Vorsitzende der US-Bundesbank, sagte
kürzlich in einer Rede: "Wir haben bisher nur die ersten
Ausläufer der asiatischen Krise erfahren. Aber bevor der
Frühling vorbei ist werden die abrupten Wechselkursanpassungen,
die mehrere unserer asiatischen Handelspartner in
Finanzschwierigkeiten gezwungen haben, hier (in den USA) sichtbar
werden als verringerte Nachfrage für unsere Exporte und ein
verstärkter Konkurrenzkampf durch Importe."
In den 90ern funktionierte
Ostasien als Motor für das globale Wachstum. Die Region erzeugte
60-65 Prozent des Wachstums in der Weltprodution zwischen 1990
und 1995. Die selbe Region war verantwortlich für 70 Prozent des
Wachstums der Weltinvestitionen in den 90ern. Mitte der 90er
hatte Asien insgesamt einen größeren Anteil an den
Weltinvestitonen als die USA und die EU zusammengenommen.
Steigende Exporte und wachsende Nachfrage in Südostasien waren
wichtige Faktoren hinter der Erholung in den 90ern. Das für sich
zeigt schon an, daß die schrumpfende Nachfrage in Asien, der
drastische Rückgang der Importe und das viel langsamre Wachstum
riesige Auswirkungen auf den Rest der Welt haben werden.
Es scheint, daß die Welt sich mit
einer Geschwindigkeit in eine neue Rezession bewegt, die im
November letzten Jahres nicht vorhergesehen werden konnte.
Niemand kann im Voraus vorhersagen, wie tief die Krise sein wird
und wie lange es dauern wird, bevor eine neue Erholung sich zu
entwickeln beginnen wird.
Eine
Krise braute sich zusammen
Der private Kapitalzufluß in die
Region gründete sich auf der Annahme, daß das
Wirtschaftswachstum und ein schnell boomender Immobilienmarkt
unbeschränkt beibehalten werden könnten. Aber wie Marx und
Engels schon vor langer Zeit betonten: Die kapitalistische
Expanison stößt immer auf den Widerstand "durch die
Konsumption, die Verkäufe, die Märkte für die Produkte der
modernen Industrie... Die Märkte können mit der Ausdehnung der
Produktion nicht schritthalten. Der Zusammenstoß wird
unvermeidlich."
Schon 1996 gab es Anzeichen, daß
der Investitionsboom in Südostasien zu
"Überinvestitionen" oder Überakkumulation von Kapital
führen würde. Er hatte Überkapazitäten an Waren und
Immobilien geschaffen. Die Erträge des Kapitals begannen zu
fallen und der Wert der Exporte fing an zu sinken.
Was in Südkorea stattfand ist ein
anschauliches Beispiel dafür, wie sich dieser Prozeß - hin zu
Überkapazitäten und einer Entwertungsspirale - entwickelte. In
den Worten der britischen Financial Times vom 15. Januar:
"Südkorea hatte 1994-95 einen Investitionsboom, aber nicht
umsonst: Die Chaebol, die immer sehr von Krediten abhängig
waren, hatten jetzt riesige Schulden - im Durchschnitt vier mal
so groß wie das Eigenkapital - und überschüsige
Produktionskapazitäten. Die Preise für Computer-Speicherchips,
Koreas wichtigster Exportartikel, brachen auf dem überfüllten
Markt zusammen. Die Gewinne für Chipproduzenten fielen um 90
Prozent. Autos, Schiffe, Stahl und petrochemische Produkte waren
auch betroffen... Die Schuldenbombe der Konzerne wurde scharf
gemacht. Die erste Detonation kam im Januar 1997 als Hanbo Steel
pleite ging. Inzwischen war eine größere Krise in Asien
unterwegs."
Später im Jahre 1997 begann ein
Abfluß von ausländischem Kapital. "Die südkoreanische
Währung, der Won, fiel scharf. Ausländische Banken begannen,
Südkorea kurzfristige Kredite zu verweigern. Anfang November
beschleunigte sich der Fall des Won. Bei Monatsbeginn betrugen
die Devisenreserven den Wert der Exporte von drei Monaten. In
zwei Wochen halbierten sie sich."
Mehrere Faktoren führten dazu,
daß die Krise in Südostasien sofort die Krise des japanischen
Kapitalismus verschärfte (siehe unser anderes Material, z.B. die
beiden letzten Nummern von Socialism Today, der Theorie-
und Diskussionszeitschrift der Socialist Party, der britischen
Sektion des CWI). 43 Prozent der japanischen Exporte gingen in
andere Länder Asiens, das war ein Anstieg gegenüber 30 Prozent
im Jahre 1990. In den 90ern gingen bis zu 70 Prozent des Anstiegs
der japanischen Exporte in den Rest von Asien.
"Ein
ernster Schock"
Japan ist schon in einer
Rezession. Tatsächlich hat sich das Land nicht erholt, seit die
"Seifenblasenwirtschaft" Anfang der 90er Jahre platzte.
Im Dezember 1997 sagte die Bank von Japan: "Die Wirtschaft
erleidet einen ernsten Schock". Die Arbeitslosigkeit könnte
dieses Jahr 5 Prozent erreichen - der höchste Stand seit dem
Zweiten Weltkrieg. Die Einzelhandelsumsätze fielen von November
1996 bis November 1997 um 4,7% - der tiefste Sturz seit 1955. Die
Binnennachfrage in Japan fällt weiter, weil die Konsumausgaben
sinken. Der japanische Kapitalismus muß deshalb versuchen, sich
aus der Krise durch Exporte herauszukommen, aber inzwischen haben
seine Konkurrenten in anderen asiatischen Ländern ihre
Währungen abgewertet und versuchen genau das gleiche zu machen.
Die Welle von konkurrierenden
Abwertungen, die der finanziellen "Kernschmelze"
folgte, hat auch auf China und Hong Kong Auswirkungen. Der
Hong-Kong-Dollar ist immer noch an den US-Dollar gekoppelt. Trotz
der drohenden Krise auf dem Finanz- und Immobilienmarkt wird der
Hong-Kong-Dollar zunehmend überbewertet. Asiens geschwächte
Währungen haben die Konkurrenzvorteile fast ganz zunichte
gemacht, die China dürch die Abwertung des Yuan um 33 Prozent im
Jahre 1994 erlangte. Wachsende Konkurrenz aus dem Ausland und
eine allgemeine Verlangsamung im Wachstum des Welthandels
könnten die chinesische Regierung zwingen, wieder abzuwerten,
ganz gleich, was die Regierung heute sagt. Nach einer Abwertung
in China würde die Koppelung des Hong-Kong.Dollars an den
US-Dollar sich nicht mehr durchhalten lassen. In den Worten des
britischen Observer vom 11. Januar: "Die Abwertung
beider Währungen ist jetzt keine vage Befürchtung mehr, sondern
eine reale Möglichkeit."
Asien als Region wird jetzt
Netto-Exporteur statt Netto-Importeur. Die Abschwächung in Asien
bedeutet weniger Nachfrage nach japanischen Kapitalgütern. Japan
muß deshalb versuchen, seinen Anteil an den Märkten in den USA
und Europa zu erhöhen. Das wird Spannungen in den Weltmärkten
aufbauen und für den japanischen Kapitalismus noch größere
Problem verursachen.
Die Far Eastern Economic Review
stellte Ende 1997 die Frage: "Wie schlecht kann es mit
Japans Wirtschaft gehen? Stellen wir uns dieses Szenario für
1998 vor: Die Aktienkurse stürzen ab und verursachen den
Zusammenbruch einer Anzahl von Banken. Die Konsumenten klammern
sich aus Angst vor der Zukunft an ihre Ersparnisse. Die
Wirtschaft rutscht in eine ausgwachsene Rezession hinein... Der
Ministerpräsident tritt zurück und politisches Durcheinander
herrscht. Der Alptraum wird schon zur Realität."
Balancieren
auf der Kante
Der Finanzminister in Japan mußte
schon zurücktreten, nach einem weiteren Finanzskandal und der
Verhaftung mehrerer Beamte des Finanzministeriums. Die
gegenwärtige Regierung muß vielleicht noch vor Jahresende
gehen.
Die finanzielle Kernschmelze in
Asien sandte Schockwellen in das schon extrem zerbrechliche
Bankensystem in Japan. Japanische Banken haben dem Rest Asiens
275 Milliarden Dollar geliehen.
Viele der japanischen Banken
wären schon völlig vernichtet worden (die letzte offizielle
Zahl für die "faulen Kredite" des Bankensystems ist
600 Milliarden Dollar) wenn sie nicht ihre Zahlen manipulieren
würden. Anders als andere Banken können sie zu hoch bewertete
Aktien in ihrem Besitz als Teil ihres eigenen Kapitals zählen.
Aber das heißt auch: Wenn der japanische Aktienindex (Nikkei)
wieder zu fallen beginnt, wie es es während dem ganzen Jahr 1997
machte, und wenn der Nikkei unter 14.000 fällt, dann hätten die
20 größten japanischen Kreditbanken 96 Milliarden Dollar
Verluste. Diese Zahl ist vom letzten November und ist heute wohl
viel höher.
Das Gespenst eines
Weltfinanzkrachs als Ergebnis einer schweren Bankenkrise in Japan
kann nicht ausgeschlossen werden. Wenn die japanischen
Aktienmärkte im Verlauf dieses Jahres weiter nach unten gehen
und die Wirtschaft noch mehr schrumpft, dann besteht das Risiko,
daß die japanischen Banken pleite gehen. Das kann trotz zwei
Rettungspaketen der Regierung passieren. (Das erste im Wert von
250 Milliarden Dollar wurde schon verkündet, das zweite wird im
Februar verkündet werden.)
In den drei Jahren bis 1995 pumpte
die japanische Regierung 550 Miliarden Dollar in die Wirtschaft,
aber die stagnierte weiterhin und Japan endete mit dem größten
Haushaltsdefizit in der G7-Gruppe - sieben Prozent des BIP. Wenn
diese neuen Pakete es nicht schaffen, das Wachstum zu stimulieren
und die Finanzkrise zu mildern, dann können die japanischen
Banken gezwungen sein, ihre Reserven im Ausland anzubrauchen und
beginnen, ihre Kapitalanlagen in den USA und Europa abzuziehen.
So eine Entwicklung könnte einen weltweiten Fall der Aktienkurse
an den Börsen und schwere Turbulenzen an den Devisenmärkten
auslösen.
Einer der Gründe, daß die
US-Regierung Japan unter Druck setzt, seine Wirtschaft
anzukurbeln, ist, daß die nordamerikanischen Kapitalisten von
einem tatsächlichen Kapitalabfluß bedroht sind, wenn der Dollar
zu fallen beginnt. Das wird besonders dann passieren, wenn die
japanischen Baken beginnen, ihre Kapitalanlagen aus den USA und
Europa zurückzuholen.
Die
Gefahr der Deflation
Die neue Rezession wird die
Verwirrung, Spaltungen und Teilungen verschärfen, die schon
innerhalb des bürgerlichen Lagers sichtbar sind. Ein Teil der
Bourgeoisie wird sich zweifellos, aus ihren eigenen Gründen,
für verstärkte öffentliche Ausgaben einsetzen - eine
reflationäre Politik, um die Nachfrage zu stützen - und für
mehr Regulierungen, um die Märkte zu schützen.
Die weitsichtigsten Sektionen der
Bourgeoisie haben begonnen, Parallelen mit der Lage vor dem Krach
1929 zu ziehen. Wie der frühere US-Arbeitsminister Robert Reich
in der britischen Financial Times vom 15. Januar schrieb:
"Die Saat der Depression
wurde Ende der 20er Jahre gesät, als die Nachfrage zu fallen
begann. 1927 gingen die Verkäufe von Häusern, Autos und
langlebigen Konsumgütern zurück, die Warenpreise sanken und die
Industrieproduktion begann zu fallen. Wir treten in eine
ähnliche Ära ein.
Schon vor der asiatischen
Währungskrise fielen die Weltpreise für grundlegende Güter wie
Nahrungsmittel, Energie, Stahl und andere Waren. Eine große ...
globale Schrumpfung ist auf dem Weg. Wir erleben nur die
Anfänge."
Es ist in diesem Stadium jedoch
noch zu früh, um zu folgern, daß die Welt auf eine
Wirtschaftskrise mit solchen Ausmaßen wie 1929-33 zusteuert. Es
gibt keine exakten Parallelen zwischen der Lage heute und der,
die es Ende der 20er und im Jahrzehnt danach gab. Jede Krise und
Depressionsperiode hat ihre geschichtlichen Besonderheiten.
Nichtsdestotrotz, wenn aus der
gegenwärtigen Stagnation ein absoluter Fall in der
Weltproduktion wird, so wie 1974-75, dann wird die ganze Welt die
schweste Krise seit 1929-33 erfahren. Viele Länder, sowohl in
der unterentwickelten als auch in der fortgeschrittenen
kapitalistischen Welt, werden eine ähnliche Katastrophe erfahren
wie die, die 1929 in den USA stattfand, als sich die Wirtschaft
in Trotzkis Worten "selbst in den Abgrund einer völligen
Erschöpfung katapultierte".
Trotzkis Beschreibung von dem, was
1929 in den USA passierte, kann auf das angewandt werden, was
jetzt in Indonesien passiert, einem Land mit fast 200 Millionen
EinwohnerInnen, dem viertvolkreichsten Land der Erde. Die
Währung, die Rupiah, hat in sieben Monten 85 Prozent ihres
Wertes gegenüber dem Dollar verloren. Die Zinszahlungen betragen
mehr als 100 Milliarden Rupiahs im Jahr, doppelt so hoch wie die
Steuereinnahmen der Regierung. Laut der Zeitschrift Far
Eastern Economic Review vom 29. Januar: "Mindestens
sechs Milionen Menschen sind kürzlich arbeitslos geworden und in
den nächsten Monaten werden unzählige weitere Millionen ihren
Arbeitsplatz verlieren." Neunzig Prozent aller registrierten
Firmen sind technisch zahlungsunfähig und haben ihre
Tilgungszahlungen eingestellt. Indonesien ist in einer
Stagflation [die Kombination von Stagnation und Inflation]
versunken und die Preissteigerungen haben jetzt eine Rate von 60
Prozent im Jahr.
Auf der Suche nach Nahrungsmitteln
werden Läden gestürmt und geplündert. Die Nahrungsmittelkrise
wird in Indonesien zunehmend akut. Suhartos Tage sind gezählt -
er wird gehen müssen.
Kein Wunder, daß ein Teil der
Bourgeoisie jetzt sagt, wie es Martin Wolf in der britischen Financial
Times am 20. Januar ausdrückte: "Eine wichtige Lehre
aus der ostasiatischen Krise ist, daß internationale
Kapitalströme die wirtschaftliche Stabilität bedrohen können.
Ein paar Regulationen sind erforderlich."
Ein zynischer Witz, der bei den
Spekulanten weltweit die Runde macht, faßt die Reaktion der
Märkte nach den Ereignissen in Ostasien zusammen: "Was ist
die Definition eines aufstrebenden Marktes [englisch: emerging
market, Begriff für Schwellenländer] ? Antwort: Ein Markt, aus
dem du im Notfall [englisch: emergency] dein Geld nicht mehr
abziehen kannst!" Das ist eine Ausdrucksweise dafür (und
das ist bestimmt nicht witzig), daß die Kapitalströme in die
sogenannten aufstrebenden Märkte sich verlangsamen als Ergebnis
von dem, was in Ostasien, Brasilien und selbst in der
Tschechischen Republik im letzten Jahr passierte.
Der spekulative Charakter dieses
Kapitals zeigte sich in Ostasien. Südkorea, Indonesien,
Malaysia, Thailand und die Philippinen litten unter einem
Nettoabfluß von privatem Kapital in Höhe von 12 Milliarden
Dollar 1997. Laut dem US-Wall Street Journal vom 30.
Januar: "Die erste 'größere Kürzung' von internationalen
Investoren in den aufstrebenden Märkten in den 90ern". 1996
waren diese Länder Empfänger eines Nettozustroms von 93
Milliarden Dollar.
Insgesamt wird der
Nettokapitalzustrom nach Asien von 150 Milliarden Dollar 1996 und
90 Milliarden Dollar 1997 auf 62 Milliarden Dollar 1998 sinken.
Lateinamerika wird von 82 Milliarden Dollar 1996 auf 65
Milliarden Dollar 1998 rutschen.
Durch die Politik, die den
ostasiatischen Ländern vom IWF aufgezwungen wurde, wurden sie
gezwungen, ihre Haushalte auszugleichen, die Zinsen zu erhöhen,
Subventionen für Nahrungsmittel und Elektrizität abzuschaffen,
die Deregulierung und Privatisierung zu beschleunigen und ihre
Banken und Industrien zum Verkauf freizugeben. Das verschärft
die soziale und wirtschaftliche Krise in der Region enorm. Nicht
nur die Massen, sondern auch das Kleinbürgertum und ein Teil der
nationalen Bourgeoisie wird unter den Hammer des IWF kommen.
Unter
dem Hammer des US-Imperialismus und des IWF
Der westliche Imperialismus
handelt sehr arrogant; die jetzt weithin verwendete Beschreibung
als "eine neue Form von Neo-Kolonialismus" ist
zutreffend. Der IWF ist ein direktes Instrument des
US-Imperialismus.
Der IWF und der westliche
Imperialismus wurden zum Handeln gezwungen, als Südkorea wenige
Tage davor stand, "am Jahresende seine fällig werdenden
kurzfristigen Dollarkredite nicht bezahlen zu können" (der
britische Observer vom 11. Januar). Eine
Zahlungsunfähigkeit Südkoreas hätte eine Bankenkrise in Japan
ausgelöst, bei dem Korea mit 25 Milliarden Dollar verschuldet
ist, und hätte enorme Finanzturbulenzen in den Ländern
ausgelöst, in denen südkoreanische Banken Geld investiert
haben. Südkoreanische Banken waren zum Beispiel große
Investoren in osteuropäischen Junk Bonds
["Schrottanleihen", Wertpapiere mit hohem
Gewinn-/Verlustrisiko]. Die USA mit 37.000 SoldatInnen in
Südkorea erkannten, daß eine Zahlungsunfähigkeit dieses Landes
gewaltige geopolitische Auswirkungen in der ganzen Region haben
würde. Aber der IWF und der Imperialismus handelten nicht nur,
um eine akute Krise zu vermeiden. Weitere und strategische
Faktoren standen hinter dem sogenannten Freikaufen, das in einem
speziellen "Kriegsraum" des Weißen Hauses
ausgearbeitet worden war.
Diesmal hatte die US-Intervention
die entgegengesetzte Form der Intervention im Gefolge der
chinesischen Revolution von 1949 und dem Koreakrieg von 1950-53.
Damals war der Imperialismus bereit, Südkorea und andere
ostasiatische Länder voll zu unterstützen - finanziell,
politisch und militärisch.
Die Unterstützung des
US-Imperialismus legte zusammen mit der aktiven Rolle des Staats
- bis hin zum Protektionismus zur Unterstützung sich
entwickelnder Industrien und der Reservierung einheimischer
Märkte für sie - das Fundament für die Umgestaltung Südkoreas
in eine hochentwickelte Volkswirtschaft. Diese sonderfaktoren
erklären, warum Südkorea ein Exportwachstum von 34 Prozent in
den 60er Jahren und 23 Prozent in den 70ern im Jahr erreichte.
Nach dem Zusammenbruch des
Stalinismus änderte sich die Lage jedoch dramatisch. Der
westliche Imperialismus, der sich schon lange durch das
Abschneiden dieser Länder auf den Weltmärkten herausgefordert
fühlte, sah innerhalb der neuen Weltordnung keinen Grund mehr,
warum die Binnenmärkte in Südostasien beschränkt sein sollten
oder warum der Staat weiterhin - durch Gesetze und Regulierungen
- die Banken und Industrien der nationalen Bourgeoisie
beschützen sollte. Die Attacken gegen die "kapitalistische
Vetternwirtschaft" in Ostasien müssen in diesem
Zusammenhang gesehen werden. Genau diese "kapitalistische
Vetternwirtschaft" wurde mit der Unterstützung des
US-Imperialismus als Bollwerk gegen die soziale Revolution
aufgebaut.
Die Programme des IWF und das
Ergebnis der Schuldenkrise wird den westlichen Monopolen eine
Gelegenheit geben, in diesen Ländern billig Anlagevermögen zu
erwerben. Banken und Industrien sind nun "zu kaufen"
und, in den Worten des US-Magazins Newsweek vom 2.
Februar: "Die Amerikaner sind wie verrückt zurückgekehrt.
Diesmal haben sie die Form von US-Investmentbanken, Anlage- und
Hedge-Fonds und von Spekulanten wie George Soros angenommen. Alle
reiten sie auf der Welle des Triumphalismus, während die
mächtigen westlichen Kapitalmärkte das abgeschlossene
Finanzsystem überfluten, das nach Japans Vorbild in ganz Asien
geschaffen wurde. Während die asiatische Krankheit eine
Volkswirtschaft nach der anderen wackeln läßt, brechen die
US-Firmen diese Systeme mit einer Wildheit auf, die 150 Jahre
US-Handelsgespräche nicht erreichen könnten." Kurz gesagt,
der westliche Imperialismus macht sich an die Ausplünderung der
Region. Das wird eine starke Stimmung des Antiimperialismus
hervorrufen, die sich auch gegen diejenigen Politiker und
Kapitalisten richten wird, die als verantwortlich für diese
Kapitulation vor dem IWF und dem US-Imperialismus gesehen werden.
Wir müssen das revolutionäre
Potential in so einer Bewegung in eine anti-imperialistische
Richtung sehen und die großen Kämpfe, die sich entwickeln
können. Es besteht jedoch auch die Gefahr, daß diese
antiimperialistische Stimmung von chauvinistischen oder sogar
rassistischen Demagogen ausgebeutet und abgelenkt werden könnte,
wenn die Arbeiterinnenklasse den Kampf nicht führen kann. Die
jüngsten Angriffe gegen die chinesische Minderheit auf der
indonesischen Insel Java sind eine Warnung dafür, was in der
Zukunft passieren kann.
Trotzdem ist die Politik des IWF
zusammen mit der Arroganz des Imperialismus ein Rezept für
soziale Unruhen und ArbeiterInnenrevolten in Ostasien. Eine neue
Generation von ArbieterInnen wird die Arena des Kampfes betreten
und versuchen, ihre eigenen unabhängigen Organisationen zu
bilden. In diesem Anfangsstadium jedoch könnte das Proletariat
in Ostasien durch die Geschwindigkeit und Tiefe der Krise
betäubt sein.
Selbst neue bürgerliche
Regierungen könnten gezwungen sein, solange sich die Krise
vertieft und unter dem Druck der Massen, Maßnahmen zu ergreifen,
die den westlichen Imperialismus und den IWF herausfordern.
Solche Maßnahmen könnten die Verweigerung zur Bezahlung der
Schulden, Verstaatlichungen, Devisenkontrollen und
Wiedereinführung von Lebensmittelsubventionen einschließen. Das
geschah in Venezuela 1993-94, als eine neue Regierung nach einem
Bankenzusammenbruch und einer Revolte der Massen an die Macht
kam. Der gegenwärtige Triumphalismus des Imperialismus wird
seine eigene Gegenbewegung hervorrufen.
Der US-Imperialismus beutet die
Krise in Asien aus und versucht, auf Kosten anderer
fortgeschrittener kapitalistischer Länder einen größeren
Anteil am schrumpfenden Markt der Region zu bekommen. Die
australische Regierung hat beispielsweise den USA vorgeworfen,
"ihren traditionelle Exportmarkt zu stehlen", vor allem
in Indonesien. Der Sprecher der australischen Baumwollproduzenten
sagte kürzlich: "Die USA haben sich benommen wie Plünderer
nach einem wirtschaftlichen Zyklon." Australien liefert etwa
40 Prozent der indonesischen Baumwolle und ist der größte
Anbieter zahlreicher Waren. Die wachsenden Handelskonflikte
zwischen den USA und der australischen Regierung spiegeln die
wachsenden Spannungen wider, die sich wegen dem wirtschaftlichen
Zusammenbruch in Ostasien im Bereich des Welthandels entwickelt
haben.
Das
angebliche Wunder in Mexiko
Die bürgerlichen Kommentatoren
sagen jetzt, Asien solle "von Lateinamerika und Mexiko
lernen". Das angebliche mexikanische Wunder nach der
Abwertung von 1995 und dem IWF-Rettungspaket (zur Rettung der
US-Investoren) hatte zur Folge: es gab eine weitere Million
Arbeitsloser, 20 Millionen mehr MexikanerInnen wurden unter die
Armutsgrenze gedrückt, riesige Teile der Mittelschicht wurden
ruiniert und es gab den Aufstand in Chiapas! Die PRI (die
regierende Partei) und der staatlich kontrollierte
Gewerkschaftsdachverband endeten in völliger Unordnung. Durch
die Peso-Krise brach die alte politische Ordnung Mexikos
zusammen. Das BIP hat (in Dollar gerechnet) immer noch nicht den
Stand von 1994 erreicht. Mexiko ist heute noch abhängiger von
den USA als es vorher war. Mehr als 85 Prozent der mexikanischen
Exporte gehen dorthin. Ein Abschwung in den USA und ein Fall im
Wert des Dollars wird die mexikanische Wirtschaft unmittelbar
treffen.
Das Wachstum in Lateinamerika
insgesamt wird dieses Jahr drei Prozent nicht überschritten,
nach 5,5 Prozent 1997. Brasilien ist schon in einer Rezession.
Die Bank J P Morgan sagt voraus, daß die brasilianische
Wirtschaft dieses Jahr absolut um 0,5 Prozent schrumpfen wird. Im
Gefolge des letzten Sparpakets der Regierung im Umfang von 18
Milliarden Dollar stieg die Arbeitslosigkeit auf ein Rekordniveau
- in Sao Pulo auf 16 Prozent. Wenn die brasilianische Regierung
den Wert der Währung, des Real, nicht halten kann und abwerten
muß, dann könnte eine Serie von konkurrierenden Abwertungen au
dem ganzen Kontinent losgehen.
Die Rezession in Brasilien wurde
von einer Abschwächung der Wirtschaft in Chile begleitet. Ein
drittel der Exporte Chiles ging nach Asien. Der Verlust von
Märkten in Asien, zusammen mit dem Zusammenbruch des
Kupferpreises - Chiles Hauptexportartikel - hat zu stagnierendem
Wachstum und in die Höhe schnellenden Defiziten geführt.
Der Fall von Rohstoffpreisen wird
die Volkswirtschaften in weniger entwickelten Ländern weiter
untergraben. Manchen Länder, die nur eine Einkommensquelle
haben, wie Nigeria mit seinen Ölexporten, steht ein Alptraum
bevor.
Der
Westen rutscht in die Rezession
Im Westen wird die Bourgeoisie
pssimistischer über die Zukunft, oder, wie die Financial
Times am 27. Januar schrieb: "Asiens Finanzkrise fängt
an, Auswirkungen auf Firmen rund um den Globus zu haben."
Nordamerika ist jetzt die einzige
größere Volkswirtschaft, die Nettoimporteur ist und das
US-Handelsbilanzdefizit wird unausweichlich ansteigen. Das
könnte "protektionistische Gefühle hervorrufen", wie
es der Economist vom 17. Januar formulierte. Angesichts
der Entwicklung des Welthandels und des Prozesses der
Globalisierung wurd eine Bewegung Richtung Protektionismus oder
"reguliertem Handel" wahrscheinlich auf der Grundlage
der Haupt-Handelsblöcke und nicht der einzelnen Nationalstaaten
sein.
Solange die US-Wirtschaft mit
ihrer gegnwärtigen Rate wächst, gibt es keine akute Gefahr
einer Rückkehr zum Protektionismus. Aber die USA können nicht
allein Lokomotive der Weltwirtschaft spielen, besonders nicht
gegenwärtig, wo die Erholung in den USA ihren Höhepunkt schon
erreicht hat. Die letzte Prognose der US-Bundesbank warnt auch,
daß es Zeichen einer abnehmenden Nachfrage in den USA gibt und
die Konkurrenzfähigkeit asiatischer Exporte zunimmt.
Eine abschwächende Nachfrage
bedeutet niedrigere Profite und letztlich einen Fall der
Aktienkurse. Der Dow Jones an der Wall Street muß dieses Jahr
von seinen vornehmen Höhen herunterkommen. Und: "Ein
dramatischer Fall im Dow könnte die Konsumtion und die
Investitionen zerdrücken und die Wirtschaft in die Rezession
ziehen" (Der Economist, 17. Januar)
Ein Krach an der Wall Street
könnte einen weltweiten Börsenkrach auslösen. Wir haben nicht
1987. Damals war die Weltwirtschaft immer noch im Stadium der
Erholung und durch die Einspritzung von über 100 Milliarden
Dollar durch die Regierungen in Japan und Westdeutschland wurde
der Fall des Dollars gestoppt und die Krise um zwei Jahre
verschoben.
Das kann nicht einfach wiederholt
werden. Der Weltkapitalismus ist jetzt in einer viel
schwierigeren Lage als 1987. Die Wirtschaftskonjunktur - der
Aufschwung - hat den Höhepunkt erreicht. Der deutsche und
japanische Kapitalismus haben nicht mehr die enormen
Überschüsse, die sie in jener Periode hatten, und der Markt in
Asien schrumpft. Trotzdem werden Regierungen und Zentralbanken
eingreifen und mehr Geld in die Wirtschaft pumpen müssen, wenn
eine schwere Wirtschaftskrise droht. Aber angesichts der
bestehenden Schwierigkeiten brauchen die Ergebnisse denen von
1987 in keiner Weise zu ähneln.
Seit 1995 erlebte fast jedes Land
eine effektive Abwertung seiner Währung gegenüber dem Dollar.
Die Aufwertung des Dollar hat beispielsweise die dutschen und
französischen Exporte hochgetrieben. Ein starker Dollar macht
die US-Firmen weniger konkurrenzfähig und steigert das
Zahlungsbilanzdefizit der USA. Das könnte zusammen mit der
Tendenz zu langsamerem Wachstum dazu führen, daß der Dollar
allmählich fällt. Das würde ab einer gewissen Stufe zu
Kapitalflucht aus den USA führen. Zur Zeit wird der Dollar
allerdings als "sicherer Hafen" betrachtet. Der
Kapitalzustrom in die USA, der teilweise durch die Annahme
motiviert ist, daß dort die Zinsen steigen könnten, hält den
Dollar-Wert hoch, trotz des hochschnellenden Handels- und
Zahlungsbilanzdefizits. Trotzdem könnte sich ein
entgegengesetzter Prozeß entwickeln, wenn die Spekulanten aus
diesem oder jenem Grund fürchten, daß ihre Anlagen in US-Dollar
in Gefahr sind. Dann werden sie nach anderen "sicheren
Häfen" Ausschau halten, wie der D-Mark oder dem Schweizer
Franken. Das könnte ein Durcheinander auf den europäischen
Devisenmärkten auslösen. Unter solchen Umständen wäre es
unmöglich, einen gesamteuropäischen Mechanismus von festen
Wechselkursen aufrechtzuerhalten.
Wie in einem Artikel in The
European vom 19-25. Januar betont wurde: "Die
Auswirkungen des amerikanischen Abschwungs auf Europa wären
besonders spürbar, wenn er, wie erwartet, den Dollar in die
Gegenrichtung schickt. Die wirtschaftliche Verbesserung in
Deutschland und Frankreich wurde durch Exporte erreicht, weil die
D-Mark und andere EWU-Währungen gegenüber dem Dollar gefallen
sind. Die Inlandsnachfrage hat sich kaum verbessert. Wenn der
Dollar im Verlauf von 1998 geschwächt würde, könnte der
Hauptanstoß für Europas ermutigende Wachstumsrate entfernt
sein. Die Vorhersagen fangen schon an, das einzukalkulieren, je
länger das Jahr schon dauert." Der Artikel fährt fort:
Wenn das Wirklichkeit wird, "wird das Wachstum in Europa
schnell auf das trübe Niveau von Anfang der 90er Jahre
zurückfallen. Würde der Euro überleben?" Wir müssen
diese Frage mit "nein" beantworten.
Es wird zunehmend wahrscheinlich,
daß Europa im Verlauf des Jahres auf eine Rezession zusteuert.
Die Auswirkungen der Asienkrise sind etwas verzögert, aber die
jüngsten Berichte und Warnungen aus Industrien beispielsweise in
Schweden und Deutschland sagen, daß Exporte und Produktion
sinken werden. Eine neue Rezession in Europa wird letztlich das
EWU-Projekt kaputtmachen oder die EU-Länder zwingen, es in die
fernere Zukunft zu verschieben.
Eine andere Frage ist, wann das
genau sein wird. Trotz allem versuchen die EU-Länder immer noch,
sich zusammenzuraufen und mit dem Projekt weiterzumachen. Der
Kampf gegen die Sparmaßnahmen von Maastricht wird deshalb
weiterhin ein Merkmal in jedem größeren Klassenkampf in Europa
sein.
Europa
in der Krise
Die Auswirkungen der Asienkrise
auf die europäischen Exporte, Produktion und Banken könnten
viel größer sein als die bürgerlichen Medien vorhersagen.
Europäische Banken haben selbst 1997 heftig Geld nach Ostasien
verliehen, als die anderen Banken sich zurückzogen. Europas
Banken haben zusammen für 365 Milliarden Dollar Kredite an Asien
vergeben. Es kann nicht ausgeschlossen werden, daß von den
SteuerzahlerInnen in Europa verlangt wird (in vielen Ländern zum
zweiten Mal in diesem Jahrzehnt), für die auftretenden Verluste
zu zahlen. Zusätzlich wird langsameres Wachstum die
Haushaltsdefizite in ganz Europa erhöhen und "den Glanz aus
der vorhergesagten Erholung 1998 nehmen", so der Observer
vom 25. Januar. Neue Sparmaßnahmen werden notwendig sein, um die
Maastricht-Kriterien zu erfüllen. Das wird zusammen mit
Arbeitsplatzverlusten den Weg bereiten für einen Aufschwung im
europäischen Klassenkampf. Ein Guardian-Journalist
formulierte es so: "Es besteht das Risiko, daß auf die
finanzielle Kernschmelze in Asien die soziale Kernschmelze in
Europa folgt."
Die Kluft zwischen reich und arm
ist jetzt größer als in irgendeiner Zeit in der Geschichte des
Kapitalismus. Massenarbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung sind
jetzt weltweit auf demselben Niveau wie in den 30er Jahren, auch
wenn sie in Westeuropa noch in gewissem Umfang durch soziale
Sicherungsmaßnahmen "gepolstert" sind. Die
Ungleichheit in den Löhnen ist in vielen Ländern größer als
zu Beginn der Industriellen Revolution, eines davon ist
Großbritannien. 1997 lebten 1,3 Milliarden Menschen auf dem
Erdball in absoluter Armut (gemäß der Definition der Vereinten
Nationen). Selbst in der entwickelten kapitalistichen Welt gibt
es jetzt 100 Millionen Menschen, die die UNO als arm betrachtet.
Die Erholung in den 90ern
gründete sich vor allem auf die Super-Ausbeutung der
ArbeiterInnen und unterdrückten Massen in der weniger
entwickelten Welt. Der Kapitalismus in den 90ern hat all die
Merkmale, die Marx im "Kapital" beschrieb: "Die
Akkumulation von Reichtum auf dem einen Pol ist also zugleich
Akkumulation von Elend, Arbeitsqual (...) auf dem Gegenpol, d.h.
auf Seite der Klasse, die ihr eigenes Produkt als Kapital
produziert." Für einen großen Teil der
ArbeiterInnenklasse, vor allem die am meisten Unterdrüchten -
Niedriglohn-, Teilzeit- und ungelernte ArbeiterInnen, Frauen und
ImmigrantInnen - gab es einen absoluten Niedergang im
Lebensstandard, trotz der Erholung.
Eine ständige Umverteilung von
Wohlstand und Einkommen von der normalen Bevölkerung und dem
Öffentlichen Dienst in die Taschen der Kapitalisten hat in den
letzten 10-15 Jahren stattgefunden. In den letzten 15 Jahren sind
die Verdienste von etwa der Hälfte aller arbeitenden Menschen in
den USA real gefallen, während der Anteil des Profits am
Volkseinkommen von 4,8 Prozent auf 8,4 Prozent 1995 anstieg.
Die Widersprüche in der
Geselschaft, die sich in letzten wirtschaftlichen Erholung
vertieft haben, werden den Weg für zukünftige soziale
Explosionen bereiten. Die Bewegung der Arbeitslosen in Frankreich
ist ein Anzeichen dafür, was passieren kann. Solch eine Bewegung
kann als Katalysator wirken und andere Teile der ArbeiterInnen
und Jugendlichen ermutigen, auf die Straße zu gehen.
Für die Parteien, Sektionen und
Gruppen, die im CWI zusammengeschlossen sind, wird die kommende
Periode neue Wachstumsmöglichkeiten eröffnen, sowohl in der
Mitgliederzahl als auch im Einfluß. Die brennendste Frage ist es
jetzt, unsere Kräfte theoretisch, politisch und organisatorisch
auf die Turbulenzen und die soziale Unruhe vorzubereiten, die vor
uns liegen. Die größte Gefahr ist, daß unser Programm, unsere
Slogans und Taktiken und die tägliche Arbeit die Vergangenheit
wiederspiegeln und nicht die Gegenwart oder die Zukunft.
Zurück
zum Sozialismus und Marxismus
Die Bosse werden versuchen, die
ganze Last der Krise auf die Schultern der ArbeiterInnen und
Armen abzuladen: das ist ein Rezept für bittere Klassenkämpfe
in Form von Streiks, Besetzungen etc. In den Bewegungen, die
ausbrechen werden - zur Verteidigung von Arbeitsplätzen und
Sozialleistungen, für Arbeitszeitverkürung und für Löhe, die
zum Leben reichen - werden die Ideen des Sozialismus und von
Öffentlichem Eigentum wieder auf die Tagesordnung zurückkehren.
Eine starke Ablehnung der Diktatur des Marktes wird sich
entwickeln und diejenigen werden offene Ohren finden, die
argumentieren, daß sie durch eine demokratisch geplante
Wirtschaft gemäß der Bedürfnisse des Volkes und nicht des
Profits ersetzt werden sollte. Wir müssen als die Verfechter des
internationalen Sozialismus sichtbar sein und müssen unsere
Sektionen in Kampforganisationen umwandeln, die in Kämpfen
eingreifen und einen Weg nach vorne zeigen können.
Die jüngsten Ereignisse haben die
Krise des Kapitalismus und die bürgerliche Ideologie
bloßgelegt. Die daraus folgende Frage ist: Warum funktioniert
der Kapitalismus nicht und was sind die Ursprünge dieser Krise?
Um eine Antwort und eine schlüssige Erklärung zu finden, werden
sich Jugendliche und fortgeschrittene ArbeiterInnen den Ideen und
Methoden des Marxismus zuwenden.
Dieses Jahr sieht den 150.
Jahrestag des Kommunistischen Manifests, geschrieben von
Marx und Engels. Das Kommunistische Manifest wurde
geschrieben, um die Mitglieder des Bundes der Kommunisten zu
bewaffnen und vorzubereiten für die bevorstehenden Revolutionen,
die 1848 über Europa hinwegfegten. Es ragt immer noch heraus als
eine der wichtigsten jemals verfaßten Schriften. Seine letzten
Worte sind treffender als jemals: "Mögen die herrschenden
Klassen vor einer kommunistischen Revolution zittern. Die
Proletarier haben nichts zu verlieren als ihre Ketten. Sie haben
eine Welt zu gewinnen. Proletarier aller Länder, vereinigt
euch!"
Internationales
Sekretariat des CWI, 09.02.1998
Übersetzung: Wolfram Klein, SAV Stuttgart
Anmerkungen in eckigen Klammern durch den Übersetzer und
Herausgeber SAV.
Dieser Text wurde von der deutschen Sektion des CWI, der Sozialistischen Alternative, als Broschüre herausgegeben. Diese kann über die SLP in Wien bestellt werden.
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