Koedukation
Chancengleichheit an den Schulen?

Seit 1975 können Mädchen und Burschen die gleichen Klassen besuchen. Doch war das wirklich der Durchbruch?

von Cathrin Lipowec
Gymnasium Fichtnergasse
März 2001

Mit der 5. Schulorganisationsnovelle 1975 wurde in Österreich die Koedukation, d.h. der gemeinsame Unterricht von Mädchen und Buben, eingeführt. Doch bis dahin war es ein langer Weg. Paradox erscheint vor allem die Tatsache, daß die Koedukation, für die viele Frauen so lange gekämpft haben, nicht die erhofften Früchte trug.

Mit Einführung der Koedukation galt die Benachteiligung der Mädchen im Bildungssektor überwunden. Mädchen besuchen jetzt zwar Gymnasien, sind dort auch gerne gesehen, doch die naturwissenschaftliche Laufbahn oder die prestigereicheren naturwissenschaftlichen Studien bleiben nach wie vor eine Domäne der Männer. Hier hat sich ganz stillschweigend eine Entwicklung fortgesetzt, die bereits mit der Einführung der allgemeinen Schulpflicht begann:

Während die Grundschulen von Anfang an beiden Geschlechtern offenstanden, waren Mädchen von höheren Bildungsanstalten so gut wie ausgeschlossen. Institutionen haben nun einmal ihre Geschichte, die sie nicht einfach ignorieren oder durch Verordnungen ungeschehen machen können. Die Einstellung zur Mädchenbildung war durch die Jahrhunderte hindurch geprägt von Frauenverachtung, Ausgrenzung und Einschränkungen.

Als gegen Ende des 19. Jahrhunderts viele Frauen immer mehr nach Gleichberechtigung auch im Bildungswesen strebten, kam es (wieder einmal) zu Debatten über die "Natur der Frau". Es war die Rede von der "weiblichen Sonderart" mit der natürlichen Berufung der Frau zu Dienstbarkeit und Kinderpflege. Allerdings wurde auch im bürgerlichen Lager der Druck immer größer, zumindest unverheirateten Frauen die Ausübung eines Berufes zu ermöglichen.

Die höhere Mädchenbildung wurde im 19. Jahrhundert von Teilen des liberalen Bürgertums gefördert, doch als Zugang zu Universitäten war diese Bildung nicht gedacht.

1870 stellte Marianne Hainisch im Frauen-Erwerbs-Verein einen Antrag auf Ermöglichung höherer Mädchenbildung, entweder durch die Gründung eines eigenen Mädchengymnasiums oder durch die Einrichtung von Mädchenklassen in Knabengymnasien. Dieser Antrag wurde vom Wiener Gemeinderat abgelehnt. Es brauchte ein weiteres Jahrhundert bis zur Einführung der Koedukation. Zwei Vorreiter in Sachen höhere Mädchenbildung sind das 1873 in Graz gegründete sechsklassige Mädchenlyzeum (auf privater Basis) und die 1892 gegründete erste Wiener gymnasiale Mädchenschule. Betrieben wurde sie vom Frauen-Erwerbs-Verein und hatte ihren Standpunkt zunächst in der Hegelgasse, später in der Rahlgasse (ab 1977/78 auch Buben).

Mit der Einführung der Koedukation sahen viele das Problem der Benachteiligung von Mädchen gelöst, zumal die Mädchen mit besseren Noten und Abschlüssen die Burschen überrunden konnten. Das ist allerdings eine äußerst naive und oberflächliche Sichtweise. Denn sie läßt außer acht, daß die Einrichtungen für die Bildung von Männern und Knaben geschaffen waren und auch weiterhin deren Bildungsinteressen und -bedürfnisse berücksichtigen. (Die Inhalte, das Lernziel, Schulbücher, Sprachgebrauch, Interaktionen und Hierarchien sind an Knaben und Männern orientiert geblieben.)

Kann man/frau hier wirklich von Chancengleichheit sprechen?

Viele Studien beweisen:

Buben bekommen mehr Aufmerksamkeit als Mädchen. Knaben werden doppelt so oft gelobt oder getadelt.

Erbringt ein Mädchen eine gute Leistung, war sie fleißig bzw. ordentlich. Bei einem Knaben allerdings heißt es: "Er ist intelligent aber lebhaft." Den Mädchen wird oft ihre Intelligenz ganz abgesprochen. Versucht einE LehrerIn Mädchen und Buben gleich zu behandeln, ihnen gleich viel Aufmerksamkeit zu schenken wird das von Buben oft als "Bevorzugung" der Mädchen gesehen. Die häufigste Reaktion von Buben gegenüber dieser "Bevorzugung" ist das Stören des Unterrichts. Durch einen speziell für Buben interessanten Unterricht versuchen ihrerseits die LehrerInnen, die Burschen wieder für den Unterricht zu gewinnen.

Anscheinend festigt die Koedukation Rollenstereotypen. In der Klasse sind Mädchen für das Soziale, Buben für das Intellektuelle zuständig. So entwickeln Mädchen oft rollenspezifische Interessen, die eher in Richtung eines Helferinnendasein gehen, als in Richtung (Natur-)Wissenschaften. Mädchen in koedukativen Klassen interessieren sich zu einem hohen Prozentsatz für alles Sprachliche, Musische, Künstlerische und Soziale. Nur ganz wenige zeigen Interesse an Naturwissenschaften.

Genau dieses Drängen in Stereotypen wird vielen Mädchen später in der Berufswelt zum Verhängnis. Sie bekommen die schlechter bezahlten, weniger prestigereichen Jobs mit schlechterer gesellschaftlicher Stellung.

In diese Rollenklischees werden Mädchen und Burschen zumeist von LehrerInnen mit stereotypen Alltagstheorien gedrängt. Mit diesen Theorien versuchen sie, das Verhalten von Mädchen und Burschen zu erklären und rollenspezifisch zu verankern.

Doch auch zwischen Lehrerinnen und Lehrern scheint es eine geheime Übereinkunft zu geben, nach der Lehrerinnen für die pädagogischen Aufgaben (emotionale, verständnisvolle Betreuung, persönliche Anteilnahme und Schutz) verantwortlich sind, und Lehrer in der Rolle des Wissensvermittlers und als Vertreter hierarchischer Machtstrukturen brillieren.

Ein weiteres Problem ist das begrenzte oder nicht vorhandene Frauenbild in Schulbüchern, das keine Identifikationsmöglichkeiten bietet.

Mädchen sind öfter Aggressionen, herabsetzenden Äußerungen oder sexueller Gewalt, die von Burschen ausgeübt wird, ausgesetzt.

Hingegen liegen auch Studien vor, die an reinen Mädchenschulen durchgeführt wurden. Sie besagen, daß Mädchen aus diesen Schulen weitaus mehr Interesse für (Natur-) Wissenschaften entwickeln. Diese Studien stammen nicht, wie man/frau vielleicht annehmen möchte, aus feministischen Projekten, sondern aus traditionellen Mädchenschulen.

Mädchen aus reinen Mädchenschulen sind viel selbstbewußter und erreichen auch sozial höherstehende Berufe.

Während Mädchen aus koedukativen Klassen ihre "Lektion gelernt" haben. Sie haben die hierarchischen Spielregeln durchschaut und haben sich zum größten Teil den Burschen untergeordnet. (Viele Mädchen trauen sich z.B. im Mathematikunterricht nichts mehr fragen, da sie damit rechnen können, von einem Burschen einen blöden Kommentar zu erhalten.)

Diese Mädchen wissen um die männlichen Dominanzstrategien und Aggressionen und damit um die gesellschaftlichen, patriarchalischen Machtstrukturen bescheid. Daher haben sie auch ein weitaus geringeres Selbstvertrauen.

Forderungen:

Neue Konzepte, Lerninhalte und eine Vermittlungsweise, die weibliche Lebenserfahrungen berücksichtigt und tatsächlich chancengleichen Zugang zu allen Rollen ermöglicht.

Umgestaltung der Unterrichtsmaterialien und des Unterrichts für den naturwissenschaftlichen Bereich, um den Unterricht auch für Mädchen interessant gestalten zu können. Es ist nötig, positive Identifikationsangebote für Mädchen im Mathematikunterricht zu machen. Diesbezügliche Aufgaben oder die Lehrperson, die unterrichtet, können dahingehend wirken. Unterschiede zwischen Mädchen und Buben sollen problematisiert werden und das Interesse zwischen ihnen gefördert. Dies kann z.B. bedeuten, auf bereits vorhandene Rollenklischees unter den Kindern aufmerksam zu machen.

 
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